Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'txa5»*“ <-* -«■ Die Nachrichten aus Rußland überstürzen sich. Es kann natürlich nicht unsere Aufgabe sein, mit den Tagesblättern in der Sammlung dieser Nachrichten zu konkurrieren. Wir haben nur die Aufgabe, sie zu sichten und aus ihnen die notwendigen Schlüffe zu ziehen. Fest steht nunmehr, daß der Pogrom in Bialystok, so gut wie alle frühern, angezettelt worden ist, um die Juden zu treffen, ferner, daß Polizei und Militär dabei mitgewirkt haben. Die Einzelheiten sind in den Tagesblättern zu lesen. Aber schon heute darf man dem deutschen Bureau der Alliance und dem'Hilfsverein der deutschen Juden dafür dankbar sein, daß sie mit lobenswertem Eifer sich um die Aufhellung der Tatsachen bemüht und den Opfern des Pogroms schnelle Hilfe zu bringen gesucht haben. Wie stehen nun aber die russischen Machthaber zu der Sache? Was den Zaren anbetrifft, so heißt es, daß die Geschehnisse in Bialystok ihn auf das peinlichste berührten, und er habe die strengste Untersuchung anbefohlen. Der russischen Regierung aber ist die neuerliche Judenhetze um so unangenehmer, als sie stattgefunden hat, unmittelbar nachdem die Reichsduma der Regierung vorgeworfen hatte, daß in der offiziellen Zeitung die Dankantworten veröffentlicht worden seien, die der Kaiser auf verschiedene Telegramme der „wahren russischen Männer" gegeben hatte, — gerade „derselben wahren russischen Männer", die mit Hilfe der „Schwarzen Hundert" die Metzelei veranstalteten. Des weiteren meldet ein Brief aus Petersburg, der Finanzminister befürchte, die Bialystoker Vorgänge könnten auch üble pekuniäre Folgen haben. In hohen Petersburger Kreisen wünscht man, daß eine Untersuchungskommission nach Bialystok abgehen werde. Aber was das nützt, das wissen wir aus der Geschichte der früheren Pogrome. Einzig und allein die Duma ist bis jetzt energisch für die Juden eingetreten. Schon in der Sitzung vom 19. d. M. sprach Petrunkewitsch zugunsten der Rechte der Juden unter Hinweis auf die Vorgänge in Bialystok; er führte ans, man müsse sich beeilen, um die Gleichheit der Israeliten einzuführen, im anderen Falle würde Blut fließen. Daß die Duma eine Kommission an Ort und Stelle entsandt hat, um die Ursachen des Pogroms aufzuklären, haben wir bereits berichtet. Die Untersuchung der Dumaabgeordneten, die mit größter Entschiedenheit und in besonnenster Weise geführt wurde, erstreckte sich auf folgende Punkte: 1) Untersuchung über die Herkunft der Hooligans. Wer ließ sie nach Bialystok kommen, wer zahlte Transportkosten, wer besorgte Beköstigung und Wohnung? 2. Wer gab Soldaten Befehl zum Einschreiten, zur Verteilung von Munition, dieselbe Frage sür Kosaken und Polizisten. 8. Durch wessen Vermittlung wurden Hooligans die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser und solche der Christen und Ausländer ganz genau zur Kenntnis gebracht. 4. Durch wen wurden christliche Bedienstete der Juden rechtzeitig veranlaßt, ihre Stellungen wegen Gefahr sür Leib und Leben zu verlassen? 8. Wer ist Urheber des Befehls, zu morden und zu rauben in Bialystok, und von wem und woher erhielt er Befehl von auswärts? Auf.Grund welcher Befehle haben Soldaten, Kosaken und Polizisten nicht nur Hooligans gegen jeden Angriff geschützt, sondern sie zum Morden und Rauben befehligt? 6. In welchen Händen befindet sich in diesem Augenblick der mörderische Befehl für das Massaker? 7. Welche Soldatenabteilung, welche Polizisten und Hooligans nahmen an Metzeleien teil? 8. Was taten während der Metzeleien die Ober- und Unterbesehlshaber der Truppen und der Gendarmerie? 8 a. Woher erhielten die einzelnen Truppenteile ihre Instruktionen. 9. Zahl der demolierten oder geplünderten Geschäfte und Wohnungen? 9 a. Wie hoch ist der Gesamtschaden? 10. Wieviel Menschen sielen? 10a. Wieviel Verwundete, wieviel Krüppel, wieviel Geschändete? 11. Zahl der Obdachlosen und Waisen? 12. Ist Befehl zur Verhaftung von Räubern. Mördern, Dieben gegeben? 12 a. Ist für die Rückerstattung der geraubten Güter gesorgt worden? 12b. Wer hat hierfür die Befehle gegeben? 13. Sind Mörder und Diebe bereits festgenommen? 14. Welche Maßregeln sind zur Verhütung weiterer Katastrophen getroffen? Da feststeht, daß die Katastrophe in Bialystok in allen Einzelheiten genau übereinstimmt mit allen früheren Katastrophen, da feststeht, daß keine lokale Machtstellung genügt hätte, derartige Katastrophen nicht nur herbeizuführen, sondern auch jede Bestrafung zu verhindern, so ist es jetzt Pflicht der Duma, den mit ungeheuren Machtmitteln ansgestatteten Urheber aller jener Greueltaten von Kischinew bis Bialystok zu entlarven und der Bestrafung entgegenzuführen. Die Duma hat aber schon gesprochen, bevor die Kommission ihre schwierige Aufgabe abgeschloffen. In der Sitzung vom 20. d. M. hielt zunächst der Abgeordnete Dr. Lewin (Wilna) eine eindrucksvolle Rede, in der er erklärte, eine Judenfrage gebe es eigentlich nur in Rumänien. Es sei notwendig, daß Rußland in dieser Angelegenheit Frankreich, England und Deutschland ähnele und nicht Rumänien. Er schloß mit den Worten: „Ich bin Jude; ich habe nicht einmal das Recht, in der Hauptstadt zu verweilen. Ich werde sofort nach Schluß der Sitzungsperiode der Reichsduma davongejagt werden!" Diese Worte machten auf die Versammlung einen tiefen Eindruck. Der Justizminister und der Minister des Innern suchten hierauf mit leeren Phrasen die bestehende „Ordnung" zu rechtfertigen. Sie wurden aber gar nicht angehört. Und Fürst Urussow, der frühere Gehilfe des Ministers des Inneren und spätere Gouverneur von Kischinew, erwiderte dem Minister Stolypin, die Metzeleien würden immer von geheimen Kräften organisiert, und es sei unmöglich, irgend jemanden gegen diese gewissermaßen von der Regierung ausgehenden Vorgänge zu schützen. Er führte zahlreiche Beispiele an und schloß, die Duma müsse den Herrscher verteidigen, für das Wohl Rußlands wirken und gegen Leute kämpfen, die die Erziehung eines Polizeibeamten erhalten hätten und deren politisches Glaubensbekenntnis auf Metzeleien hinauslaufe. Winawer, Roditschew und Nabikow hielten darauf heftige Reden, Roditschew sagte unter anderem, der Bankerott des Staates werde eintreten, bevor das Volk beginnen werde, sein Blut zu vergießen. Alle diese Reden veranlaßten lärmende Proteste: Nieder mit der Regierung! Nach diesen Reden ergriff unter fortwährenden Rufen: „Entlassung nehmen!" nochmals der Minister des Inneren das Wort und sagte: „Ich werde mich durch Ihr Lärmen nicht irre machen lassen, ich habe ein gutes Gewissen." Die Minister verließen unter anhaltenden Lärm und den Zurufen Mörder! Mörder! den Saal. Inzwischen laufen aus allen Teilen des weiten russischen Reiches Schreckensnachrichten über Hetzen und Vorbereitungen zu Metzeleien ein. Angst und Schrecken hat sich der unglücklichen Juden bemächtigt und man befürchtet stündlich den Ausbruch blutiger Unruhen. Die Polizei tritt provozierend auf, als ob sie geradezu den Befehl hätte, die Bevölkerung künstlich zu erregen. Die schwarze Bande ist wieder in Tätigkeit und wird ohne Zweifel von der Regierung mit Geld unterstützt. In Kiew wurde folgendes Manifest mit Zustimmung der amtlichen Zensur herausgegeben und in der ganzen Stadt angeschlagen: „Russen! Verteidigt, was ihr heilig haltet. Vernichtet die Feinde des Vaterlandes ohne Erbarmen. Die Lynchjustiz des Volkes lebe hoch!" Und in gleichem Sinne wird aus Odessa, Kischinew, Homel, Warschau und anderen Städten berichtet. In Odessa wird