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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-06 · Heft 27 (6.7.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 6. Juli 1906. 70. Jahrgang. No. 27. Allgemeine eitung des Audentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneinents-'Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstellen) b. zogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Raspele». Begründet von Rabbiner t>*. Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der ^Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. „Der Dntilemitismus bringt es?u nichts mehr!" Berlin, 5. Juli. ieder wird das Ende des Antisemitismus verkündet. Aber nicht Juden sind es, die dem Antisemitismus das Totenlied singen, etwa weil sie glauben, was sie naturgemäß wünschen, sondern es ist ein in Berlin erscheinendes katholisches Blatt, die „Märkische Volkszeitung", die unter der Ueberschrift: „Der Antisemitismus bringt es zu nichts mehr!" einen Artikel veröffentlicht, in welchem erklärt wird, es fei für die Antisemiten in den Großstädten in Preußen nichts zu machen, und in Sachsen auch nicht mehr viel. Die finanziell stärkeren Elenrente, die ihn bisher unterstützt hätten, zögen sich inrmer mehr zurück. Wir müssen gestehen, wir haben einen solchen Ausgang erwartet. Wir Juden sind es ja gewöhnt, Feinde zu überleben, wir haben eine teuer genug erkaufte, aber eben deswegen nicht zu unterschätzende Uebung darin erlangt. Aber nicht bloß aus sozusagen historischen Gründen haben wir stets in der Ueberzeugung gelebt, daß der Antisemitismus bei uns über kurz oder lang sein unseliges Ende finden werde, sondern weil wir unbedingtes Vertrauen hatten zur Bildung und zum Charakter des deutschen Volkes. Dieses konnte wohl eine Zeitlang sich durch freche Demagogen verleiten lassen, allerlei längst widerlegten Unsinn zu glauben; selbst zu gelegentlichen Ausschreitungen konnte es von gewissenlosen Führern, namentlich in den roheren Schichten und in abseits von den großen Kulturstätten gelegenen Gegenden, sich Hinreißen lassen, aber auf die Darier war der Antisemitismus nichts für „das Volk der Dichter und Denker". Der von unserer und sonst judenfreuudlicher Seite gegen den Antisemitismus geführte Kampf hat nie so recht seiner Bedeutung als der ihm zugrunde liegenden niedriger: Gesinnung gegolten. Man wird uns wahrlich nicht in Verdacht haben, daß wir der fanatischen Verfolgung ein gutes Wort reden wollen, welcher die Juden im Mittelalter ausgesetzt waren, daß wir an der Inquisition etwas zu loben finden werden, oder an den weltlichen Mächten, die die Juden bei jeder Gelegenheit zum Nutzen ihres eigenen Säckels auspreßten und, wenn sie ihnen nicht Geld und Geldeswert abpressen konnten, ihnen nicht gerade schmerzlos das Blut entzogen und sie zrr Tode folterten. Aber die geistlichen Mächte und das von ihnen betörte Volk handelten oft aus einem gewissen, uns heutzutage kaum noch verständlichen, aber doch tatsächlich vorhanden gewesenen Idealismus, als welchen man immer selbst den verbohrtesten religiösen Fanatismus ansehen muß, so sehr man ihn beklagen mag. Die Kaiser, Könige Fürsten usw., die hinsichtlich der Judenverfolgungen den geistlichen Mächten weder quantitativ noch qualitativ etwas nachgaben, glaubten im Recht zu sein, weil sie in der Macht warerr, und man es früher nicht dberr besser verstand. Beide handelten mehr oder weniger im Geiste ihrer Zeit. Wie die Hexenprozesse, die Gewaltherrschaft der Fürsten und Edelleute, die grausame Justiz und so vieles andere, so entsprachen auch die Judenverfolgungen — mit einer derr Andersgläubigen geltenden Extrazugabe — der religiösen und kulturellen Minderwertigkeit jener Zeiten. Der Antisemitismus hingegen steht in direktestem Widerspruch zu unserem modernen Denken und Tun, und was noch schlimmer: die ihn ins Leben riefen, wußten es und schwatzten ihn unter allerhand falschen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Vorspiegelungen den unteren Klassen und sonst minder denkfähigen Leuten im Lande auf. Sie wußten sehr wohl — und selbst Herr Stöcker dürfte es gewußt haben — daß heutzutage mit der mittelalterlichen, auf ausschließlich religiösen Vorurteilen beruhenden Judenfeindschaft nichts auszurichten war im Lande der ausgedehntesten Schulbildung und in einer Zeit größerer religiöser Aufgeklärtheit und noch mehr religiöser Indifferenz selbst in den breitesten Volksschichten, und so erfanden sich die Verbreiter zunächst eine falsche Firma und nannten sich Antisemiten, und zur Erklärung ihres Nanrens und zu weiterern Schürerr benutzten sie nicht etwa nur mit Halb-, nein mit Drrodezbildung unbegründete, falsch verstandene und obendrein noch absichtlich falsch ausgelegte Rassentheorien. Für die Zurückgebliebenen im Volke frischte nrair die ältesten, von Juden- und Ehristenfeinden ersonnene, längst als Lügengewebe erkannte Märchen wieder auf, wiederholte sie wider besseres Wissen immer von neuem, ja stützte sie durch Verbrechen, die Juden nicht begangen hatten, aber von anderen vielleicht sogar aä hoc begangen worden sind. Da alles das noch nicht genügte, erfand man neue, der modernen Zeit mehr entsprechende, aber auch ganz und gar unsinnige Märchen. Man fabelte von einer Judenherrschaft, von jüdischem Reichtum, von jüdischem Radikalismus in der Politik, man legte den Juden von der Sozialdemokratie bis zu den Warenhäusern alles, was nur irgend als unbequem empfunden wurde, zur Last, und auf Grund dieser bewußt wahrheitswidrigen Behauptungen verdarb man das Volk, vergiftete man die Jugend und stiftete man so viel Unheil an, als man nur irgend vermochte. Als die Antisemiten gesehen hatten, daß mit allgemeinen Redensarten von Judenmacht und Jndenherrschaft nichts zu machen war, wandten sie sich an einzelne Berufsstände, wie

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