Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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308 daß das Gesetz vollkommen, unveränderlich und voll göttlichen Geistes sei . . . und daß jene, die alles ausgezeichnet haben, besonders Moses, als Verfasser des Pentateuch, göttlich und, übernatürlich inspiriert waren (Liberales Judentum, S. 93 f.)." Der Kernpunkt der jüdischen Orthodoxie besteht daher „in dem Glauben an ein vollendetes, von Gott gegebenes Gesetzbuch, dessen Bestimmungen aus das Genaueste zu erfüllen sind. Das orthodoxe Judentum hält auch heute noch an der Anschauung fest, daß dieser Glaube mit allen seinen Konsequenzen das wesentliche Glaubensdogma darstellt" (€>. 101). Sonach stehe niemandem das Recht zu, irgendeine Satzung der Bibel umzustoßen, es sei denn, er könne Nachweisen, daß er der Abgesandte Gottes sei und „in Vollmacht" rede, um als der Messias dem Volke neue Lehren zu erteilen. Werden auch manche Gesetze augenblicklich nicht gehalten, so geschehe das per nekss, oder solange Israel in der Diaspora sich befinde. Kehrt einmal das jüdische Volk unter Führung des wundertätigen Messias nach Palästina zurück, so werden die biblischen Gebote ihrem vollen Inhalte nach abermals beobachtet werden, während die Entscheidung über die mündliche Lehre dem Messias überlassen bleibt. Das ist die orthodox-jüdische Jnspirationslehre mit ihren notwendigen Folgeerscheinungen. Das liberale Judentum leugnet diese Inspiration, nicht aber die Inspiration. Es glaubt nicht, daß Gott persönlich auf den Sinai herniedergestiegeu sei und mit Moses gesprochen, auch nicht, daß er persönlich Israel irgendwelche Gesetze gegeben habe, es glaubt an eine höhere, reinere, erhabenere Inspiration. Wir glauben an die göttliche Intuition der israelitischen Volksseele, die in Moses und den Propheten ihren llassischen Höhepunkt erreicht hat. Die Erkenntnis des einigeinzigen Gottes, die Identifizierung dieses einzigen Gottes mit der edelsten Sittlichkeit ist Inspiration. „Die große Lehre vorn einzigen, gerechten und wahren Gott und die große Lehre, daß die Religion oder der Dienst Gottes darin bestehe, daß wir Gottes Einheit zu erkennen versuchen und ihm in Werken der Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit dienen, verdanken wir nicht ausschließlich den Propheten; diese Lehren wurden aber von ihnen so überzeugend und llar verkündet, daß, wenn jemals Menschen von Gott inspiriert wurden, sie es gewesen sein müssen" (S. 97). Der spezifisch jüdische Gedanke, „daß alles Leben durch die Religion geheiligt und verklärt werden soll" (S. 119), daß die Religion nicht nur eine Begleiterscheinung des Lebens sei, sondern das Leben, nicht unser Schatten, sondern unser Charakter, das ist inspiriert. Nicht minder ist die gewaltige Schöpfung des sittlich-religiösen, gottgeweihten Ruhetages Inspiration. Diese Inspiration kommt aber nicht wie ein äeus ex machina, unverdient, unversehens und nur einmal, sondern aus der Fülle der seelischen Vollkraft heraus und immer wieder, sobald die Volksseele ihrer bedarf und nicht verkürnmert ist, sie hervorzuzaubern. Die Verkümmerung trat ein, sobald verschiedentliches Geröll den Born verschloß und den lebendigen Fluß in Sumpfwasser verwandelt hat. Das war das Werk der jüdischen Kirche, wie sie das Werk aller Kirchen war, dieser Zünfte der Religionen. Die jüdische Kirche, die in der babylonischen Diaspora entstanden ist und von Esra nach Palästina gewaltsam verpflanzt wurde, bedeutet ebenso die Knebelung des frischen, lebensvollen, ursprünglichen Judentums, wie die christliche Kirche ein Ruin des Christentums ist. Nicht weil die Prophetie aufgehört hat, kamen die Schriftgelehrten, weil die Soferim kamen, versiegte die Prophetie. Hillel, Rabbi Jochanan den Sakkai, Rabbi Josua, Rabbi Akiba, Rabbi Simon ben Jochai wären gottbegnadete Propheten geworden, hätte die Kirche — oder nennen wir sie die Gemeinde — ihnen die Flügel nicht beschnitten, wie Jesus prophetisch sprach, da er begonnen hat, wenn auch zagend, das Kirchenjoch abzuschütteln, und es geblieben wäre — auch für die Juden — hätte ihn feine Kirche nicht zum philosophischen Mythenbild gemacht. Damit will ich nicht gesagt haben, daß mit Esra die jüdische Inspiration vollständig aufgehört hätte. Das religiöse Genie Israels ist alle Zeiten hindurch viel zu kräftig geblieben, als daß es ganz zu Tode hätte erstarren können. Die so beispiellos göttliche Schöpfung des Versöhnungstages, die Umwandlung der ländlichen Naturfeste in national-religiöse, die Fernhaltung des Aberglaubenbabels der ersten drei christlichen Jahrhunderte vom Wesen des Judentums, die Ahnung, dazumal das Judentum in ein System zu bannen, hätte sein Grab schaufeln geheißen, die Vertiefung des religiös-sittlichen Messiasgedankens, das alles hat die jüdische Volksseele in ihrer göttlichen Inspiration trotz der Kirche hervorgebracht. Noch in manchen späten Psalmen hat der reine Gottesgeist feine Zuflucht gefunden, und die ältesten, an tiefer Innerlichkeit und reinem Menschtum unerreichten Gebete unseres Volkes sind die Gestaltungen gottdurchwehter Gefühle, und ihnen allein haben wir „das unmittelbare Sichmitteilen des Menschen seinenr Gotte gegenüber" (S. 196) zu danken. Anderseits wäre es schnöder Undank, den Segen der jüdischen Kirche zu verkennen. — Zwei Mächte walten von allem Anbeginn bis auf unsere Tage mit alles bezwingender Kraft in der Judenheit: die religiöse und die natiynale. Es dürfte nicht gewagt erscheinen, wenn wir die zweite die herrschende nennen; hat sie doch die Religion sich untergeordnet und dienstbar gemacht; trotz ihres Universalismus bleibt die Religion der Juden eine streng einheitlich nationale. Selbst die Propheten waren national bis in die Fingerspitzen, und auch Jesus war es. Das ist aber auch die Quelle unseres Bestandes. Solange die jüdische Gesamtheit sich selber die Treue nicht gebrochen hat, blieb dieser Simson unbesiegbar — Delila gab ihm den Todesstoß. Und die jüdische Nation, das jüdische Volk, die jüdische Rasse, das ist die jüdische Kirche, die jüdische Gemeinde. Das nationale Prinzip ist aber diametral verschieden vom religiösen. Wahre Religion, inspirierte Religion ist ein ewig sich erneuernder Jungbrunnen, die nationale Stärke, die Macht der Rasse besteht in ihrer Exklusivität, in ihrer konservativen Beharrlichkeit. So kam es, daß die jüdische Kirche, je mehr sie die jüdische Nation wurde, um so mehr auch exklusive, enge, konservative Formen annahm. Die jüdische Kirche mußte das werden, was sie geworden ist, weil sie die Nation vorstellte, und mit dieser ja auch die Religion verschwunden wäre. Jetzt erst ist es zu begreifen, warum die Juden ihre Religionssatzungen, je später je mehr, mit so unsagbarer Liebe umspannten. Nicht als ob der Formalismus, der Materialismus dem Juden im Blute läge; wer den jüdischen Volkscharakter kennt, weiß, daß der Jude sonst starre Subordination unter ein Gesetz nur ungern trägt. Seine Liebe zu seiner Rasse jedoch war so überragend, daß er alles auf sich nahm, nur um sie, das heißt um sich zu erhalten. Die Bestimmungen der jüdischen Kirche waren notwendig, das gesteht Montefiore, „um diese im besten Sinne zähe Rasse zu erhalten, die trotz Jahrhunderte währender Verfolgungen die Tore des Monotheismus gehütet und bewacht hat" (S. 130). „Religion blieb national; der Patriotismus wurde von der Religion befruchtet, die Religion vom Patriotismus" (S. 190). Und hat den Mann die nationale Kohäsie das Joch der Thora freudig tragen lassen, war es bei der jüdischen Frau ein anderes, das ihr Liebe zum Gesetze eingeflößt hat. Ich kann Montefiore den nochmaligen Vorwurf nicht ersparen, daß