Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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erhellt, daß sie sich dauernd in den betreffenden Gemeinden erhalten haben. Es kann jedoch nach den im Läuse der Jahrzehnte gemachten Erfahrungen nicht in Abrede gestellt werden, daß sie nicht vollkommen zn befriedigen vermögen. In dem Streben nach Kürzung des Gebetstoffs ist man vielfach zu weit gegangen; für begründeterweise Ausgeschiedenes wurde nicht genügender Ersatz geboten, und die deutschen Uebertragungen ließen gar oft sowohl die dem deutschen als dem hebräischen Sprachgeiste schuldige Treue vermissen. Dazu kommt der nicht zu unterschätzende äußere Fehler, daß alle diese Gebetbücher zu unhandlich und zu teuer und schon darum nicht volkstümlich sind. Sie lassen sich auch nicht für die Schule verwenden, woraus in den betreffenden Gemeinden der unleidliche Zustand sich ergeben hat, daß ein anderes Gebetbuch dem öffentlichen Gottesdienst, ein anderes dein Religionsunterricht — der doch auf den ersteren vorbereiten soll — zugrunde gelegt ist. So bildete denn bei den von dem Gr. Oberrat der Israeliten in den Zähren 1889 und 1897 veranstalteten Enqueten über „Die Einrichtung des Gottesdienstes bei den israelitischen Gemeinden des Großherzogtums Baden" und „Die Aufgaben der obersten Organe der Landessynagoge auf dem innerkirchlichen Gebiete" eine der nachdrücklichsten, namentlich auch von Vertretern ländlicher Gemeinden und Bezirke erhobenen Forderungen die Schaffung eines den neuzeitlichen Bedürfnissen entsprechenden, mit guter deutscher Uebersetzung versehenen, möglichst billigen Gebetbuchs. Der Oberrat hat die Lösung dieser Ausgabe, der sich zu unterziehen er als eine unabweisbare Pflicht erachten mußte, nicht überstürzt. Nach zehnjähriger, gewissenhafter Arbeit seiner Religionskonferenz übergibt er nunmehr den grundlegenden ersten Teil des Gebetbuchs — für Werktage, Sabbate, Befreiungsfest, Offenbarungsfest und Laubhüttenfest — dem Urteil der Oeffentlichkeit. Ein zweiter, für Neujahrsfest und Versöhnungstag bestimmter Band und ein Ergänzungsband für Selichoth- und Fasttage sollen Nachfolgen. Bei der Bearbeitung des vorliegenden ersten Bandes wurde die altherkömmliche Gebetsammlung, speziell die in Deutschland meistverbreitete Rödelheimer Ausgabe, zugrunde gelegt. Die Herausgabe dieses wohlseilen Gebetbuchs war seinerzeit gewiß sehr verdienstlich. Während vordem nicht einmal jede Familie eines der damaligen voluminösen und teuren Gebetbücher zu erschwingen vermochte, konnte die wenig über V2 Mark kostende Rödelheimer Tefilla jedem Schulkinde in die Hand gegeben werden. Allein diesem Vorteile stehen schwerwiegende, bis jetzt nicht genügend beachtete Nachteile gegenüber, wie aus dem Folgenden sich ergeben wird: Die alten Gebetbücher enthielten nicht nur die täglichen bezw. sabbatlichen und feiertäglichen Pflichtgebete, sondern auch eine große Zahl besonderer Gebete und sonstiger erbaulicher Stücke für alle Lebenslagen. Namentlich aber fand sich in .ihnen der vollständige Psalter. Eine deutsche Uebertragung — der damaligen Ghettomundart entsprechend im Jargon — erleichterte das Verständnis. In der billigen Rödelheimer Ausgabe hingegen, auf die es hier allein ankommt, weil nur diese eine größere Verbreitung gefunden hat, sind nahezu alle der freien Wahl überlassenen erbaulichen Stücke ohne Ersatz beseitigt, von den 150 Psalmen nur 55 ausgenommen und nur hebräische Texte gegeben. Diese stoffliche Verarmung des Gebetbuchs hat wesentlich dazu beigetragen, es allen denen, die nicht in der ständigen Wiederholung meist unverstandener, zu Formeln gewordener Gebetstücke ihre Befriedigung finden, namentlich aber dem weiblichen Teile der jüdischen Bevölkerung und damit der Familie, zu entfremden. Diese Entfremdung geht so weit, daß in nicht wenigen jüdischen Häusern der größeren Städte überhaupt kein Gebetbuch mehr zu finden ist. Ganz besonders nachteilig hat sich auch der Umstand erwiesen, daß für die Festtage das Rödelheimer Gebetbuch außer den auch für diese bestimmten täglichen bezw. allsabbatlichen Gebeten nicht viel mehr als die zwei Hauptgebete (Tefilloth schewa) enthält und daher auch nicht entfernt ein vollständiges und richtiges Bild der durch die wichtige Neuerung des Mittelalters, des Machsor, bereicherten Ferertagsliturgien bietet. Die Voraussetzung aber, daß jedermann neben dem täglichen Gebetbuch (Siddur) auch das Feiertagsgebetbuch (Machsor) besitze, trifft in der heutigen Zeit immer weniger zu. Für die Jugend galt sie schon früher nur in sehr beschränktem Maße, und jedenfalls ist das Machsor regelmäßig nicht zum Gegenstände des Unterrichts in den Schulen gemacht worden. Bei Schaffung des vorliegenden Gebetbuchs war man deshalb namentlich auch auf Bereicherung des Inhalts bei gleichzeitiger besserer Verteilung desselben und auf Ermöglichung des Verständnisses aller aufgenommenen Stucke bedacht. Im Vordergründe stehen hierbei die Psalmen, die innigsten und erhabensten Gebete aller Zeiten. Hiervon enthält dieser Band des Gebetbuchs 79 der schönsten (24 mehr als der Rödelheimer Siddur), während eine weitere Zahl in die folgenden Bände ausgenommen werden soll. Die Uebertragung ist durchweg eine metrische, und zwar nicht bloß aus dein Grunde, weil diese Form, insbesondere der meist angewandte vierfüßige Jambus, dem poetischen Charakter der Psalmen gemäß ist, sondern weil jede Prosaübertragung, wenn sie nicht den Eindruck der Willkürlichkeit machen soll, einigermaßen wortgetreu sein muß, hierdurch aber, indem sie allzusehr den dem Deutschen oft ganz fernliegenden hebräischen Ausdrücken und Begriffen sich anzuschließen genötigt ist, die erbauliche Wirkung einbüßt. Die Psalmenübersetzungen von Kautzsch und Gunkel, die übrigens ihre Prosa wenigstens in Vers form dargestellt haben,' bieten hierfür belehrende Beispiele. Anderseits ist von gereimter Uebertragung, die sich lediglich des Reims wegen notwendig vom Original entfernen muß, fast durchweg abgesehen worden. Die Liturgien für die drei (Wallfahrts)-Feste sind in solchem Umfange ausgenommen, daß daneben das alte Machsor entbehrt werden kann. Von den Pijulim desselben ist alles einigermaßen Wertvolle beibehalten. Außerdem aber sind die in dem aschkenasischen Machsor vernachlässigten Koryphäen der spanisch-jüdischen Glanzzeit, insbesondere Juda Halevi und Abraham ibn Esra, mit einigen ihrer schönsten liturgischen Stücke vertreten. Die für die Feste bestimmten Pentateuch- und Prophetenabschnitte sind in vollem Umfange und mit Tonzeichen abgedruckt. Als wertvoll dürfte ferner die Aufnahme der Seelenfeier anzusehen sein. Ein besonderer Abschnitt (XII) ist dem Gottesdienste für den Geburtstag des Kaisers und des Landesherrn gewidmet. Tie in Abschnitt XIV der Liturgie für Leichenbegängnisse beigesügten Gebete für die Trauerwoche und für den Besuch der Gräber von Angehörigen und Befreundeten dürften die Anschaffung besonderer, für diese Zwecke verfaßter Andachtsbücher entbehrlich machen. Auch der folgende Abschnitt XV, welcher einige Gebete für Kinder, sowie eine ansehnliche Anzahl Gebete und Psalmen für verschiedene Lebenslagen Erwachsener enthält, dürfte einem vielfach und tief empfundenen Bedürfnisse entgegenkommen. Mehr belehrende als erbauliche Bedeutung kommt dem Abschnitt XVI zu, der — zumal in Verbindung mit den im Abschnitt VI abgedruckten „Sprüchen der Väter" — das Wesentliche der jüdischen Glaubens- und Sittenlehre in Kernsätzen aus dem gesamten jüdischen Schrifttum bietet. Der Schlußabschuitt XVII enthält religiöse Lieder in deutscher Sprache (Texte ohne Melodie), welche nach den gemachten Erhebungen in badischen und außerbadischen Gemeinden beim Gottesdienste von Synagogenchören gesungen, von der Gemeinde jedoch, wenn sie die Texte nicht vor Augen hat, nur teilweise verstanden werden und dann natürlich nicht zur vollen Wirkung gelangen. Außer diesem reichen Inhalt sind es nicht wenige äußere Vorzüge, durch die sich das vorliegende Gebetbuch vor dem gewohnten Rödelheimer auszeichnet. Alle die hervorgehobenen inneren und äußeren Vorzüge dieses neuen Gebetbuchs würden jedoch für eine umfassende Verbreitung desselben wenig bedeuten, wenn seine Anschaffung mit erheblichem Aufwande verknüpft wäre. Es ist deshalb gleichzeitig möglichste Verbilligung angestrebt worden. Der Preis von nur 1 Mark für ein ganz in Leinwand gebundenes Exemplars ist ein so niedriger, daß jedermann ohne besonderes Opfer sich in den Besitz des Buches zn y In jüngster Zeit wird von der Firma S. Lehrberger u. Cie. und M. Lehrberger u. Cie. das bevorstehende Erscheinen verbesserter Ausgaben des Rödelheimer Gebetbuchs angekündigt; dieselben kosten jedoch, obgleich sie nicht mit deutscher Uebertragung versehen sind, in Ganzleineneinband Mark 1,20.