Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Pompadour und Metternich lebte, sprach zu Jesaias etwas Aehnliches. Als dieser das prophetische Wort ihm kündete: „Siehe, es kommen Tage, wo weggebracht wird alles, was in Deinem Hause ist. . . . nach Babel", antwortete der etwas sorglose König: „Gut ist das Wort des Herrn, das Du geredet, — Wenn nur Friede und Bestand sein wird in unfern Tagen." Man lese darüber im „Buche der Könige" nach das Wort, so ausgeschrieben ist im II. Teile, Kap. 20, Vers 17 und 19. — Wir sind hingegen der Meinung, daß man an die Zukunft denken müsse und sich mit weisen Sprüchlein über sie nicht hinwegsetzen dürfe. Mit ehernem, unerbittlichen Tritte schreitet die Zeit über das Alte hinweg. Sie rüttelt, wie wir in Oesterreich sehen, an der Schule und an vielen veralteten sozialen Einrichtungen. Da nützt es nichts, wenn wir schöne Redensarten über die Zukunft des Judentums hören lassen, es gilt vielmehr, alles zu tun, um dieser Zukunft auch mit einer gewissen Ruhe entgegen sehen zu können, auf daß sie uns nicht überrasche. Wir leugnen es nicht: Wenn unsere Feiertage kommen, da gehen noch immer Juden in die Synagoge, manche sogar, um zu beten; vielen ist allerdings dieses Bedürfnis abhanden gekommen; sie würden vielleicht auch beten, wenn sie die Gebete verständen. Gesang und Rede sollen bei vielen ersetzen, was ihnen an Verständnis und religiöser Andacht fehlt. Was aber unsere Jugend anlangt, die mau so gern als unsere Zukunft bezeichnet: wer täuscht sich darüber, daß ihr das Verständnis des Judentums als Religion abhanden gekommen ist? Oder wollen wir die Politik des Vogels Strauß treiben? Man müht sich vielfach, in der Schule der Jugend dieses Verständnis beizubringen, ab»r hier finden sich fast nur kalte und teilnahmslose Zuhörer. Die Zeit, die bloß an das Nötige denkt, das Nützliche nur im Auge behält, zerstörte die Ideale des Judentums, und vergebens bemühen wir uns, den jungen Leuten als verehrungswürdig hinzustellen, was die Altvordern als ihr höchstes Gut schätzten. Väter und Söhne stehen einander gegenüber, und die Frage ist wohl berechtigt: Was soll aus den Enkeln werden? „Freie Schule", das ist ein Ruf der Zeit. Was bedeutet er? Die „Religion" gehöre nicht in die Schule. Man kann über den Satz streiten; wir werden uns nicht auf den Standpunkt der Klerikalen stellen, die gegen diese Forderung der Zeit heftig anstürmen. Wir denken aber, es sei schon jetzt nötig, Vorsorge zu treffen, daß das religiöse Bedürfnis, das noch immer unleugbar in unserer Mitte lebt, volle Befriedigung finde, auch wenn der Unterricht in der Religion beseitigt sein wird. Und dann wird es notwendig sein, daß endlich auch von uns jener alte Schutt aufgeräumt werde, der den Weg nach vorwärts verrammelt. Iwri. Gedanken über liberales Judentum. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. Claude G. Montefiore ist eine der interessantesten und sympathischsten Erscheinungen der englischen Judenheit. Sproß einer der vornehmsten Familien, reich und unabhängig, ist der 48 jährige, auch in seinem Aeußeren typisch an die prächtige, schlank gebaute Judenrasfe erinnernde Mann nicht nur auf dem Gebiete der Philantropie, sondern auch der jüdischen Wissenschaft und. Religionsphilosophie tätig. Er gehört zu jenen wenigen mit Glücksgütern gesegneten Juden — sie sind nur in England und Rußland zu Hause — die in voller Erkenntnis von der Bedeutung der Wissenschaft des Judentums auch dieser ihre kräftigen Arme reichen, ohne dabei die jüdisch-sozialen und Abwehrpflichten hintan zu setzen. Montefiore hat Laienpredigten veröffentlicht, eine zweibändige Hausbibel erscheinen lassen, er ist Begründer der Jewish Quarterly Review und Prediger der von ihm ins Leben gerufenen Jewish Religions Union. Reformjude int edelsten Sinne des Wortes, durchglüht voit wahrer positiver Religiosität, durchdrungen von der Größe und dem Misfionsideal des Judentums, erfüllt er mit der ganzen Tiefe seines Herzens alle jene Pflichten, die ihm Geburt und Stellung, Idealismus und Liebe zum Judentum auferlegen. Aber dem beherzten und begeisterten Manne entging es nicht, daß auch bei erneut Teile der englischen Judenheit der Freisinn in jenen Jndifserentismus auszuarten beginne, der in Deutschland und Oesterreich die traurigsten Folgen nach sich gezogen hat, und wie um Rechenschaft abznlegen vor sich selbst und der Geschichte - über die Reinheit seiner Ueberzeugungen und die Echtheit seiner jüdischen Gesinnung, aber auch als Mahn- und Weckruf an seine Glaubensbrüder zu hingebungsvoller Tätigkeit für die Religion Israels, schrieb er sein „lüberat Judaisme“, das heute in sorgfältiger Uebersetzung auf dem deutschen Büchermarkt erschienen ist.') Das Buch ist kein System, kein Lehrbuch, nur das Bekenntnis eines geistig und sittlich hochstehenden freien Juden, der das Judentum um ein gutes Stück vorwärts bringen möchte; die bescheidenen Gedanken einer reinen, innerlichst religiösen Seele, die nur eine Sehnsucht leitet, daß jeder, der als Jude geboren ist, dem Judentume erhalten bleibe (Seite 21) und, füge ich im Sinne des Verfassers hinzu, in ihm sich wohl fühle. Man kann nicht behaupten, das Buch sei eine umfassende Darstellung des liberalen Judentums — es macht auch keinen Anspruch darauf — manches, wie z. B. die jüdische Franensrage, vermissen wir sehr ungern darin, anderes, so das Bibelkritische, hätten wir entbehren können; das Kapitel über das Neue Testament ist, wenigstens für die deutschen Juden, fälsch angefaßt und irreführend, immer jedoch ist das Werk anregend, in jedem Punkte eifert es zunt Nachdenken an. Vielleicht wäre mehr Wärme, mehr Schwung, mehr Impulsivität gerade in diesem Buche wirksamer gewesen. Montefiore räumt der Vernunft — als ob diese die Größe einer Religion bedeutete — viel zu viel Platz ein, er lugt und späht zu oft und zu ängstlich nach ihr aus, zieht sie zu häufig zu Rate, dennoch merkt man jedem Worte an, daß es aus innerstem Herzensgrund emporquillt, daß es diesem Manne ernstlich um die Hebung und Förderung des Judentums zu tun ist. Zweifellos, der Angelpunkt in der Divergenz zwischen liberalem und orthodoxem Judentum ist die Frage der Inspiration. Die jüdische Orthodoxie, und mit ihr auch die christliche, hält ait dem Glauben fest, daß die fünf Bücher Mosis von Gott dem Moses direkt für das israelitische Volk gegeben wurden; daß ferner die mündliche Lehre ebenso inspiriert sei, wie die schriftliche. Die Konsequenz dieses Glaubens ist, daß sowohl die schriftliche, als auch die mündliche Lehre unwandelbar, unabänderlich sei, ein ewiges Gesetz (Chukkath aulom) für alle Zeiten und alle Geschlechter (leäauiauthom). „Das altgläubige Judentum lehrt, daß sich Gott dem jüdischen Volke besonders geofsenbart hat, und zwar ihnt als dem auserwählten Volke allein, und daß diese Offenbarung von Wundern und Zeichen begleitet >var, und daß ihr Inhalt im Gesetz niedergeschrieben wurde, und h Liberales Judentum. Ein Essai von Claude G. Montefiore. Einzig autorisierte deutsche Uebersetzung von Oscar Plaut, Leipzig 1906. C und M. Pfeffer.