Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Juden — als Kompromiß — gestattet werde, ihren Kranz vor der Ueberführung der Leiche nach Wilna auf den Bahnhof zu bringen. Darauf äußerte Raigrodsky, daß die Juden es für unter ihrer Würde hielten, in heimlicher Weise und gegen den Willen der Witwe den Kranz niederzulegen. Nun trat der Jsprawnik Radecky hinzu. Fedossow belehrte ihn über die Sachlage. Radecky meinte, so viel er wisse, hatte Derkatschew und auch seine Frau so viel Freunde unter den Juden, daß er die Zurückweisung des Kranzes seitens der Witwe für völlig ausgeschlossen halte: er fragte Fedossow. ob er die Witwe persönlich gesprochen habe. Das war zwar nicht der Fall, aber andere Polizeibeamte, die gegen den Kranz waren, hatten sie am vergangenen Tage besucht. „Dann ist es eine Jntrigue Scheremetjews," [rief Radecky aus und bat Fedossow, selbst mit der Witwe zu sprechen. Fedossow bat Dr. Raigrodsky, ihn nach zwei Stunden wieder aufzusuchen; er werde sofort telephonisch den Gouverneur um Rat bitten. Inzwischen versammelten sich die jüdischen Vertreter und beschlossen prinzipiell, sowohl auf den Kranz wie auf eine offizielle Abordnung zu verzichten. Um Klarheit zu schaffen, wollte man jedoch oen Bescheid Fedossows einholen. Auf der Polizei traf Raigrodsky den Untersuchungsrichter Wischnewsky und den Gendarmerieoberst Gribojedow, denen er die Sache vortrug. Beide zeigten sich empört über die Haltung Scheremetjews und wollten es gar nicht glauben. Gribojedow riet, auf Fedossow zu warten; Wischnewsky schlug vor, ohne Rücksicht aus Scheremetjew den Kranz zu überbringen. Raigrodsky erklärte, daß es für die Juden sehr gefährlich wäre, gegen den ausgesprochenen Willen des letzteren zu handeln, da nach der Bestattung derselbe militärische Pogrom ausbrechen könnte, der in Homel unter ähnlichen Umständen entstand- Wischnewsky bemerkte, daß er von einem solchen Vorhaben nichts gehört hätte, aber für den 14. Juni sei eine Gefahr nicht ausgeschlossen; an diesem Tage wären Zusammenstöße und ein Pogrom möglich, da die Geistlichen vom Altäre predigen würden. Das war das erstemal, daß Herr Raigrodsky von behördlicher Seite über die Möglichkeit eines Pogroms am 14. Juni sprechen hörte. Er äußerte sogleich seine Besorgnis gegenüber dem Gendarmerieoberst Gribojedow. Dieser aber versicherte, daß ein Pogrom nicht zu erwarten sei; sollte er beginnen, so würde eine Eskadron Dragoner genügen, um ihn im Keime zu ersticken. Nunmehr erschien im Aufträge der Witwe Derkatschews Herr Zabludowsky und teilte mit, daß sie absolut nichts gegen den Kranz hätte, vielmehr für die Niederlegung des Kranzes Dankbarkeit empfinden würde. Irr diesem Augenblicke trat Scheremetjew herein und als er die Worte Zabludowskys hörte, schrie er erregt: „Wie, > ein Kranz von den Juden? Niemals! Wir Polizeibeamte alle protestieren dagegen!" Sich an die Brust schlagend, fuhr er fort: „Wir sind Christen, keine blutdürstigen Juden; sie vergießen Blut und bringen nachher ihre Kränze! Das soll nicht geschehen, ich werde es nicht zulassen!" Der Gendarmerieoberst Gribojedow, der dies mit anhörte, ging zu der Witwe hinauf und teilte nach einigen Minuten mit, sie wünsche den Kranz. Da geriet Scheremetjew in noch größere Erregung m\b schrie, dem Raigrodsky mit der Faust drohend: „Mag es auch die Witwe wünschen, wir Polizeibeamte protestieren dagegen und werden weder Kranz noch Deputation zulassen." Auf die wiederholte Frage, was er eigentlich mit dem Worte „protestieren" meine, antwortete Scheremetjew nach einigen ausweichenden Redewendungen: „Der Kranz wird nicht der Familie, sondern Derkatschew als Polizeimeister gewidmet, wir, seine Amtsgenossen, protestieren dagegen. Sollten die Juden aber trotzdem darauf bestehen, so wird das nach zwei Tagen die ganze jüdische Bevölkerung bedauern." Diese Drohung wurde sofort in Gegenwart des Scheremetjew dem Gendarmerieoberst Gribojedow, der sich im Nebenzimmer befand, mitgeteilt. Ein ehemaliger Redakteur des „Bialystoker Boten", Wasiljew, der auch die Drohung gehört hatte, äußerte zu Raigrodsky, er brauche darüber nicht an den Gouverneur zu telegraphieren, sondern könne sich auf eine Veröffentlichung in der Pbesse beschränken; Scheremetjew sei in einer nervösen Aufregung, weil bei der Polizei die Ueberzeugung herrsche, daß man nicht Derkatschew, sondern Scheremetjew habe ermorden wollen, und die Anarchisten bei der Ueberführung der Leiche Derkatschews aus dem Krankenhaus die wiederum für Scheremetjew bereit gehaltene Bombe nur aus Mitleid mit dem Publikum nicht geschleudert hätten. 2. Die Audienz beim Gouverneur. Als die führenden Kreise der Juden von Vorerzähltem unterrichtet wurden, beschloß man, eine Deputation zum Gouverneur zu schicken. Bereits nach drei Stunden waren drei Herren (Dr. Jsserson, Bankier Goldberg und Dr. Raigrodsky) in Grodno. Dort gesellte sich zu ihnen der Grodnoer Rabbiner Halpern. Um 9V4 Uhr abends am 12. Juni (30. Mai) wurde die Deputation vom Gouverneur Kister sehr kühl empfangen. Kurz vorher hatte die Deputation eine Depesche aus Bialystok erhalten, daß in der Stadt sehr glaubwürdige Gerüchte über einen für Donnerstag, den 14. Juni, geplanten Pogrom um gingen und daß der Gouverneur um Schutz gebeten werden möge. Der Gouverneur erklärte, hinsichtlich des Kranzes nichts tun zu können; er sei außerstande, die Gefühle seiner Untergebenen zu vergewaltigen. Der Haß der Bialystoker Polizei gegen die jüdische Gesellschaft sei ihm durchaus verständlich; man schieße auf die Behörde wie auf Auerhähne. Bereits wolle niemand die Polizeifunktionen in Bialystok übernehmen; es vergehe keine Woche, in welcher nicht ein Schutzmann, ein Polizeiaufseher usw. ermordet würde, das machten die Juden, darum könnten keine besseren Beziehungen zu den Juden obwalten. Auf die Einwendung, es könne doch unmöglich die ganze jüdische Bevölkerung für die Taten einiger nicht entdeckter Verbrecher verantwortlich gemacht werden, um so weniger, als auch die jüdische Bevölkerung selbst andauernd von den Anarchisten terrorisiert würde, antwortete er: Die Mörder sind unzweifelhaft Juden und sind als solche Mitglieder der jüdischen Gesellschaft. Die Juden selbst müßten der Polizei zu Hilfe kommen, die Anarchisten nennen und ausliefern; sie müßten den Anarchisten, der auf einen Polizisten schießt, auf der Stelle töten, sie müßten sich zum Kamps mit den Anarchisten und der Kampforganisation des „Bundes" organisieren . . . „Sie verlangen von der Polizei alles und geben ihr selbst nichts, ich kann also bezüglich des Kranzes nichts tun, der Protest geht nicht nur von Scheremetjew aus, sondern von der ganzen Polizei, nur sind die einen kühn und offenherzig, wie Scheremetjew, die andern nicht, genieren sich vor Ihnen, denken aber dasselbe." Die Deputation entgegnete: Es sei begreiflich, daß in Bialystok die meisten politischen Verbrecher Juden sind, da sie hier achtzig Prozent der ganzen Bevölkerung ausmachen; in Moskau, Simferopol, Saratow seien es die orthodoxen Russen, in Polen — die Polen in den Ostseeprovinzen — die Letten und Littauer. Von den Anarchisten seien nach einer Erklärung des Polizeimeisters Fedossow selbst, dreiviertel der Polizei bekannt und sie könne sie jeden Augenblick verhaften lassen. „Ja", erwiderte der Gouverneur, „aber was werden die liberalen Zeitungen dazu sagen; sie lärmen schon immerzu, daß die Gefängnisse überfüllt sind; und unsere Reichsduma! Wenn diese doch nur in Bialystok zu sprechen und zu handeln versuchen würde!" Hinsichtlich der befürchteten Pogroms erklärte der Gouverneur fast wörtlich: „Meiner Pflicht und meinem Eide gehorchend, werde ich alle Maßnahmen ergreifen,um den Pogrom in Bialystok zu verhindern, und sollte er ausbrechen, ihn sofort unterdrücken. Jch'werde veranlassen, daß genügend zahlreiche Truppen in die Stadt einrücken, um den Uebeltätern Einhalt zu gebieten. Sollte man jedoch bei Ihnen mit der Ermordung von Polizeibeamten nicht aushören, so garantiere ich nicht für die Zukunft!" Die Deputierten versetzten, der Pogrom sei doch nicht nur am nächsten Donnerstag, sondern jederzeit möglich; dürfe denn die jüdische Bevölkerung nicht auch für die Zukunft auf den Schutz des Gouverneurs rechnen? „Nein," antwortete der Gouverneur, „da die Juden auch auf die Soldaten schießen und die Wut unter dem Militär wächst, so kann eine Zeit kommen, in der man mit dieser Wut nicht fertig wird. Ich werde allerdings auch dann meine Maßregeln ergreifen . . . Sollte am Donnerstag etwas los sein, so lassen Sie mich durch den Polizeimeister telephonisch benachrichtigen. Ich werde das Nötige tun, natürlich, wenn das Telephon unbeschädigt bleibt." Der Gouverneur bemerkte weiter, daß gegen die Verbrechen der Revolutionäre ein energisches Vorgehen des Militärs immer noch das wirksamste Mittel sei: „Am 30. Juli vorigen Jahres hat man einige Leute erschossen und wir hatten darauf ein halbes Jahr lang Ruhe. Wenn ich der Beerdigung Derkatschews beiwohnen würde und einen Schuß hörte, würde ich selbst das Militär zu energischem Vorgehen