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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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N 2# Der DemeindeVate. Keflagt zur „Allgemeinen Leitung drK Zudentumß". Korrrlpondmrm und Sachrlchttn. Deutschland. - s. Berlin, 26. Juni. Am 21. d. M. fand eine von der Berliner Zionistischen Vereinigung einberufene jüdischeVolksversammlung, die von mehr als 2000 Personen besucht war, statt. In derselben sprachen Rechtsanwalt Hantke, Rabbiner Dr. Weiße, Dr. Klee, Professor Philippson, Dr. Julius Moses, Dr. Nathan, Redakteur Klausner und Rabbiner Dr. Emil Levy. Zum Schluß gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die von der Zionistischen Vereinigung einberufene, von über 2000 Juden besuchte Volksversammlung drückt ihren Abscheu aus gegen die verbrecherischen Barbareien der russischen Machthaber, die zur Unterdrückung der freiheitlichen Bewegung in Rußland Jndenmassakers anstiften. Sie versichert die geknechteten jüdischen Brüder in Rußland treuer Anteilnahme und erwartet, daß die gesamte zivilisierte Weltdurch einmütigen Protest und Verweigerung jeder weiteren finanziellen Hilfe diesem frevelhaften Morden Einhalt zu gebieten versucht." Eine zweite Protestversammlung fand am 25. d. M. statt. In derselben sprachen Pfarrer Naumann und Professor Dr. von Liszt, ferner Pfarrer Kirms, Abgeordneter Schräder u. a. Schließlich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen, die von allen Blättern — sogar von der „Norddeutschen Allg. Zeitung" — gebilligt wird : „Die Versammlung spricht ihr tiefstes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sie vertraut, daß es die Duma erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsche beseelt, daß es den Mächten des Fortschritts und der Kultur gelingen möge, unserem großen östlichen Nachbarreich den Verfassungsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und der religiösen Freiheit zu bringen, zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich." Berlin, 24. Juni. Die soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 66 vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde berichten über die seit dem 10. Gemeindetage aufgewandten Bemühungen, Fürsorge sür die von der jüdischen Wohltätigkeit wenig beachteten Schwachsinnigen zu üben. Durch eine Enquete ist das Material ergänzt worden. Zu den schon bekannten 233 jüdischen Insassen christlicher Anstalten sind die Personalien 216 Schwachsinniger, die sich gar keiner Anstaltsfürsorge erfreuen, hinzngekommen. Doch ist das Material infolge der Schwierigkeit, die in Betracht kommenden Kranken in großen Städten zu ermitteln, noch immer unvollständig. Von sachverständiger Seite wird allein die Zahl der jüdischen schwachsinnigen Schulkinder auf über 500 veranschlagt. Aufnahme in die geplante jüdische Anstalt wird für 44 schulpflichtige und für 22 ältere Kranke beiderlei Geschlechts gewünscht. Die Anstalt soll auf dem von der Stadtgemeinde Beelitz geschenkten Waldterrain zunächst für 40 jugendliche Personen errichtet werden. Der Bau einschließlich der inneren Einrichtung ist auf 100000 Mark veranschlagt. Von dieser Summe ist bis jetzt die Hälfte von seiten der Gemeinden und einzelner Gönner zur Verfügung gestellt. Für den Herbst ist eine Sammlung zur Beschaffung des Restes der Bausumme geplant. Die Mitteilungen enthalten ferner eine Notiz über den von Herrn Geheimrat Rosin ohne Beeinflussung seitens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes verfaßten Organisationsentwurf einer israelitischen Religionsgemeinschaft in Preußen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund enthält sich auch fernerhin jeder Beeinflussung der preußischen Gemeinden und ihrer Verbände, denen zurzeit der Entwurf zur Beurteilung vorliegt. Die Nekrologe für die im letzten Jahre Heimgegangenen Ausschußmitglieder, Herren Justizrat Hermann Stern und Theodor Markus, geben uns die Lebensbeschreibungen von Männern, die als Musterbilder deutscher Juden dienen können. Von Theodor Markus, der ein Jahrzehnt lang die Friedrich Wilhelm- Victoria-Stiftung geleitet hat, ist ein Fonds sür solche Klienten dieser Stiftung gespendet worden, die vorübergehend außerstande sind, die Prämie ihrer Lebensversicherung bei der Victoria zu zahlen. Die Montefiore-Stistung hat zum erstenmal die Prämie ihrer Lebensversicherung an einem Lehrer der Handfertigkeit und des Gartenbaus verteilt. Eine bessere religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene ist angebahnt worden, indem das preußische Ministerium des Innern auf die Gesuche des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes hin fortan die jüdischen Strafgefangenen jedes Oberlandesgerichtsbezirks in einem einzigen Zuchthause in einer Stadt, die Sitz eines jüdischen Seelsorgers ist, internieren wird. Den an die Bundesgemeinden versandten Exemplaren der Mitteilungen ist ein Nachtrag der von Herrn Martin Lebrecht sen. in Nürnberg bearbeiteten Liste der unterstützungsunwürdigen Gewohnheitsbettler beigefügt. Einem Bericht über die Entwicklung des Gesamtarchivs der deutschen Juden ist zu entnehmen, daß 22 verschiedene Gemeinden, wie verschiedene andere Korporationen und Private, ihre Akten dem Archiv übergaben, fünf andere die Ueberlassung zugesagt haben. Zwei Großgemeinden stellen Register und Abschriften ihrer Akten zur Verfügung. Ein indirektes Verdienst des Gesamtarchivs besteht darin, daß durch sein Vorhandensein mehrere Gemeinden sich veranlaßt gesehen haben, ihren Aktenschätzen verdiente Aufmerksamkeit zu widmen. — Beachtenswert ist der Beschluß des Kuratoriums, die Gemeinden aufzufordern, keine Kassation von Akten ohne Befragen des Gesamtarchivs vorzunehmen. Entsprechend vielfachen Wünschen, wird eine Normal-Friedhofsordnung durch Herrn Rechtsanwalt Lebrecht in Leipzig ausgearbeitet. Die Rechnungsablage sür 1906 weist manche Verbesserungen gegenüber den Berichten früherer Jahre auf und erleichtert auch dem Laien den Ueberblick über das komplizierte Rechnungswesen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Die Einnahmen und Ausgaben balancieren diesmal mit 160000 Mark. 8. Berlin, 25. Juni. Auf die an den Vorstand der jüdischen Gemeinde gerichtete Petition wegen Errichtung einer Synagoge im Nordwesten von Berlin ist folgende Antwort eingegangen: „Auf die von Ihnen in Gemeinschaft mit einer Anzahl von Gemeindemitgliedern an uns gerichtete Petition vom 18. v. M. betreffend die Errichtung einer Synagoge im Nordwesten der Stadt, teilen wir Ihnen ergebenst mit, daß die Finanzverhältnisse der Gemeinde es nicht gestatten, mehr als eine Synagoge zu gleicher Zeit zu erbauen. Die Prüfung der Verhältnisse hat ergeben, daß nach der Zahl der Gemeindemitglieder das größte Bedürfnis zurzeit im äußersten Westen der Stadt vorhanden ist, und wir find daher mit der Errichtung einer Synagoge in dieser Gegend beschäftigt. Erst nach Fertigstellung derselben werden wir daran gehen können, den Inhalt Ihrer Petition in Erwägung zu ziehen." -/V Berlin, 20. Juni. In der Vereinigung jüdischer Religionslehrer Berlins hielt in der vorletzten Sitzung Herr Rabbiner Dr. Munk einen Vortrag über die „Verwendbarkeit der haggadischen Literatur beim Religionsunterricht". Von dem Grundsätze ausgehend, „Worte sind Zwerge, Beispiele sind Riesen", hält er es für notwendig, auf allen Stufen des Unterrichts wie auch in allen Lehrgegenständen möglichst viel Beispiele für das im Unterricht Gebotene zu verwenden. Warum nun sollen wir diese nicht aus unserer jüdischen Anschauung und jüdischen Literatur schöpfend Die Haggadah bietet deren eine große Fülle, es muß nur der Stoff gesichtet werden. In allgemeinen Grundzügen legt Redner diese These dar. Nach bestimmten Schlagworten sind die Erzählungen und Ausdeutungen der Haggadah zu ordnen und je. nach ihrer leichteren oder schwereren Verständlichkeit auf der Unter- oder Oberstufe zu verwenden. Auszuschließen feien nur solche Beispiele, die nicht ohne weiteres verständlich oder völlig unhistorisch find. — Die

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