Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Und Jahr für Jahr unterzog sich Eliel, der Greis, dieser stundenlangen Wanderung nach der nächsten Stadt, ohne auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen, ja, kein einziger Tropfen Wasser kam an diesem Tage über seine Lippen. Trotz der großen Anstrengung, die ihm der weite Marsch verursachte, fühlte sich Eliel glücklich. Der geistige Widerschein der eben in inbrünstiger Andacht verbrachten Stunden lag über seinem Antlitz, besten tiefe Furchen von so viel Menschenleid erzählten. Aber kein verbitterter Zug war jetzt darin zu entdecken, sondern die heitere Ruhe eines edlen Alters leuchtete ihm aus den Augen, und um seinen Mund spielte ein mitleidiges Lächeln über der Menschen unnütze Sorge und Unruhe. Sie hatten ihm viel zu Leid getan, die Menschen, all die sieben Jahrzehnte hindurch seines mühseligen Lebens, aber in diesem Augenblicke hatte er keine Anklage mehr gegen sie: seinem weisen, leidenschaftslosen Herzen waren Haß und Feindschaft fremd geworden. Es schien ihm, als lebte er selbst nicht mehr mit — wie von einem hohen Berge aus sah er in Gedanken auf die Menschen herab, und nur ein unendliches Erbarmen überschlich seine Seele, wenn er so die Stürme und Kämpfe überdachte, die jeder einzelne überstehen muß, bis es sein geläutertes Gemüt endlich gelernt hat, in wunschloser Weisheit nur mehr das Schöne der Welt aufzunehmen. Ja, wenn es doch alle weife gewordenen Alten verstehen möchten, die Summe ihres ganzen Lebens in unauslöschlichen Lettern zu verkünden, wie auf ehernen Gesetzestafeln, aus denen die Jugend, sowie die Menschen der Reife in allen Trostlosigkeiten und wichtigen Entscheidungen ihres Lebens Belehrung und Rat finden könnten! Aber was helfen denn alle Erfahrungen, wenn sie der Mensch nicht-selbst durchgemacht hat? Ein jeder muß wieder von neuem kämpfen, leiden, hoffen und entsagen, ein jeder muß selbst durch die Schrecken des Meeres zur Tiefe hinabgetaucht sein, will er die kostbare Perle des Ueberwundenhabens erringen. Und so wird auch die ewige Zwietracht auf der Welt nie enden. Wie die Natur in stetem Kampfe sich befindet, liegt auch die Menschheit stets im Widerstreit, und ewig werden Neid und Mißgunst, Selbstliebe und Herzensroheit die Menschen auf die Menschen hetzen und Seele oder Leib wird in dem haßerfüllten Ringen wild zerfleischt. Glücklich nur der, der aufhört zu hassen. Da drangen Stimmen 'aus dem Gebüsche: „Ei, seht Eliel, den Juden!" Und eine Schar Kinder, die eben die Haselnußsträucher am Abhange des Hügels plünderten, stürzten hervor lind liefen hinter Eliel her. Er verdoppelte seine Schritte, ohne nach rechts und links zu blicken. „Nichts zu handeln? machen mer ä Geschäft?" klang es ihm von allen Seiten in die Ohren, und die Kinder versperrten ihm mutwillig den Weg. „Laßt mich los, Kinderchen, ich habe keine Zeit!" ermahnte Eliel freundlich und versuchte sich frei zu machen; es gelang ihm aber nicht. Die Kinder hängten sich an seinen Kaftan und guckten ihm in die Taschen. „Ka Gänsche drin?" rief der Keckste und die übrigen echoten ihm nach: „Ka Gänsche drin? Ka Gänsche drin?" Erschöpft sank Eliel auf eine Bank, die bei einer Quelle am Wege angebracht war, nieder. Entwischen konnte er seinen Verfolgern nicht mehr, so wollte er es in Ruhe abwarten, bis sie die Geduld verloren hätten, ihn zu verspotten. Vorläufig schien es ihnen aber noch lange Zeit Spaß machen zu wollen. Wie toll umtanzten sie ihn und krähten ihm ihre Spottsverschen entgegen, und ein ganz kleines Mädchen, das sich direkt vor ihm aufgepflanzt hatte, zupfte sich seine flachsblonden Löckchen vor die Ohren, hakte die Daumen in die Ohrlöcher seines Schürzchens und rief unaufhörlich: „Nichts zu handeln? Nichts zu handeln?" Aergerlich fuhr jetzt Eliel auf — da spürte er, wie ihm Plötzlich eiskaltes Wasser über die Stirne herunterrieselte. Der größte seiner Peiniger hatte mit der Hand Wasser aus der Quelle geschöpft und es ihm auf den Kopf geschüttet. „So, jetzt habe ich Dich getauft!" schrie er triumphierend^ „das war eben eine Nottaufe; freiwillig hättest Du Dich ja nicht taufen lasten!" neckte er schalkhaft, zog es aber doch lieber vor, sich aus dem Staube zu machen. Mit wildem Hallo folgten ihm die anderen Kinder nach. „Der Jude ist getauft! Wir haben den Juden getauft!" so verklang es .jetzt allmählich in der Ferne. Entsetzt fuhr sich Eliel mit der Hand über die Stirne, sie war wirklich naß. Er wischte mit seinem Aermel darüber und i rieb und rieb, bis auch keine Spur von Feuchtigkeit mehr zu verspüren war. War er jetzt wirklich getauft? Ein Schrecken fuhr ihm durch alle Glieder bei dem bloßen Gedanken einer Möglichkeit. Es konnte doch nicht war sein, daß einem Kinde solche Macht gegeben sei. Nein, er wollte es nicht glauben, und trotzdein hatte er ein Gefühl, als sei er nun kein ganzer Jude mehr. Wenn Ballenstedt wenigstens einen Rabbiner hätte, den er um Rat fragen könnte! Ob er nicht lieber gleich in die Stadt zurückkehrte, um sich Beruhigung zu verschaffen? Ein lange dahinrollender Donner rüttelte ihn aus seinen Gedanken. Die Kinder auf der Landstraße fingen erschrocken zu laufen an, daß ihnen der kleine Flachskopf kaum mehr nachkam. Ein Windstoß blies den sandigen Staub in die Höhe und hüllte die Davoneilenden in eine undurchsichtige Wolke. Als die Staubwolke wieder zerstoben war, waren auch die Kinder schon verschwunden. Große Tropfen begannen zu fallen. Schwerfällig stand Eliel von der Bank auf. Sein Daheiin konnte er nicht mehr erreichen, es war der reine Wolkenbruch, der sich da auf einmal entlud. Mit raschen Schritten trat Eliel in den Wald, um Schutz vor dem Unwetter zu suchen. Immer tiefer mußte er hinein, bis die Bäume so dicht standen, daß sie den Regen mit ihren Aesten auffingen. Todmüde setzte sich Eliel auf den moosigen Grund und lehnte den Rücken gegen eine Eiche. Die Hände schmerzten ihn, so hatten ihn die Brombeerranken zerkratzt, als er hierher zu gelängen suchte, und auch jetzt blieb sein Aermel wieder an einem mit Früchten reich beladenen Zweig hängen. Einladend glänzten ihm die überreifen schwarzen Beeren entgegen, gierig streckte er die Hand danach aus, um sich daran zu laben; da fiel ihnr ein, daß der Fasttag ja noch nicht zu Ende war, und trotzdem er glaubte, verschmachten zu müssen, zog er die Hand wieder leer zurück. Der knorrige Baumstamm drückte sein müdes Haupt, Eliel legte sich daher lieber gleich vollständig in das Moos, schob den Arm unter den Kopf und begann zu ruhen. Sein Blick fiel auf eine Glockenblume, die gerade vor ihm stand. Aus ihrem lilafarbenen Kelche perlte der erste Tautropfen hernieder und blieb am Rande hängen. Eliel sah die Glockenblume, sah den Tautropfen, und wie er durch den Tautropfen hindurch blickte — da öffnete sich plötzlich der mächtige Baumstamm, an dem er lag — und Eliel sah in einen herrlichen, aber kleinwinzigen Königs-Prunksaal hinein. „Was muß das nur gekostet haben!" war Eliels erster Gedanke beim Anblick solcher ungeahnten Pracht, und mit weit geöffneten Augen starrte er in den wundervollen Raum. (Fortsetzung folgt.)