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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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tiefes, echtes Innenleben einer ansehnlichen Minderheit ist, hat ihn der liberale Jude zu respektieren; baut er doch sein Reich nicht für heute und morgen, sondern für späte Geschlechter. Darum steht auch dem ungläubigen Juden, dem Atheisten, niemals das Recht zu, in religiöse Angelegenheiten sich zu mengen, geschweige denn der Verwaltung einer jüdischen Gemeinde anzugehören, es sei denn, daß er sich ausschließlich auf die Förderung ihrer Wohlfahrtsbestrebungen heschränke. Er mag als Jude gelten, weil ihn die jüdische Kirche duldet, weil er eine Jüdin heiratet, seine Kinder als Juden in das Geburtsregister eintragen läßt, weil er charaktervoll feigen Uebertritt verdammt, von Pietät geleitet einen historischen Juden sich nennt, für das Judentum ist er persönlich kein Faktor mehr. Nur ein religiöser Jude kann ein liberaler oder orthodoxer Jude sein. Ich gehe aber noch weiter. Der liberale Jude muß auch seine Familie religiös erziehen. Will das freisinnige Judentum mehr bedeuten als die Infiltration guter und schlechter Zeitmoden, mehr als seine Europaiflerung, will es einen Gedanken, ein Prinzip, ein Ideal verkörpern, dann muß es von dem Bewußtsein durchdrungen sein, daß die liberalen Juden von heute erst der Beginn jener großen Bewegung sind, das kirchliche Judentum wieder zu einem inspirierten, zu einem schöpferischen umzugestalten, und daß sie diese Tat — ich möchte sie die prophetische Wiedergeburt nennen — den kommenden Generationen zu überlassen haben. Diese müssen deshalb zielbewußt für die religiöse Zukunft erzogen werden. Und nicht nur die männliche, sondern auch die weibliche, diese vielleicht noch intensiver, weil die Religiosität der Familie, für das liberale Judentum ebenso unentbehrlich wie für das orthodoxe, fast ausschließlich dem Weibe anvertraut ist. Die religiöse Frauenfrage ist für unser Judentum von einschneidender Wichtigkeit. Schade, daß Montefiore ihr so ganz alls dem Wege geht. Wir müssen unsere Frauen unbedingt für uns, für die positive Arbeit im Interesse der Religion gewinnen. Ich habe es ja oben auseinandergesetzt. Solange Anthropomorphismus, Engelglauben und rituelle Hausgesetze den der Frauenwelt unentbehrlichen mystischen Hintergrund dem Judentume verliehen, war die Jüdin eine opferfreudige Erhalterin ihrer Religion; als dies wegfiel, vermochte sie den Verlockungen der modernen neuen Welt nicht mehr zu widerstehen und ist zum großen Teil religiös degeneriert. Wie dem Weiterumsichgreifen dieser Epidemie zu steuern fei, gehört nicht hierher, es genüge die Erkenntnis von der unbedingten Notwendigkeit der Rückgewinnung der Frau, soll das liberale Judentum zu neuem Leben erstehen. Die Sabbatfeier, wie sie Montefiore der jüdischen Familie so warm ans Herz legt (S. 146 ff. 155) wäre eines der wirksamsten Mittel zur Förderung der Religiosität bei unseren Kindern. Ein weiteres Mittel ist die aktive Beteiligung des Familienoberhauptes an der Wahrung der religiösen, kulturellen und humanitären Interessen der Gemeinde. Der liberale Jude darf sich nicht, weil er nicht alle seine Wünsche durchsetzen kann, schniollend zurückziehen, darf nicht indifferent werden. Das größte Vergehen des Reformjudentums war und ist seine Teilnahmslosigkeit, die mit Recht von der Orthodoxie als die erste Etappe in der Abschwenkung vom Judentum angesehen wird. Zeigt euer Interesse, eure Begeisterung, dann werdet ihr bald Führer der Gemeinde werden! Beherzigenswert sind auch über diesen Punkt die Worte Montefiores, denen sich jeder gute Jude vollinhaltlich anschließen kann: „Es ist eine sehr böse Sache für jegliche religiöse Gemeinschaft, wenn ihre liberalen Elemente sich ihr zu entfremden und indifferent zu werden beginnen. Denn ihre schaffende und reformierende Kraft wird geschwächt, während die fleißige Arbeit einer anwachsenden Schar aufrichtiger Liberaler allmählich bedeutende Erfolge erzielen könnte. Wenn alle liberalen Juden eifrige Besucher der Synagogen wären, würden sie nicht allmählich recht wesentliche Reformen im Gottesdienst und im Zeremoniell, ja selbst in der Auffassung der Dogmen schaffen können? Wenn unsere Kräfte aber nicht arbeiten, wie dürfen wir Liberale uns über Konservativismus und Sterilität beklagen?" (S. 264 s. Siehe auch S. 153, 197). — Aber auch mit der Religiosität gebe ich mich noch nicht zufrieden. Ein liberaler Jude ist nur dann das, was ich wünsche, daß er es sei, wenn er das Judentum kennt. Ich komme immer wieder darauf zurück, daß dem liberalen Juden die prophetisch-inspirierten Leitgedanken seiner Religion und ihre historischen Eckpfeiler ein unantastbares Heiligtum seien. Sie sind es gewöhnlich nicht, weil der Reformjude im Finstern irrt, wenn irgendwo vom Judentume die Rede ist. So kommt es, daß gar häufig Juden manches dem Christentume zugute schreiben, was gut jüdisch ist, von desien Existenz im Judentume sie aber keine Ahnung haben. Wie viele liberale Juden halten den Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," für christliches Eigentum! Es ist mir eben darum recht befremdlich, wenn Montefiore im zehnten Kapitel seines Buches den liberalen Juden empfiehlt, das Neue Testament zu lesen, statt ihnen zu empfehlen, ihre eigene Bibel recht fleißig in die Hand zu nehmen. Tausende moderner Judenfamilien gibt es heute, die nicht einmal eine Uebersetzung der Heiligen Schrift ihr eigen nennen, was sollen die mit dem Neuen Testament? Wieviele Juden lesen über Judentum, wo ist eine auch nur oberflächliche Kenntnis unserer Philosophen zu finden, wie viele Juden müssen das beschämende Geständnis ablegen, daß sie unsere Gebete — unsere Gebete — kaum zu buchstabieren verstehen, und die wollen wir ermahnen, das Neue Testament zu lesen? Nein! Setzen wir alle Hebel in Bewegung, um dem liberalen Juden Kenntnis von seinem Judentum zu geben; Propheten und Psalmen sollen ihm geläufig sein, die Sprüche der Väter und die Sittenlehren der Weisen sollen nie von seinen Lippen weichen, dann wird einmal ein liberales Judentum erstehen, das, wahrhaft religiös, für jene Zeit Vorarbeiten kann, da aus seiner Mitte Männer unserem Volke geschenkt werden, die von göttlichem Geiste inspiriert, Israel zu jener Höhe führen werden, die ein Jesäia erträumt und geahnt hat, zur Erfüllung der idealen Messiashoffnung. Nie ihre. Eine Geschichte aus alter Zeit. Von Ludwig Manheimer. V. inige Minuten lang war eine Stille voll der gespanntesten Erwartung; fast konnte man die Herzen der Nächstbeteiligten schlagen hören; nun begann Nürnberger seine Mitteilung zu machen. Herr Pinkas Nürnberger — der Vater unseres Blinden — war ein wohlhabender Kaufmann zu Fürth. Eine zu Halberstadt lebende Schwester lebte in so dürftigen Umständen, .daß er sie nicht nur durch ein mäßiges Wochengeld unterstützte, sondern er nahm ihren ältesten Knaben, namens Lipmann — dainals dreizehn Jahre alt — zu sich in das Haus, rrm denselben in seinem Geschäfte zu verwenden. Lipmann zeichnete

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