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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 er seinen religiösen Liberalismus zu sehr auf die Vernunft gründen will. In Wirklichkeit, was geht die Religion die Vernunft an? Ich will nicht sagen, daß sie ihr Hohn spreche, aber gar so sehr in ihrem Banne stehen, ist gar nicht vernünftig. Religion verlangt Gemüt, Phantasie, Mystik, sie ist eine Welt für sich, eine innere, geheimnisvolle Welt, die nur sich selbst verantwortlich ist. Wenn sich nur eine Gemeinschaft in ihrer Religion wohl fühlt, in ihr gedeiht, nach anderem braucht sie nicht zu fragen. Chamberlain, der Thomas von Aquino — genannt der große Ochse — des modernen Judenhasses, baut seine These von der religiösen Inferiorität der Juden auf der Behauptung auf, das Judentum sei nicht Gemüt, lediglich Rationalismus. Eine größere Ungeheuerlichkeit hat mit infallibler Dreistigkeit noch kein Unwissender gegen das Judentum sich geleistet. Abgesehen von Sätzen, wie Rachamono libbo boe (Gott verlangt das Herz des Menschen), oder : „Das Gebet des Menschen werde nur erhört," acl schejechawwen libbau leowiw schebbascboinajim, „wenn er sein Herz auf seinen Vater, im Himmel richtet," die Talmud und Midrasch in den mannigfaltigsten Variationen ungezählte Male wiederholen, möchte ich Herrn Chamberlain nnr ersuchen, die jüdischen Gebete der ersten drei christlichen Jahrhunderte, wie er sie in jedem Gebetbuche lesen kann, in halbwegs guter Verdeutschung zu lesen. Ich rate ihm ferner, die „Herzenspflichten" des Bachja ibn Pakuda, die Testamente der jüdischen Weisen des Mittelalters, die Chinuchbücher, die Bearbeitungen des Pentateuchs für die jüdische Frau eingehend zu studieren, dann wird er eines besseren sich vielleicht belehren lassen. Jedoch, Religion ist ja Leben, kein Studium. Mit köstlicher Naivität erzählt Chamberlain in seinen „Grundlagen" (4. Auflage S. 345), welche Bücher er alles zusammengelesen habe, um sich über das Judentum zu orientieren. Das alles hätte er sich ersparen können. Warum hat er sich nicht der Mühe unterzogen, Judenfamilien kennen zu lernen, welche die alte Gesetzesfrömmigkeit intakt bewahrt haben, warum hat er die Religiosität der jüdischen Mütter nicht belauscht? Eine tiefere Innigkeit, eine gemütvollere Hingebung an Gott wird er kaum irgendwo finden. Woher kam sie der jüdischen Frau? Ich sagte schon, Religion sei ohne Mystik gar nicht denkbar, nicht beim Manne, noch weniger für ein Frauenherz. Der jüdischen Frau schuf diese Mystik neben der menschlichen Vorstellung von Gott und dem Engelglauben vorzüglich das Gesetz. Wie hat doch die fromme Jüdin alle zitternden Gefühle ihres Herzens in das Anzünden der Sabbatlichter hineingelegt — man muß das mitgelebt haben! Ihr streng ritueller Haushalt war nicht öde Gewohnheit, sondern ein Geheimnis, ein „Sod“, mit dem alle Regungen ihrer Seele süße Zwiegespräche pflegten. — So hat sich das nationale und das mystische Element vereinigt, um das Leben unter dem Gesetze trotz seiner Jnspirationslosigkeit eine beglückende Kircheneinrichtung werden zu lassen. Es ist darum auch zu lächerlich, wenn von christlicher Seite verkündet wird, der Jude breche unter dem Ballast des religiösen Gesetzes zusammen. Wie unverständig! Dazu gelangt man, wenn vorgefaßte, tendenziöse Meinungen aus der Studierstube heraus das Judentum beleuchten wollen. Sehr richtig sagt Monteure: „Im Gegensatz zn der Auffassung der christlichen Theologen, die die wahre Bedeutung des Gesetzes und das verinnerlichte geistige Leben der orthodox-jüdischen Gemeinden der.Vergangenheit und Gegenwart nicht verstanden haben, hat das Gesetz Heiligkeit erzeugt und gesät und das Leben zu einem heiligen geschaffen. — Die geistlosen Formen werden durch reinsten, höchsten Geist belebt und erleuchtet und so hineingewoben in ein wahrhaft heiliges Leben" (S. 114.). Wir sehen, die Bresche, welche die jüdische Kirche der gewaltigen, intuitiven Inspiration geschlagen hat, sie hat sie selber mit ihren Mannen auszufüllen verstanden. Wie Edelweiß ans Felsen blüht, wie sich die zarte Blume durch hartes Gestein hindurchwindet, so hat der religiöse Geist des jüdischen Volkes airf dem steinigen Boden der Kirche liebliche Blumen echter Religiosität keimen und üppig aufblühen lassen. Was.will nun das liberale Judentum? Will es wirklich nur niederreißen? Ist sein einziges Ziel die Bequemlichkeit, die Sehnsucht nach der gesetzlich gestatteten Schinkenstulle? Wenn dem so wäre, dann Wehe über es! Ist es aber von dem heiligen Verlangen getragen, auf den Trümmern der jüdischen Kirche nach der alten Gottesinspiration zu greifen und ein Neues, ein Großes zu schaffen, zu gestalten, dann wollen wir uns alle in seinen Dienst stellen voll opferfreudiger, selbstloser Treue! Daß es hierbei etwas unsanft Vorgehen muß, daß es vorerst das Geröll entfernen muß, verdenken wir ihm nicht. Erst wenn die Quelle vom Schlamm gesäubert ist, darf ein neuer Strom des schöpferischen Religionsgenies Israels erhofft und erwartet werden. Nur auf das Wie kommt es an. Allen voran hüte sich das liberale Judentum, an jenen von mir oben genannten Grundlagen zu rütteln, welche die religiöse Volksseele Israels intuitiv geschaffen hat. Das sind Ideale, die vielleicht alle für ewige Zeiten gegeben sind, die zu berühren nur ein religiöses Genie sich unterfangen darf. Sodann ist es auch Pflicht des liberalen Judentums, es mag sonst seine Amalgamierung restlos durchführen, dem historischen Charakter unserer Religion treu zu bleiben. Eine Arisierung unserer Religion ist ein Unding; an einem solchen Bestreben müßte sie unbedingt zugrunde gehen. Sie muß ihre Eigenart bewahren, und die dokumentiert sie in ihren lebensvollen, von der Rasse durchtränkten Formen. Nicht jene Formen meine ich, die aus aller Herren Länder zusammengetragen, um den Stamm sich gelagert haben, und von der Anpassungsfähigkeit des Judentums zeugen; auch nicht jene, die in enger Gelehrtenstube im Schweiße des Angesichts znsammengestoppelt wurden und den logischen 7 oder 13 oder 32 Deutungsregeln ihren Ursprung verdanken, sondern jene Formen meine ich, an denen jeder religiöse Jude noch heute die Weihe der Göttlichkeit spürt: unfern Sabbat, unsere Feste, unsere Gebete. Und damit komme ich zur dritten Forderung an das liberale Judentum: Verfahret mir gelinde mit dem Jüngling Absalom! Gewiß, über endgültig Verlorenes soll man nicht weinen, zurückholen läßt es sich nicht, und holte man es auch zurück, es diente keinem zur Freude. Hat einmal das Leben unter dem Gesetz, das kirchliche Judentum, für hunderttausende jeden Sinn verloren, sagt es dem Gemüte nichts mehr, so fehlt ihm jede weitere Existenzberechtigung für jene, denen es abgestorben ist. „Wir wollen keinerlei Mißbrauch treiben mit den alten Mitteln, aber helfen können sie uns nicht, denn sie können nnr für d i e Segen stiften, die au die Lehren, in denen sie wurzeln, glauben. Wenn diese verworfen sind, werden jene zur hohlen Hülle, zur geistlosen Form, zum leeren Schein" (Montefiore. S. 118). Aber gelinde verfahren! Wem das Gesetz noch etwas zu sagen hat, dem soll es nicht aus dein Herzen gerissen werden, und Sünde wäre es, wollte das liberale Judentum majorisieren; es hat an sich selbst den Fehler schwer büßen müffen, der in dem Wahne lag, Jahrhunderte alte Gewohnheiten durch Majoritätsbeschlüsse aus dein Wege zu räumen. Ich will damit nicht der Trägheit das Wort reden. Wo eine Minderheit nur aus Schwerfälligkeit orthodox gesinnt ist, wird sie sich bald der liberalen Auffassung fügen, ohne religiös zu leiden; wo aber othodoxer Glauben

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