Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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312 trug Schalom durch seine Ausschweifungen zum Ruin des väterlichen Hauses bei. Der unglückliche Vater erkannte immer deutlicher die Treulosigkeit seines ungeratenen Sohnes, wurde Zimmer härter gegen ihn, was denselben seinerseits wieder immer störrischer und regelloser machte. Nach einer unerquicklichen Szene, in welcher der Schändliche sich unterfing, seinen eigenen Vater zu schmähen, versetzte er ihm noch den schwersten Schlag, indem er zur Kirche übertrat. Er setzte jedoch nur wenige Jahre sein ungezähmtes Leben fort; dieses j Leben vergiftete /sein Blut, so daß er als zweiunddreißig Jahre alter Greis, einem Skelette ähnlich, hinsiechte. Gequält von Krankheit und noch grimmiger gepeinigt von den Stacheln seines endlich erwachten Gewissens, flehte er täglich und stündlich um'Erlösung durch den Tod. In einer seiner schmerzvollen Nächte verlangte er mit Ungeduld den Vater zu sprechen. Dieser konnte sich nur schwer zu einem Besuch bei dem Abtrünnigen entschließen, den er längst aus seinem Herzen gerissen hatte. Mit haarsträubenden Entsetzen hörte er nun aus dem Munde des verworfenen Sohnes, daß der unglückliche Lipmann gänzlich schuldlos die herbe Strafe erlitten habe, da er, Schalom, es war, der ganz allein den Einbruch beging. In seiner raffinierten Schlechtigkeit hatte er sich aus dem Zimmer Lipmanns dessen Rock und dessen Kappe geholt, sich mit denselben bekleidet, um auf diesen den Verdacht zu lenken, wenn er allenfalls bei dem Schleichen durch den Hof von irgendeinem Fenster aus bemerkt werden sollte. In der Tat hatte sich Löbl auch wirklich dadurch täuschen lasten. Der tief erschütterte alte Nürnberger ließ nach Anhörung dieser furchtbaren Mitteilung sogleich zwei beeidete Gerichtspersonen herbeirufen, in deren Gegenwart der von seinem Gewissen Gefolterte die Aussage wiederholen mußte, damit sie zu Protokoll genommen werden konnte. Dieses Schriftstück übernahm Löbl mit dem Aufträge, den so schuldlos gemarterten und gebrandmarkten Lipmann auszuforschen, um demselben wenigstens die mögliche Genugtuung jn geben. Tie Ausforschung gelang ihm aber nicht. Schalom, der elende Sünder, starb; der alte Nürnberger starb kurze Zeit darauf. Nach vielen Jahren und nach manchen Wechselfällen, von welchen zu Anfang dieser Erzählung in Kürze Mitteilung gemacht wurden, reiste der erblindete Löbl Nürnberger nach Paris, und nahm das Dokument, das die Ehrenerklärung seines Vetters enthielt, mit sich, wiewohl er weit davon entfernt war, zu hoffen, daß er demjenigen begegnen werde, dem er so gern noch im Leben Abbitte getan hätte. Eine unerforschliche Vorsehung fügte es aber dennoch. Lipmann war inzwischen durch überglückliche Handelsunternehmungen in Hamburg 31t einem reichen Manne und zu einem beneideten Familienhaupte geworden. „Kroner" war kein von ihm usurpierter Name; es war vielmehr der Familienname seines Vaters, der, da er ein Kohen war, sich lieber so nennen ließ. Lipmann Kroner erkannte in Paris in dem Blinden denjenigen, der einst durch einen falschen Eid eine so unsägliche Schmach über ihn gebracht hatte. Es wäre eine Verleugnung der menschlichen Natur gewesen, wollten wir behaupten, daß seine edle, großmütige Seele den vollen Sieg errungen habe. Das war nicht der Fall; allein er beschloß der edlen Rache den Vorzug zu geben. Der Blinde sollte mit ihm nach Hamburg ziehen, dort sollte er von ihm mit Wohltaten überschüttet und erst nach Jahren damit bekannt gemacht werden, wer fein Wohltäter sei. Während nunmehr Kroner den sBlinden in seinem Hause beherbergte, wandelte ihn oft die Lust an, sich zu erkennen zu geben. Daß er es nicht tat, war einzig und allein die Ursache, daß es ihm widerstrebte, über jene Zustände zu sprechen. Als er aber erfuhr, daß sein Sohn Alfred eine Neigung gefaßt habe zu der Tochter seines Verderbers, da überwältigte ihn das Gefühl des bisher so gewaltsam unterdrückten Unmutes. Er ließ den Blinden zu sich kommen und rief ihm zu: „Meineidiger! Erbebst Du nicht bei der Nennung des Namens Lipmann Kohn? Erstarrst Du nicht, indem Du erfährst, daß derjenige, der in Deiner elenden Lage Dich und Dein Kind vor dem Hungertode schützte, derselbe sei, dem Du durch einen falschen Eid das Erdenleben vergiftetest?" Da fiel der Blinde aus die Knie nieder, und unter heißen Tränen schrie er: „Töte mich, Lipmann, nur vergib mir! Ja, ich schwur einen falschen Eid; allein ich wußte nichts davon, ich war selbst grausam getäuscht. Erst spät, sehr spät, kam Deine reine Unschuld an den Tag." Diese letzten überraschenden Worte aus dem Munde des so sichtbar Zerknirschten machten einen so außerordentlichen Eindruck aus die ohnehin übermäßig gespannten Nerven Kroners, daß er ohnmächtig wurde und zusammenstürzte. Das Geräusch durch das Ümsinken und die darauf entstandene Totenstille ließen Nürnberger den Zustand seines Vetters ahnen; er rief laut um Hilfe. Wir wissen bereits, was zunächst erfolgte. Als Kroner wieder einer ruhigen Ueberlegung fähig war, brannte er vor Begierde zu erfahren, auf welche Weise sich seine Schuldlosigkeit geoffenbart habe. In seiner später erfolgten zweiten Unterredung mit Nürnberger erhielt er darüber genügenden Aufschluß. Er vergab großmütig dem Reuevollen das ihm zugefügte Unrecht, in Berücksichtigung der Täuschung, von welcher derselbe befangen gewesen war; zugleich nahm er ihm aber auch das Versprechen ab, das Geheimnis von jenem schauerlichen Kriminalfall zu bewahren, und ihr gegenseitiges Verwandtschaftsverhältnis ebenfalls gegen niemanden zu verraten.. Daß Löbl Nürnberger seine Zusage nicht hielt, wird ihm wohl niemand verargen. Da, wo es sich um die Ehrenrettung eines so reinen Märtyrers handelte, durste er ja nicht schweigen. Als Nürnberger mit [feiner Mitteilung zu Ende war, machten sich bei den Anwesenden die Gefühle der Wehmut und der Freude durch Tränen Lust; die Verwandten des Hauses umarmten einander mit erleichtertem Herzen und nahmen die aufrichtigen Glückwünsche der Anwesenden entgegen. Die ehrenhafte Aufklärung über das entdeckte Brandmal, das vor wenigen Tagen so viel Sensation gemacht hatte, verbreitete sich bald in ganz Hamburg, und fand überall einen willigen Glauben; man fühlte eine freudige Satisfaktion in der Ueberzeugung, daß der Mann, der im Leben eine so allgemeine Verehrung genossen hatte, derselben wirklich auch würdig gewesen sei. Niemand aber war bei dem neuen Umschwung der Dinge glücklicher als der verliebte Alfred. Seine Brüder und Schwestern mußten nun Daja als ebenbürtig anerkennen. Als das Trauerjahr um Lipniann Kroner zu Ende war, fand die feierliche Vermählung Alfreds mit Daja statt, und dem fröhlichen Festmahl wohnten alle achtbaren Mitglieder der Gemeinde bei. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.