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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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den Bauern- und später den Mittelstand, weil sie diesen einreden zu können glaubten, daß an ihrer Misere die Juden schuld feien. Wenn die Herrschaften es wirklich ehrlich mit den Bauern gemeint hätten, dann hätten sie, statt sie gegen die Juden aufzuhetzen, sie lieber ordentlich wirtschaften gelehrt. Die polnischen Führer haben es beispielsweise getan, und im Laufe von wenigen Dezennien ist in den Landesteilen, in welchen die Polnische Wirtschaft sprichwörtlich war, ein Bauern- und Bürgerschlag entstanden, der selbst dem deutschen nicht nur gewachsen, sondern fast überlegen ist. Wenn jüdische Händler und Gelddarleiher oft das Schicksal der Bauern ungünstig beeinflußten, so ist das keineswegs immer oder auch nur in den meisten Fällen der Bosheit der Juden zuzuschreiben. in deren Interesse der Ruin der Bauern nicht einmal lag, sondern in dem Umstande, daß die Bauern sich nicht über die eingegangenen Verpflichtungen klar waren, es mit diesen leicht nahmen, nicht ordentlich wirtschafteteil, bisweilen auch Unglück hatten, oder auch wirklich in die Hände vereinzelter jüdischer wie christlicher Wucherer gefallen waren. Im großen und ganzen haben die jüdischen Händler und Gelddarleiher den ordentlichen Bauern nur genützt, indem sie ihnen, freilich nicht umsonst, in ihren Geldnöten beisprangen, ihnen über traurige Zeiten hinweghalfen und sie lehrten, alle Nebenprodukte zr» verwerten. Was die Warenhäuser betrifft, so leiden durch sie doch die jüdischen Detaillisten genau so wie die christlichen, und da der Detailhandel aus bekannten Gründeir bisher hauptsächlich und zum großen Teile noch in den Händen der Juden ruht, so leiden die Juden sogar vorzugsweise darunter. Aber wenn selbst das nicht der Fall wäre, so sind die Warenhäuser doch keine jüdische Erfindung, nicht ausschließlich in jüdischen Händen, und würden, wenn sie nicht einem wirklichen Bedürfnis entsprächen, einen in der Uebergangszeit freilich vielen unbequemen und unangenehmen Fortschritt bedeuteten, nicht soviel Anklang gefunden haben. Doch genug mit der Zurückweisung unsinniger Behauptungen. Die Hauptsache ist, daß der Antisemitismus die Zugkraft gänzlich eingebüßt hat. Freilich wird der Antisemitismus auch bei uns nicht mit einemmal ganz verschwinden. Wie der religiöse Antisemitismus so gut wie ganz aufgehört hat, so werden nach und nach, nachdem sie ihre werbende Kraft bereits eingebüßt haben, der politische und der wirtschaftliche ziemlich ganz verschwinden. Der politische bleibt allerdings der schlimmste, weil er selbst in Regierungskreisen geteilt wird und tatsächlich die Durchführung der Emanzipation verhindert. Er wird nur mit dem System selbst schwinden! Längere Zeit noch dürfte leider der sogenannte gesellschaftliche Antisemitismus sein Dasein fristen bei den aus ihre und ihrer Söhne Karriere bedachten Beamten, bei den vornehm tuenden Snobs und anderen Leuten, die glauben vornehm zu sein oder doch wenigstens für vornehm gehakter» zu werden, wenn sie so tun, als dürsten sie auf andere herabsehen. Aber über diese „Vornehmen", die Juden aus ihren Salons, Vereinen, Kontoren usw. fernhalten, dürfen die vernünftigen Juden untleidig lachen, sie, die sich das aristokratischste Volk auf Erden nennen können, sie, die im Verhältnis zu ihrer Zahl und in Anbetracht der ungeheuer widrigen Verhältnisse, mit denen sie fast zwei Jahrtausende zu kämpfen hatten, am'meisten zu den wahren, weil idealen Gütern der Menschheit beigetragen haben. Aber auch in dieser Beziehung werden bald bessere Zeiten kommen, und wird der Stein, den nicht die Baumeister, sondern nur die Handlanger bei Bauten verschmäht haben, zum Eckstein werden, wie es ihm verheißen worden ist. Dir Woche. Berlin, 4. Juli. Unmittelbar nachdem Graf Pückler verduftet ist, hat sich die Presse der seltsamen Tatsache erinnert, daß der Gesangene von Weichselmünde hier wochenlang fein Unwesen hat treiben dürfen. Während dieser Zeit wurde in den Pücklerversammlungen geradezu unerhörter Unfug getrieben. Dem Grafen Pückler selbst, dem traurig-berühmten „Dreschgrafen", ist es in den von ihm berufenen und in üblicher Weise unterhaltenen Volksversammlungen oft recht schlecht gegangen. Seit einiger Zeit hat der geistig aus dem Lot geratene Mann in seine»: Hetzreden sich an die Sozialdemokratie gewendet und sie als „seine lieben roten Kerle" und Bundesgenossen begrüßt, mst denen er hoffe, noch einmal die „ganze faule jüdische Geldherrschast" und die den Juden dienende moderne Gesellschaft zusammenzuschlagen. Den Sozialdemokraten ist schließlich die Galle darob geschwollen, rvie der verdrehte Graf den Namen ihrer roten Kirchenväter öffentlich mißbraucht, denn diesen Narren zum Genoffen zu haben, ist weder ehrenvoll, noch bringt's Gewinn. Deshalb gingen eine Anzahl kräftiger roter Männer in die Pücklerversammlungen, stellten den Grafen zur Rede und verboten ihm, fortan den Namen der Sozialdemokraten unnütz anzurufen. Als Graf Pückler darauf etwas erwidern wollte, erhob sich ein gewaltiger Lärm in» Saale und der überwachende Polizeileutnant löste kraft seiner Allmacht die Versammlung auf. Die Antisemiten behaupten, die Sozialisten hätten den Krakehl vollführt, die roten Männer sagen, es seien die Pücklerianer gewesen. Jedenfalls war solch Heidenspektakel, daß der Dreschgraf es für ratsanier hielt, den Rückzug anzutreten. Als er mit dem Vorsitzenden einer Versammlung in einem Automobil flüchten wollte, geriet ein Teil der Menge, die sich für ihre zwanzig Pfennig Eintrittsgeld mehr Vergnügen versprochen hatte, in eine gelinde Raserei und prügelte mit Schirmen und Stöcken den Dreschgrafen windelweich, um wenigstens etwas fürs Geld zu haben. Und so ging es fast in jeder Versarninl»»ng zu. In der letzten fehlte Pückler selbst und die Kassierer suchten mit de»»» Eintrittsgelt das Weite. Weder Polizei noch Gericht vermochten bisher diese öffentliche Tätigkeit des Grafen einzuschränken. Wie ist das nur »nöglich? « Hoffentlich ist es gestattet, aus einen» Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" — den wir schon erwähnten — über die letzte Protest versa »nmlung gegen die r»»ssischen Greuel auch in diesem Falle das Urteil der Reichsregierung herauszuhören. Es heißt dort: „WaS sich in Bialhstok, einer kleinen Industriestadt Ruffijch- Polens, zugetragen, hat die zivilisierte Welt mit schreckensvoller Teilnahme verfolgt. Der Hergang ist aus den Telegrammen bekannt. Wir im Westen stehen staunend vor derartigen Ausbrüchen sinnloser Wut. Aus unseren gänzlich anders gearteten Verhältnissen heraus vermögen wir nur schwer zu verstehen, wie solche Dinge begründet sind, und wie sie sich überhaupt ereigne»» können. Nicht nur im Interesse der Zivilisation, auch in dem einer gedeihlichen Entwicklung des so schwer heinigesuchten russischen Reiches sind die Vorgänge sehr zu beklagen. Sie gaben der Duma, die Abgesandte nach Bialhstok schickte, Anlaß zu erneuter» heftigen Angriffen auf die gegenivärtige Regierung. Auch das wirtschaftliche Leben wird dadurch schwer betroffen: denn was in Bialhstok passiert, wird, wie Meldungen aus Rußland hervorheben, auch an anderen Stellen erwartet. Auch aus anderen Städten fliehen die Juden. Und wer nicht flieht, hütet sich, sein Vermögen und seinen Kredit in größeren Geschäften längerer

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