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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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Das non dem bsLilchen Oberrat hersussrskdene Gebetbuch. Von Geh. Regierungsrat Dr. D. H. Mayer in Karlsruhe. nachdem Ende des Jahres 1895 das Plenum des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten, einem als dringend erkannten Bedürfnisse entgegenkommend, die Veranstaltung einer den modernen Anforderungen entsprechenden Ausgabe des Gebetbuchs beschlossen und die hiermit betraute Religionskonferenz die Vorarbeiten begonnen hatte, habe ich im Einverständnis mit dem Oberratskollegium in einem Rundschreiben an die Vorstände der meisten jüdischen Großgemeinden Deutschlands die Frage angeregt, ob es nicht, statt daß der Großherzogliche Oberrat selbständig an die Schaffung eines Gebetbuchs für Baden ginge, weit ersprießlicher wäre, wenn sämtliche deutsche Großgemeinden sich entschließen würden, diese hochbedeutsame Angelegenheit 31t gemeinsamer Regelung in die Hand zu nehmen. Wenn dies geschehe, würde der Oberrat sich wohl gerne entschließen, von weiteren selbständigen Schritten abzusehen, und seinerseits keinen weitergehenden Einfluß auf das Unternehmen beanspruchen, als ihm nach der Zahl der badischen Großgemeinden zukäme. Die Antworten lauteten beinahe alle zustimmend; manche waren sogar voller Begeisterung über meinen Gedanken. Praktisch war jedoch mit diesen Zustimmungserklärungen nichts anzufangen, da Berlin sich völlig ablehnend verhielt. — „Wir haben eine solche Einheitlichkeit nicht einmal innerhalb unserer Gemeinde für zweckmäßig erachtet," hieß es in dem Antwortschreiben des Vorstandes — und die andern in erster Reihe in Betracht kommenden Gemeinden entweder eben erst eine Neuauflage des bei ihnen eingeführten Gebetbuches hatten bearbeiten lassen oder doch dieses dem gemeinsamen Werke zugrunde gelegt wissen wollten. So mußte sich denn der Oberrat mit dem Bewußtsein begnügen, ein für einen erheblichen Teil der deutschen Judenheit gemeinsames Werk gewollt zu haben. Inzwischen hatten die Arbeiten seiner Religio nskonferenz nicht geruht; bei der Schwierigkeit und dem Umfang des Werkes erforderte jedoch dessen Vollendung mit Einschluß des Druckes ein volles Jahrzehnt. Vor wenigen Wochen erst ist das ungefähr 40 Bogen starke, dabei jedoch handliche Buch (Klassikerformat) zur Ausgabe gelangt. Aus den demselben beigegebenen Vorbemerkungen seien folgende besonders beachtenswerte Stellen hier mitgeteilt: Eines der wertvollsten Besitztümer des Judentums ist sein den wesentlichen Bestandteilen nach viele Jahrhunderte, zum Teil Jahrtausende altes Gebetbuch . . . Niemand kann sich jedoch der Einsicht verschließen, daß das alte hebräische Gebetbuch immer mehr an Wertschätzung verliert und bei den nachwachsenden Geschlechtern, völlig außer Gebrauch zu kommen in Gefahr ist. Die Ursachen dieser Erscheinung liegen klar zutage: dem modernen Menschen widerstreben zu viele und zu lange Gebete; vor allem aber will er nur beten, was er versteht und was seinen Empfindungen gemäß ist. Man wird anerkennen müssen, daß diese Gesinnungen und Anforderungen mit den besten jüdischen Traditionen im Einklänge sich befinden (vergl. Seite III, IV des neuen Gebetbuchs), und man wird gut tun, zu ihnen zurückzukehren. Der Abneigung gegen übermäßig ausgedehnte Liturgien kann dadurch Rechnung getragen werden, daß allzulange Gebete zu ihrem Vorteil gekürzt, Wiederholungen möglichst vermieden, Psalmen nicht in übergroßer Zahl in demselben Gottesdienste angeordnet, sondern tunlichst ihrem Inhalt entsprechend auf verschiedene Tage verteilt werden. Das Verständnis der Gebete, die unmöglich alle in der Schule durchgenommen, zumeist auch vou Kindern im schulpflichtigen Atter nicht richtig ersaht werden können, ist durch eine gute deutsche Uebertragung, vielfach auch durch eine freie Version, die zugleich einen Kommentar ersetzt, zu vermitteln und zu erleichtern. Je größerer Wert aber auf das Verständnis gelegt wird, um so notwendiger ist die Ausscheidung solcher Stellen, die vergangenen religiösen Eutwicklungsperioden entstammen. Hierzu gehören namentdie häufigen Bitten um Wiederherstellung des seit bald zwei Jahrtausenden beseitigten Opferkultus, welchen das jüdische Voll mit allen Völkern des Altertums gemein hattet — mit dem großen Unterschiede allerdings, daß die Thora die Opfer in den Dienst des einzigen Gottes gestellt hat — aus welchem es immer wieder in Götzendienerei zurückgesunken ist und mit dessen Wiedereinsührung sich die jüdische Religion, was die Art der Gottesverehrung betrifft, hinter alle andern bestehenden Kulturreligionen an die Seite von Kulten stellen würde, die auch nur vergleichsweise zu erwähnen, für das Judentum beleidigend wäre. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn jenen Bitten Erfüllung zuteil würde, ein vollständiges Schisma im Judentum die Folge wäre. Denn die große Mehrheit der Israeliten in den Kulturländern würde mit einem Zentralheiligtum, das von Räumen zur Unterbringung von Rindern usw. umgeben ist und in welchem zum Dank für die Wohltaten Gottes und als Sühne für menschliche Sünden unschuldige Tiere geschlachtet und Fettstücke verbrannt werden, sowie mit Priestern, die schlachten, Blut sprengen, räuchern, Meblopfer rühren u. dgl. m., nichts gemein haben wollen. Glücklicherweise handelt es sich jedoch bei jenen Bitten um ein in fernster Zukunft liegendes Ideal, zu dessen Verwirklichung die darauf Harrenden nach ihrer eigenen Ueberzeugung nicht die geringste direkte Aktion unternehmen, dessen Erfüllung sie vielmehr lediglich durch Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit zu befördern hoffen dürfen. Das Gleiche gilt von der Erwartung eines Messias aus dem Davidischen Königshausc, die — im Unterschiede von der erhabenen Messiasidee an sich — im Zusammenhang mit der Vorstellung von der Wiederanfrichtung des Opfertempels in der Davidsstadt steht. Die überwiegende Mehrzahl derer, die an den bezüglichen Gebetstellen festhalten, verbindet denn auch mit dem Rezitieren derselben keine lebendige Vorstellung, sondern betrachtet sie als Formeln und spricht sie gewohnheitsmäßig. Manche halten dies für unschädlich und darum eine Aenderung altherkömmlicher Gebete nicht für geboten. Solche übersehen, daß Gebet ohne Andacht und Uebereinstimmung des Herzens nach Bibel und Talmud wertlos, ja sündhaft ist und daß die Weitersührung veralteter, nicht ernstgemeinter Gebetstellen dem übrigen Inhalt der Gebete zum größten Nachteil gereicht, weil dadurch die Geister verwirrt und schließlich auch gegen das fortdauernd Wertvolle und Wichtige gleichgültig gemacht werden. Ja, die ganze jüdische Religion und damit auch die Moral werden durch Beibehaltung eines dem modernen Geiste widerstrebenden Ideals in Frage gestellt. Denn wie sollte einer fromm und sittlich sein, wenn als Endziel etwas in seinen Augen Unmögliches, von ihm nicht Gewolltes, Mißachtetes winkt? Aehnlich wie mit den auf Opferdienst und Davidischen Messias bezüglichen Stellen verhält es sich auch mit sonstigen veralteten Ausdrücken und mit einzelnen Gebeten kabbalistischen Charakters, die so wenig dem reinen Judentum entsprechen, daß selbst ein S. R. Hirsch in dem von ihm herausgegebenen, mit deutscher Uebertragnng und Kommentar versehenen Gebetbuche sie weder übersetzt, noch erläutert hat. Die Erkenntnis der Mängel der alten Gebetsammlnng hat im Laufe des vorigen Jahrhunderts dazu geführt, daß die meisten deutschen Großgemeinden (Frankfurt a. M., Berlin, Breslau, Mannheim, München, Nürnberg, Leipzig, Glogau u. a.), wie auch ganze Landschaften (Württemberg, Westfalen) neue Gebetbücher haben bearbeiten lassen, die dann auch von zahlreichen anderen Gemeinden angenommen worden sind. Diese Gebetbücher entsprachen alle bis zu einem gewissen Grade dem vorhandenen Bedürfnisse, wie schon daraus 0 Nach Abraham ibn Daud (Emuna rama S. 102 ed. Weil), nach Maimonipes (More nebuch. III 32, 35), ja sogar schon nach dem Midrasch (Wajikra rabba Abschn. Achre 22) war das Opserritual nur eine temporäre Anpassung an die allgemeine Vorstellung von Gottesanbetung bezw. ein Vorbeugungsmittel gegen den Götzenopferdienst. An die Klagen der Propheten über die Mißstände des Opferwesens braucht hier nur erinnert zu werden.

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