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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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11 ^l : - 317 auffordern." „Und wenn es der Schuß eines Provokateurs wäre," wendete ein Deputierter ein. „Ja, dann gibt es keine Verwundeten!" bemerkte der Gouverneur und gab somit die Möglichkeit einer Provokation zu. Er schloß die Audienz mit der Erklärung: „Ihre Klage gegen Scheremetjew weise ich zurück; für Donnerstag garantiere ich, und Sie können die jüdische Bevölkerung beruhigen; für die Zukunft übernehme ich keine Verantwortung. Ich glaube, die Regierung wird über Bialystok den Kriegszustand verhängen müssen; vorläufig mutz Scheremetschew in Bialystok bleiben, weil ein so kühner und tätiger Beamter für die jetzige gefahrvolle Zeit am besten geeignet ist." 3. Die Audienz bei dem Divisionskommandanten. Die Deputation kehrte nach Bialystok zurück und wendete sich noch an den Divisionskommandanten, General von Bader, denselben, der nach dem Pogrom zum Generalkommandeur ernannt wurde. General von Bader machte gleich dem Gouverneur alle Juden für die Bombenwürfe verantwortlich; die Deputation möge für ein zurückhaltendes und ruhiges Verhalten der Juden während der Prozessionen Sorge tragen; man solle es unterlassen, von den Balkons oder aus den Fenstern zu schießen und Bomben zu werfen. Die Deputation fragte: Durch welche Mittel sollen wir den Schüssen oder den Bombenwürfen von Provokateuren Vorbeugen? „Es gibt keine Provokateure," antwortete der Herr von Bader und entließ die Deputation. Das war Mittwoch Abend, und nun kam der Donnerstag mit all seinen Schrecken. II. Der Pogrom. 1. Die Beobachtungen eines russischen, orthodoxen Herrn, Dmitrh Muntjanow. a) Erster Tag des Pogroms, Donnerstag, 1./14. Juni, 3 Uhr mittags, also etwa zwei Stunden nach dem Beginn der Prozession: Lipowaja-SLraße im Zentrum der Stadt. Alle jüdische Läden werden zertrümmert. Auf der Straße Soldaten des Wladimir-Regiments, Offiziere, Polizeibeamte. In ihrer Gegenwart geht die Zerstörungsarbeit vor sich. Soldaten stecken verschiedene Gegenstände in die Taschen, dasselbe tun feingekleidete Frauen. Als Herr Muntjanow durch die Kupetscheskaja-Straße (in der Nähe der Lipowaja-Straße) ging, stieß er auf mehrere Soldaten, einen Offizier, einen Polizeiaufseher und zwei Schutzleute. Etwa dreihundert Schritte davon lies ein Jude über die Straße. Einer der Schutzleute sagte zu dem nächsten Soldaten: „Sieh dort den Juden, schieß auf ihn!" Der Soldat stellte sich in Positur und feuerte aus den Juden, der sofort stürzte. Der Soldat rief aus: „Da habe ich ihn . . . (hier folgte ein zynischer Soldatenausdruck); ich zähle nicht umsonst zu den besten Schützen." Bald daraus ging in gleicher Entfernung ein Christ mit einer Frau über die Straße. Der Schutzmann sagte: „Aus den ziele nicht, es ist einer der Unsrigen." b) Am zweiten Tag, Freitag, 1 Uhr mittags, schoß aus der Nikolajewskaja-Straße eine Rotte Soldaten auf ein Haus. Als das Schießen aufgehört hatte, blieben die Soldaten auf der Straße stehen, und etwa 30 Hooligans (darunter drei Frauen) demolierten nunmehr das Nebenhaus und plünderten es aus. Ein Soldat holte eine Kiste Lebkuchen aus dem Laden und geriet darüber in einen heftigen Streit mit einem Kameraden, der die Kiste an sich riß. Ein Offizier beobachtete dies alles, ohne ein Wort zu sagen. Als am Freitag nachmittag, etwa 4 Uhr, Hooligans mit der Beraubung eines Ladens in der Nikolajewskaja-Straße beschäftigt waren, erschien der Gehilfe des Polizeimeisters, Fedossow, und sagte zu den Hooligans, die ihn grüßten: „Meine Herren, lassen Sie das. gehen Sie weiter." Die Hooligans lüfteten ihre Hüte und gingen davon. 2. Charakteristische Einzelfälle. Der Verfasser dieses Berichts besichtigte die Gegend in der Botanitscheskaja und Nowoschosseynajastraße (im Nordwesten der Stadt). In der Botanitscheskaja sind am Freitag, den 2./15. Juni, die Frau des Buchbinders Schlechter und ihr Sohn vom Boden eines Hauses heruntergeschleppt und ermordet worden, der Mann wurde schwer verwundet, acht Kinder blieben zurück. Ebendaselbst wurde ein Zehnjähriges Mädchen Gudkin durch mehrere Schüsse verwundet, worauf ihr noch ein Bein abgehackt wurde. Gegen 50 Wohnungen und über zehn Läden sind hier zerstört worden. 3. Die Ausrüstung der Hooligans mit Waffen. Daß die Polizei auf dem Hofe der Feuerwehr und an anderen Orten Revolver und allerlei Mordinstrumente unter die Hooligans verteilte, ist vielfach erwiesen. Unter anderen beweist es der folgende Vorgang: Vor etwa acht Monaten beschlagnahmte die Polizei bei der polnischen OrganisationP.P.S.fünfzehnschwereEisenstangen. Jetzt sind diese beim Bierhändler Lipsky gefunden worden, dessen sechs bis sieben Arbeiter sich am Pogrom beteiligt haben. Die Mitglieder der P. P. S. erkannten ihre Eisenstangen wieder, und als die Arbeiter gefragt wurden, wo sie diese Sachen hernahmen, antworteten sie: Auf dem Hofe der Feuerwehr. 4. Die Haltung des Militärs während des Pogroms. Für die Auffassung der Offiziere hinsichtlich der Haltung des Militärs während des Pogroms ist die Aeußerung eines Obersten, des Eisenbahn-Kommandanten, bezeichnend. Der Verfasser dieses Berichts saß am Buffet des Bahnhofs. An demselben Tisch saßen der Kommandant, zwei Offiziere und ein Herr in Zivil. Der Zivilist äußerte schüchtern seine Bedenken darüber, daß ein Pogrom von so großem Umsange in Gegenwart von so viel Militär statthaben konnte. „Aber", erwiderte der Kommandant, „vergegenwärtigen Sie sich doch die ganze Situation. Das Volk rächt die schwerste Beleidigung seiner heiligen Gefühle und da sollen die Soldaten auf dieses Volk schießen! Was hätte das Militär erwidern können, wenn man ihnen sagte: Sie wollen gegen unsere Rache die Juden schützen, die unsere Prozession vereitelten, unser Heiligstes aufs Gröbste verletzten?!" So kann es nicht wundernehmen, wenn viele Beobachter von direkter Anteilnahme der Offiziere nicht nur an der Beschießung der Häuser, sondern auch am Pogrom selbst und dem Raube jüdischen Eigentums berichten. III. Nach dem Pogrom. 1. Die Nachforschung nach den geraubten Gegenständen. In der jüdischen Gewerbeschule, Lipowajastraße, befindet sich die Sammelstelle für die geraubten Sachen, soweit sie wieder herbeigeschafft werden. Bald nach dem Pogrom suchten viele Juden mit Hilfe der Behörden ihr Eigentum zurückzuerlangen. Das führte zu Konflikten; bei einem solchen Konflikt wurde der Jude Machay von einem Kosaken erschossen. Darauf wurde sowohl von dem Generalgouverneur wie von dem Jüdischen Hilfskomitee angeordnet, daß Die Sachen nur mit Hilfe der Polizei aufgesucht und abgeholt werden dürsten. Aus der Stadt und den umliegenden Ortschaften wurden bald so viele Sachen gebracht, daß sie jetzt einen großen Saal in der Gewerbeschule füllen. Es sind meist Sachen von geringem Wert. An dem Raub beteiligte sich jeder, der sich überhaupt während des Pogroms auf der Straße zeigte: junge Burschen, Soldaten. Schutzleute und das Raubgesindel, auch geputzte Damen und Dienstboten. 2. Der neue Generalgouverneur. Der an Stelle des Herrn von Bader zum Generalgouverneur ernannte General Bugajewsky hat besohlen, daß, sobald ein bestimmter Verdacht ausgesprochen wird, in den Kasernen nach geraubten Sachen zu suchen ist. Er hat auch am Tage des Amtsantritts, Sonntag, den 24. Juni, die Veranstaltung einer orthodoxen Prozession verboten, obgleich am Tage vorher der General von Bader sie genehmigt harte. 3. Die Unterstützung der Geschädigten. Geldsendungen gehen bei dem Bialystoker Hilfskomitee nur langsam ein. Von größeren Spenden sind zu verzeichnen: 20 000 Mark von der Alliance Israelite Universelle, 15 000 Rubel von Baron Ginsburg und Rechtsanwalt Sliosberg, Petersburg, ä conto der seitens der vereinigten großen Hilfsorganisationen (Alliance Israelite Universelle, Hilfsverein der deutschen Juden, Londoner Komitee usw.) bewilligten 100 000 Rubel, 2000 Rubel (nicht bar), von der Bialystoker Stadtverwaltung. Es folgen noch einige wenige Beitrüge bis 200 Rubel. Zwei Offiziere, von denen sich der eine nannte, spendeten 10 und 3 Rubel. Auch mehrere andere Christen beteiligten sich an der Sammlung, darunter ein polnischer Graf. Noch ist das Komitee mit der genauen Aufstellung der Verluste beschäftigt.

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