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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 Frist zu engagieren. So übersteigt der Schaben, der — abgesehen von Gräuel und Elend — aus solchen Vorkommnissen sich ergibt, weit den Betrag dessen, was tatsächlich zerstört wurde." ♦ Im englischen Unterhause wird fast in jeder Sitzung die Regierung zu einer Aeußerung über die russischen Massakers gedrängt — aber ohne Erfolg! Am 27. v. M. regte abermals der Deputierte Thorne an, den Besuch der englischen Flotte in Kronstadt zu unterlaßen, weil in Rußland Juden hingemordet seien. Staatssekretär Sir Edward Grey äußerte sich in derselben Weise ablehnend wie bei den früheren ähnlichen Vorschlägen. Aber auf die Dauer wird diese Praxis nicht aufrecht zu erhalten sein. Wenn man auch zugeben will, daß Sir Edward Grey von der amtlichen Stelle, von der er zu sprechen hatte, vorläufig nichts anderes sagen konnte, aber darin ist die öffentliche Meinung Englands wohl einig, daß der Minister in dieser Sache sein letztes Wort »och nicht gesprochen habe, und auch darin ist sie einig, daß die Freundschaftsverhandlungen mit einer Regierung, unter deren Augen und mit deren Konnivenz die Gräuel von Bialystok verübt wurden, unmöglich fortgesetzt werden könnten. Sir Edward Grey, der, als er noch nicht in seiner gegenwärtigen verantwortlichen Stellung sich befand, bei jeder an einem Mazedonier begangenen Unbill so außerordentliche Empfindlichkeit bekundete, wird nicht fühllos bleiben den unerhörten Grausamkeiten gegenüber, die in Rußland nicht allein von den Schwarzen Hundert, sondern von der Polizei und dem Militär an den Juden begangen werden. Die öffentliche Meinung Englands würde eine solche Verschiedenartigkeit der Haltung, eine solche Differenzierung der Auffassung, je nachdem die Mißhandelten mazedonische Christen oder russische Juden sind, einfach nicht verstehen. Hören wir, wie die konservative „Morning Post" sich hierüber äußert: „Dieselbe russtsche Autokratie, die zeitweilig die Initiative ergriffen zur internationalen Erörterung verschiedener humanitärer Fragen, ist verantwortlich für die Massakers, die die jüngsten Annalen Rußlands befleckt haben. Die richtige Haltung fremder Regierungen, speziell der britischen, scheint unS: zu beobachten und zu warten. Wir bekennen uns zu dem größten Mißtrauen den Plänen gegenüber, die in der jüngsten Zeit in unserem Lande für ein Einvernehmen mit Rußland lanciert wurden, und zugleich zu voller Sympathie mit jenen Mitgliedern der Arbeiterpartei, die gestern im Parlament angefragt haben, ob angesichts der jüngsten Schreckenstaten in Bialystok die britische Flotte den projektierten Besuch in Kronstadt noch machen könne. Sir Edward Grey hat ganz recht getan, auf die Erörterung dieses Themas jetzt noch nicht einzugehen, er wird jedoch gut tun, im Auge zu behalten, daß in Dingen dieser Art die Majorität der Engländer ein starkes Empfinden hat und daß es demgemäß klug wäre, die Regierung nicht im voraus für eine Haltung zu verpflichten, die später lebhaft mißbilligt würde." Auch die „Times" schreiben, sie würden es für einen ernsten Fehler halten, wenn die englische Regierung sich auf eine Fraternisierungspolitik mit einer bei den ergenen Untertanen verhaßten und von der ganzen Welt verurteilten Regierung einließe. Der „Daily Telegraph" plädiert dafür, der Regierung des Blutvergießens und der Grausamkeit in Rußland zumindest die Geldmittel zu entziehen, durch die sie bisher von Europa gestützt wurde. Die „Tribüne" endlich, ein ausgesprochenes Regierungsorgan, meint, der Anlaß zu einem Proteste bei der russischen Regierung wäre jetzt ebenso vorhanden, wie im letzten Dezember wegen der Schreckenstage von Odessa. Wenn aber auch Vorstellungen und Proteste unterblieben, so werde die britische Regierung unter keinen Umständen des Cyllismus sich schuldig machen, ostensibel mit einer Regierung zu fraternisieren, die mit ihrem eigenen Volke auf Kriegsfuß steht. Man sieht, die Grausamkeiten von Bialystok haben die überaus günstige Strömung für eine Verständigung mit Rußland, die in der öffentlichen Meinung Englands bisher bestanden, vollständig hinweggefegt. Mit einer Regierung, die wenn nicht selbst, so doch durch ihre Behörden niederträchtige Verleumdungen von Bombenwürfen aus jüdischen Häusern fabrizieren ließ, um Vorwände zu haben, die Juden durch die Schwarzen Hundert massakrieren und durch die Kosaken niederschießen zu lassen, mit einer solchen Regierung werden freie, humangesinnte Engländer weder in Kronstadt, noch sonst wo in der Welt sich jemals verbrüdern. * Am entschiedensten geht noch Amerika in dieser Beziehung vor. Wir haben schon in der vorigen Woche berichtet, daß der Senat einen Beschlußantrag angenommen hat, welcher dem Entsetzen über die an den Juden in Rußland wegen ihrer Rasse und Religion verübten Metzeleien Ausdruck gibt und alle j davon Betroffenen der herzlichen Sympathie des Volkes der j Vereinigten Staaten versichert. Das Repräsentantenhaus hat diese Sympathie dadurch betätigt, daß es einen Zusatzantrag zu dem Einwanderungsgesetz annahm, wonach Flüchtlinge, welche Zulassung begehren, um sich religiösen und politischen Verfolgungen zu entziehen, wegen Mittellosigkeit oder sonstiger Ungeeignetheit nicht zurückgewiesen werden dürfen. Und nun hat auch Präsident Roosevelt sich damit einverstanden erklärt, daß die von den beiden Häusern des Kongreßes gemeinsam gefaßte Resolution, in der dem Abscheu des Volkes der Vereinigten Staaten über die Judenmetzeleien in Rußland Ausdruck gegeben ist. dem Staatsdepartement übermittelt und amtlich bekannt gegeben werde. Wird Amerika mit diesem Vorgehen unter den zivilisierten Staaten der Welt vereinzelt bleiben? Bit Vorgeschichte des Malyltoker Kosroms? I. 1. Die Drohung des Polizeirats Scheremetjew. m 11. Juni <29. Mai) beschlossen Vertreter der Bialystoker Juden als Zeichen ihres Protestes gegen die Ermordung des Polizeimeisters Derkatschew und als Beweis ihrer Sympathie für die Familie des Ermordeten, einen Kranz an seinem Sarge niederzulegen mit der Inschrift: „Derkatschew von der jüdischen Gesellschaft gewidmet." Man beschloß außerdem, sich vsfiziell an der Beerdigung zu beteiligen. Da die für die offizielle Vertretung Auserwählten zu bedenken hatten, daß man für jede Mordtat, deren Urheber nicht entdeckt sind, die Juden verantwortlich zu machen pflegt, so entschloß sich Dr. Raigrodsky, auf die Polizei zu gehen, um sich über die Stimmung daselbst zu informieren. Er traf zuerst den Polizeisekretär Kutschinsky, der ihm erklärte, daß kaum irgend jemand gegen das Vorhaben der Juden etwas haben würde. Am folgenden Tage forderten Rabbiner Mohilewer und Herr Walk Dr. Raigrodsky auf, zu ermitteln, ob es wahr sei, daß Scheremetjew, der stellvertretende Polizeimeistergehilfe, erklärt hätte, den Kranz von den Juden nicht annehmen zu wollen. Dr. Raigrodsky ging zu dem Stellvertreter des Polizeimeisters Fedossow, der ihm erklärte: „Ich persönlich habe gegen den Kranz nichts einzuwenden, aber einige Polizeibeamte sind damit nicht einverstanden, ebensowenig, wie es scheint, die Witwe des Verstorbenen." Gleich darauf erhielt Fedossow von Herrn Jaroschenko, den der Gouverneur mit seiner Vertretung bei der Bestattung beauftragt hatte, die telephonische Mitteilung, daß den y Wir verdanken diese hochinteressante Darstellung dem deutschen Bureau der A. I. U. in Berlin. Die Red.

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