Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 sich durch Fleiß, Folgsamkeit, Klugheit, Gutmütigkeit und Ordnungsliebe derart aus, daß er bald im ganzen Hanse sehr wohl gelitten und von den meisten sogar geliebt wurde. Nur ein einziger machte hiervon eine folgenschwere Ausnahme. Herr Nürnberger hatte zwei Söhne. Der ältere, Schalom, mit Lipmann ungefähr in einem gleichen Alter, wurde von dem Vater ebenfalls in dem Handelsgeschäfte verwendet; der jüngere, Löbel, wurde zum Studium des Talmud angehalten. Schalom war in allen feinen Eigenschaften das Gegenteil von seinem wackern Vetter Lipmann: ein boshafter, heuchlerischer und äußerst verschmitzter Junge, daher er für Lipmann nicht nur keine Sympathie hatte, sondern er empfand Haß und Neid gegen ihn, wegen der Bevorzugung, welche derselbe allenthalben verdientermaßen erfuhr. Bei jedem Verweis, den Schalom erhielt, wurden ihm die Tugenden Lipmanns vorgezählt und zur Nachahmung angepriesen; daher betrachtete er seinen Vetter als den einzigen Verursacher der Strafreden und Strafen, die er erdulden mußte. Der Haß vermehrte sich, da der ehrliche Lipmann in seiner Gutmütigkeit sich nicht enthalten konnte, dem Vetter manchmal Vorstellungen zu machen, wegen Vernachlässigung im Geschäfte und wegen kleiner Veruntreuungen, bei welchen er ihn manchmal'ertappte. Er hatte jedoch nicht das Herz, den Oheim auf den Mißbrauch aufmerksam zu machen, den der ehrvergessene Schalom von dem ihm geschenkten Vertrauen machte. Diese richtige Auffassung von der Notwendigkeit des häuslichen Friedens war auch das einzige Unrecht, daß dem wackern Jüngling zum Vorwurf gemacht werden konnte. Lipmann war in seinem einundzwanzigsten Jahre und hatte beinahe allein die ganze Leitung der Handelsgeschäfte seines Oheims in Händen; während Schalom sich heimlich dem Kartenspiel und der Ausschweifung ergab. Eines Abends — es mochte gegen halb elf Uhr gewesen sein — kam Löbl nach Hause, denn bis um diese Zeit war er bei einem Rabbi im Studium beschäftigt gewesen. Als er in den Hof trat — er hatte einen eigenen Torschlüssel — gewahrte er, daß sich eben jemand von dem Schreibzimmer seines Vaters aus dem Fenster wand. Der erste und natürliche Gedanke Löbls war, daß ein frecher Dieb einen Einbruch' gemacht habe. Ohne viel zu überlegen, sprang er hin und kam eben an das Fenster, als der Verdächtige bereits den Boden in dem Hofe erreicht hatte. — „Was machtest Du hier, Lipmann?" fragte er, indem er den am Rockkragen packte, der eben aus dem Fenster kam; dieser aber entwand mit Behendigkeit seine Arme den weiten Rvckärmeln und ebenso schnell versetzte er seinem Angreifer mit der Faust einen derben Schlag ins Gesicht, daß derselbe taumelnd zu Boden sank. Der Missetäter entkam unbemerkt, mit Zurücklassung jedoch des Rockes, den Löbl krampfhaft festhielt. Indessen war das Geräusch im Hose nicht unbemerkt geblieben, einige Hausleute sahen zum Fenster hinaus in den Hof, man vernahm ein Röcheln, lief hinab und fand Löbl, dein das Blut aus der Nase quoll. Er wurde in ein Zimmer gebracht, und als er zu sich kam, erzählte er das Vorgefallene und bezeichnete — Lipmann als den Missetäter. In dem in Rede stehenden Schreibzimmer fand man eine Scheibe eingedrückt, einen Schrank gewaltsam erbrochen und eine nicht unbeträchtliche Summe bares Geld entwendet. Herr Nürnberger eilte sogleich auf daS Zimmer seines Neffen — es war nicht verschloffen und leer. — Die Notwendigkeit, dem Diebe schleunig und nach verschiedenen Seiten nachzusetzen, um ihm die entwendete Summe wieder abzunehmen, erheischte die sofortige Anzeige bei der Sicherheitsb'ehörde, die auch nicht anstand, nach allen Seiten ihre Schergen auszuschicken. und nach kaum einer Viertelstunde war Lipmann ergriffen, als er — wie er behauptete — von dem im Hause Vorgefallenen nichts ahnend, eben im Begriff war, sich aus sein Zimmer zu begeben. Er schien von dem unerquicklichen Empfang nicht wenig überrascht, aber trotz seiner Protestation wurde er in das Gefängnis gebracht und mit Fesseln belastet. Lipmann leugnete selbst feinem Hauptankläger Löbl gegenüber hartnäckig, den Einbruch und Raub begangen zu haben. Seine Abwesenheit in so später Abendstunde wollte er mit der Behauptung entschuldigen, daß er hingegangen war, um nachzusehen, ob das von seiner Wohnung ziemlich weit entfernte Magazin, in welches während seiner anderweitigen Beschäftigung an demselben Abende Kaufmannsgüter eingelagert worden waren, auch gehörig mit Sicherheitsschlössern versorgt worden. Er behauptete auch, dem Schalom gesagt zu haben, er gehe ins Magazin, um es aus Vorsicht heute noch zu besichtigen; Schalom wollte jedoch von einer solchen ihm gemachten Mitteilung nichts gehört haben. Daß der Rock, den Löbl dem Missetäter entriß, wirklich ihm, dem Lipmann gehörte, gestand er unbedingt ein, konnte aber durchaus keine Aufllärung darüber geben, wie dieser Rock aus seinem Zimmer und zu einein so gefährlichen Eigentümer gekommen sei. Alle seine Angaben zu seiner Verteidigung waren der furchtbaren Anklage und den schwer in die Wage fallenden Verdachtgründen gegenüber von geringer Stichhaltigkeit. Das einzige, was für ihn sprach, war sein tadelloses Vorleben, und auch dieses wurde durch einen eigentümlichen Umstand ausgewogen. Man fand nämlich auf dem Tische des Unglücklichen einen Brief, in welchem er von seinem Vater in Halberstadt, nach einer rührenden Beschreibung der Dürftigkeit seines Hauses, um eine Geldunterstützung gebeten wurde. In diesen: Umstande glaubte das Kriminalgericht die Lösung des Rätsels zu finden, wie ein sonst so wackerer, bisher so musterhaft sittlicher Jüngling sich dennoch zu einem so gemeinen wie gefahrvollen Verbrechen habe entschließen können. Die Not seiner Eltern war es, die ihn dazu trieb; er war ein Verbrecher aus kindlicher Liebe. Das war das allgemeine Urteil. Herr Nürnberger befand sich durch den Abgang der entwendeten Summe in einer so bedrängten Lage, daß er glaubte, alle Mittel in Bewegung setzen zu inüssen, um Lipmann zum Geständnisse und zur Rückgabe des Geraubten zu bringen; denn daß Lipmann das Verbrechen wirklich begangen habe, daran fiel niemandem zu zweifeln ein, nachdem alle Umstände dafür sprachen, und sogar Löbl, der als ein gottesfürchtiger Jüngling bekannt war, seine Aussage „er habe Lipmann aus dem Fenster steigen gesehen und ihn mit eigener Hand gepackt", durch einen feierlichen Eid bekräftigte. —- Hier bei diesem Teil der Erzählung war es, daß Herr Nürnberger — der Blinde — erschöpft und fast bewußtlos zurücksank. Als er wieder zu sich kam, sagte er »nt gebrochener Stimme: „Ich habe falsch geschworen, meine Herren! Die Äugen, welche gesehen haben wollten, was sie in der Tat nicht sahen — sind nun erblindet; sie mußten erblinden, obschon ich getäuscht war und nicht aus Böswilligkeit sündigte. Ich beklage mich nicht; mir ist vollkommen recht geschehen." Wir fahren nun in der Erzählung fort. Der unglückliche Lipmann überstand die ihn: zuerkannte Strafe und wurde mit dem üblichen Brandzeichen entlassen. Er ging aus dem Lande und seitdem hörte man nichts von ihm. — Der Verlust des Geldes brachte nicht nur den alten Nürnberger in eine momentane Verlegenheit, sondern seit diesem betrübenden Zeitabschnitte ging es mit dem Wohlstand des Hauses immer mehr abwärts. Mit Lipmann war die Seele des Geschäftes verloren gegangen, und am ineisten