Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Vortrag hielt, keine Redner gegen den Antrag. Die Gegner des Antrages, aus welchen Gründen es auch immer sei, waren fast sämtlich erschienen, die besseren indifferenten Mitglieder fehlten, so daß bei der Abstimmung sich Stimmengleichheit herausstellte und wegen eines differierenden weißen Zettels die Wahl kassiert werden mußte. In der dritten Gemeindeversammlung versuchte wiederum derselbe Herr das Wort zu nehmen, doch lehnte die Versammlung jegliche Diskussion ab. Da die Gegner des Antrages fürchteten, daß bei namentlicher oder öffentlicher Abstimmung manche Gemeindemitglieder nicht der Sache wegen, sondern wegen ihrer Gegnerschaft gegen einzelne Mitglieder des Kollegiums für den Antrag votieren würden, so stellte die Minorität (den Tagesblättern zufolge) den Antrag auf geheime Abstimmung durch Stimmzettel, dem von keiner Seite widersprochen wurde. Bei der nunmehr erfolgenden Abstimmung traten fast Zweidrittel der Mitglieder an die Urne und fast zweidrittel stimmten für die Anstellung des zweiten Ortsrabbiners. In der letzten Versammlung erschienen zirka 160 Mitglieder mehr als in der zweiten Versammlung, von denen etwa 40 gegen und 120 für den Antrag stimmten. Von Versammlung zu Versammlung wuchsen die Anhänger des Antrages, und in der letzten Versammlung erschienen die Vertreter alteingesessener Familien, die sich seit vielen Jahren nicht mehr um Gemeindeangelegenheiten bekümmert und indifferent geworden waren. Zur Ehre der Gemeindevertretung muß es gesagt werden, daß sie an den Landrabbiner, trotz allem, was vorgefallen, wiederholt vor und nach der zweiten Versammlung herangetreten, um ihn zu veranlassen, daß er seinen Sohn abhalte, ein Führer in der Bewegung gegen den Vorstand zu sein. Selbst indifferente Gemeindemitglieder traten aus ihrer Gleichgültigkeit heraus, nachdem diese und verschiedene andere Mitteilungen über einzelne Vorgänge in den Versammlungen bekannt wurden. Zu bedauern ist, daß mehrere bewährte Mitglieder des Kollegiums sich veranlaßt gesehn haben, ihr Mandat niederzulegen, nachdem ein Teil der Gemeinde, die durch Agitationsreden leidenschaftlich erregt wurde, Neigung hatte, ihren Vertretern zu mißtrauen. Das Kollegium hatte nach jahrelanger reiflicherUeberlegung und Beratung die Notwendigkeit eines zweiten Ortsrabbiners erkannt und deshalb dürfte auch die Minorität, die zum großen Teil die Notwendigkeit durchaus nicht bestreitet und vielfach aus - sonstigen Gründen gegen den Antrag stimmte, sich mit der Tatsache abfinden, und die altehrwürdige Gemeinde wieder zum Frieden gelangen, der teilweise gestört war, und zwar dergestalt, daß bereits angesehene Mitglieder sich zusammengesunden hatten, um eine neue Gemeinde zu gründen. . Durch den Beschluß der Gemeindeversammlung ist die Spaltung glücklicherweise vermieden worden. Amitti. Zu dieser Angelegenheit geht uns aus anderer Quelle noch folgende Mitteilung zu: In Politischen und jüdischen Zeitungen ist mehrfach in Artikeln und und namenlosen Berichten darüber gestritten worden, ob dem jetzt beigelegten Konflikt in der hannoverschen Gemeinde zionistische Agitation zugrunde gelegen. Im allgemeinen darf man wohl behaupten, daß der Zionismus nichts, wenigstens nicht direkt, mit jener Bewegung zu tun hatte. Da der Zionistenführer das einzige Gemeindemitglied war, das die Mitglieder gegen die Verwaltung in Bewegung setzte, da zufällig ein Mitglied der zionistischen Vereinigung es war, das die Gemeindeversammlung beantragte, und zionistische Jünglinge gegen die Verwaltung agitierten und die Versammlungen störten, so mag der Verdacht nicht ganz unberechtigt gewesen sein; tatsächlich aber scheint man den Zionisten Unrecht zu tun, wenn behauptet wird, daß die zionistische Vereinigung, Ortsgruppe Hannover, deren Vorsitzender, Rechtsanwalt Samniy Gronemann, beschlossen habe, gegen die Gemeindeverwaltung Front zu machen. In Wirklichkeit hat die hannoversche Ortsgruppe der zionistischen Vereinigung überhaupt keine Bedeutung, obwohl seit vielen Jahren zahllose Propaganda- Versammlungen abgehalten und erheb.liche Kosten und Mühen aufgewendet werden, um die Hannoveraner als Zionisten zu „veredeln"- Doch findet man hier keine Gegenliebe, da in Hannover der Boden hierzu fehlt. Zwar gehören etwa 10—12 Gemeindemitglieder der Ortsgruppe als Schakelzahler an, und auch etwa hundert junge Leute sind Mitglieder der Vereinigung. Damit hört aber der Zionismus in Hannover auf. Lrirk aus Srltrrrrich. Juni 1906. eitdem ich Ihnen zum letztenmal geschrieben habe, ist in Oesterreich-Ungarn vieles, allzu vieles vorgegangen. Die Weltgeschichte nimint bei uns einen wahrhaft nervösen Verlauf und ihr Gang ist ein Kommen, ein Hasten und Jagen zu nennen. Zunächst faiii der große Umsturz in Ungarn, in dem nun die Wekerle, Apponyi, Kossuth und Zichy friedlich nebeneinander regieren; jeder Mann ein System, jede Person ein Programm. Die Herren fühlten es wohl, daß sie den Boden unter den Fußen verlieren, wenn sie nicht rasch zugreifen wollten. Und sie griffen zu — den Ministerportefeuilles. Inzwischen war der Ministerpräsident von wohlgezählten vierzehn Tagen, Prinz Hohenlohe, der Nachfolger Korbers, gegangen, ein Opfer seiner Ehrlichkeit und der magyarischen Hintertreppenpolitik. Nun residiert auf dem Sorgenstuhle der österreichischen Ministerpräsidentschaft Baron Beck, und ihm zur Seite waltet ein parlamentarisches Ministerium, Tschechen und Deutsche, in, hoffen wir, langem, friedlichen Zusamim:.- wirken. Sie wollen alle, die neuen Minister, wir zweifeln nicht daran, sie wollen aufrichtig den Ausgleich mit Ungarn, sie wollen ein neugewähltes Parlament auf der breitesten Grundlage des Volkswählrechts, sie wollen das Gewerbe, den „kleinen Mann" retten, und sie wollen noch vieles andere. Uns Juden kann es wirklich gleichgültig fein, was sie wollen. Wir haben nichts zu verlieren; ob etwas zu gewinnen, die Zukunft wird uns vielleicht bald darüber belehren. Offen gesagt, viel Gutes erwarten wir auch von dieser nicht. In Wien sind bei den letzten Gemeinderatswahlen die Mandate der fortschrittlichen Kandidaterl im zweiten Bezirke, der einstigen Hochburg der Judenheit, verloren gegangen und die Genossen Lüegers, der in Bukarest jetzt wie ein Souverän gefeiert wird, durchgedrungen. Gibt dies nicht zu denken? Auch in Ungarn können die Juden bald belehrt werden, daß es für sie nicht gut sei, sich national sehr zu engagieren und zu enragieren. Der neue Justizminister, Polonyi, soll, nach den antisemitischen Blättern, ehemals Pollack geheißen haben. Selbst angenommen, dies sei zufällig wahr, möchten wir daran nicht allzu sanguinische Hoffnungen für die Zukunft der ehemaligen Glaubensbrüder Polonyis, recte Pollacks, knüpfen. Für alle Fälle wäre es gut, wenn die „Maßgebenden" unter den Juden Ungarns die Zeichen der neuen Zeit richtig deuteten, auf daß ihnen nicht ein ähnliches Geschick zuteil werde, wie ihren in der Schule des Lebens sehr erfahrenen Brüdern in Oesterreich. — Der Liberalismus in Ungarn ist tot, es lebt der Nationalismus frisch auf. Was er bringen wird, das muß die Zukunft zeigen, es wird aber gut sein, wenn die Juden, denen der Chauvinismus nie Gutes brachte, sehr auf der Hut sind, damit ihnen nicht der Lohn des Mohren gespendet werde, der bekanntlich gehen kann, nachdem er seine Schuldigkeit getan. — Es wird überhaupt wieder viel von der Zukunft des Judenturns bei uns gesprochen, vermutlich, weil von der Gegenwart nicht viel zu sagen ist, und was zu sagen wäre, höchst betrübsam und traurig aussieht. Wir gehören gewiß nicht zu denen, die sich in bezug auf die Zukunft auf den Standpunkt des Königs Hiskia oder des Fürsten Metternich stellen. Was für eine Zusammenstellung ist dies wieder? so höre ich fragen. Nun denn, der selige oder unselige Fürst Metternich, vormärzlichen Angedenkens, pflegte, wenn man ihn über die Zukunft bes agte, die Achseln zu zucken und den bekannten Ausspruch der Pompadour: „Apres nous le deluge,“ zu zitieren. König Hiskia, der mehr als 2000 Jahre vor der