Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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pus Lm JugrnÄrnnnrrungrn. Von Berthold Auerbach. , erthold Auerbach ist besonders durch seine „Dorfgeschichten" berühmt geworden, und was er auch später geschrieben hat, konnte.nicht an diese heranragen. Unter den vielen Plänen, mit denen sich der Dichter in seinem späteren Leben trug, erscheint an erster Stelle die Absicht, seine eigene Dorfgeschichte zu schreiben, nachdem er vorher die Denkwürdigkeiten mancher Nordstetter geschrieben hatte. Im Jahre 1870 wollte er bei einem Besuche in der Heimat das Idyll seiner Jugend an Ort und Stelle beschwören, da brach der Krieg aus, der Auerbach, wie er schreibt, die „Wnrzelruhe" nahm.. In seinem literarischen Nachlasse finden sich wohl viele Materialien zu einer Autobiographie vor, aber die Bearbeitung seiner „Jugendzeit" hat der Dichter bis zum Jahre 1880 verschoben, wo er sich — körperlich und geistig wohl — bei einem Aufenthalte im Neckartale ganz in seine Jugendzeit versetzen wollte. Da wurde er plötzlich krank, und Auerbach mußte nach dem Süden reisen, wo er leider starb. Im Nachlasse befindet sich, von Auerbachs Hand geschrieben, das Kapitel: Der Knabe auf dem Torfe. Vor kurzer Zeit überraschte mich der Ordner deS Nachlasses Dr. Bettelheim, mit dem ich schon seit längerer Zeit wegen Berthold Auerbach in brieflichem Verkehre stehe, mit der Uebersendung der folgenden Blätter, in welcher die Reife Auerbachs nach dem Bet-Hamidrasch, von diesem selbst niedergeschrieben, veröffentlicht ist. Worms. S. Rothschild. Die Reise nach Hechingen zum Besuche des Bet- Hamidrasch. Mein Bruder Maier kutschierte, ich saß neben ihm, hinter uns mein Vater und der Lehrer. Wir fuhren nicht über Mühringen, sondern über Empfingen. Mein Bruder vermied den Ort Mühringen, denn dort in dem Hanse nicht weit von der Eyachbrücke lebte seine ehemalige Braut, die, wie es hieß, ihn noch liebte, obgleich sie sich bald entschlossen, sich mit ihres Nachbars Sohn, dem Ladenbesitzer Bietigheimer, zu verloben. Wir fuhren die Friedrichstadt vorüber, ich hörte, daß da nur Juden wohnen. Das erschien mir als ein wahres Paradies. Keinen! Spott und keinem Haß ausgesetzt, unter lauter Juden wohnen, wie herrlich muß das sein. Wir kehrten in der unteren Stadt beim „Rößle" ein und verzehrten die mitgebrachten Fleischspeisen. Wir gingen bald nach der oberen Stadt am Schlosse vorüber, wo eine Wache stand; auf der anderen Seite warein unausgebauter Schloßflügel, dessen Fenster mit Brettern verstellt waren. Auch hier wurden wir im Vorübergehen begrüßt; au der Ecke wohnte der Kaufmann, dessen Frau eine Schwester von Samuel Rothschild in Nordstetten war. Und weiter stand auf den steinernen Stufen seines Hauses der Moses Neuwind, genannt Bacher, und grüßte meinen Vater als alten Freund und Verwandten, und da hörte ich, daß man die Frau des Reb Nate das Schiüusgitele (d. h. Schwätzerin) nannte. Wir gingen nach dem Bet-Hamidrasch, es liegt ganz abseits an der Straße und bildet eine Sackgasse; über der Tür war in Stein gehauen die Jahreszahl seiner Errichtung. Reb Rate war ein behaglicher kleiner Mann mit einein Spitzbart am Kinn, den er beständig durch die Hand zog. Er sprach nicht viel, desto mehr aber seine Frau, eine zierliche, bewegliche Erscheinung mit Eidechsenaugen. Sie fragte, ob sie uns einen Kaffee bereiten dürfe; mein Vater lehnte ab, wir hätten erst kürzlich Fleisch gegessen und ich hörte, wie er später zum Lehrer sagte, das Anerbieten war nicht ernst gemeint, es . . . das ist ein jüdischer Ausdruck, der schwer zu übersetzen ist, aber eine feine Schattierung der Heuchelei in sich schließt. Wörtlich übersetzt hieß es Gesinnungsdieberei und wird eben da angewendet, wo ein freundliches Angebot nicht ernst gemeint ist, daß man es ablehne. Das gilt als eine große Sünde, denn es ist falsches Spiel .mit dem Heiligtum der Gastfreundschaft. Ich hörte, daß mein Vater die Pensionsbedingungen noch nicht fest geordnet hatte; es wurde vorgehalten, daß ein Enkel des Kiefer von Baisingen viel höhere Pension bezahle nnd mein Vater versprach noch halbjährlich zwei Malter Korn dreinzugeben. Ein Kalfaktor des Hauses, der eine Art Diener und religiöser Verehrer war, zeigte uns die Wohnung. Ans der Rückseite des Hauses war eine glasgedeckte Veranda, aus der man den fürstlichen Garten sah; es wurde aber sofort bemerkt, daß man den fürstlichen Garten nie betreten dürfe. Auf der Veranda stand ein Mann, über und über mit dem schnurtzigen weißen Betmantel bedeckt und sah uns blöde ans seinem verkümmerten, mit weißen Stoppeln bedeckten Gesichte an, nickte und betete weiter, indem er sich auf und nieder beugte. Der Kalfaktor erklärte nur, der Mann hieße Jule, sei ein Bruder des Reb Rate, ein furchtsamer stiller Wahnsinniger, der niemand was zuleide tue, das ganze Jahr die Gebete des Versöhnungstages spreche und vom Morgen bis in die Nacht faste, nur manchmal gehe er ans. um in das Zahlenlotto zu setzen. Mir war angst und bange vor dem Manu, obgleich er sich nicht um uns kümmerte. Ich sah auch Mitschüler, besonders den vierschrötigen Meier Hilb von Haigerloch; er versprach meinem Bruder, ein Auge auf mich zu haben und er hat es redlich gehalten. Denn von all den guten Sachen, die mir meine Mutter später schickte, hat er den größten Teil verzehrt. Ich durfte noch bei den Meinigen im „Rößle" übernachten und wir waren noch sehr munter. Mein Vater sang noch dem Lehrer und Bruder eine neue Melodie vor, die er arn Laubhüttenfest (auf einen Gebettext) setzen wolle. Diese Melodie ist mir für mein ganzes Leben zu einer besonderen Herzbewegung im Gedächtnis. Ich habe erst viel später erfahren, woher sie stammt. Sie war aus dein Duette aus „Titus" von Mozart, auf die Worte gesetzt: Laß Glück und Schmerz uns teilen. Arn Morgen beteten wir noch gemeinschaftlich, nachdem wir die Gebetriemen angelegt hatten, und nach dem Frühstück, es gab hier ein wunderschönes Weißbrot, gingen wir gemeinsam nach der oberen Stadt, uns voran der Hausknecht, der meinen Koffer trug. Wie oft bin ich noch im Laufe der Jahre hinter dem vorausgetragenen Koffer dreingegangen, in welchem meine Habseligkeiten verpackt waren, und wie islls mir manchmal gewesen, als schritt ich hinter meiner Leiche. — Damals ging ich noch an der Hand meines Vaters und hinter mir drein ging mein ältester Bruder und Lehrer. Wir wurden angehalten vom Lehrer von Hechingen, der aussah wie ein katholischer Geistlicher. Als ihm gesagt wurde, wer ich sei und was aus mir wird, sagte er mit einem seltsamen Tone: So, zu Rate kommen Sie? Uns fiel damals, der geringschätzige Ton auf; aber ich hatte doch meine Freude daran, daß ich zum erstenmal Sie genannt wurde. Jetzt bin ich doch bereits etwas ganz anderes als daheim. Wir kamen in das Bet-Hamidrasch. Die alte Polackin, die im Erdgeschosse wohnte, begrüßte uns im Hausflur. Mein Bruder Maier schenkte ihr eine Gabe, wofür sie uns Glück und Segen wünschte. Wir gingen die Treppe hinan und nun wurde mir mein Zimmer angewiesen, in dein mein Bett stand. Ich saß auf meinem Koffer, während der Vater mit Bruder und Lehrer alles fest inachten im andern Zimmer mit dem Rabbi. Eine schöne Magd kam, sie sagte aber sofort, sie sei