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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 Es soll nicht vergessen werden, daß auch der päpstliche Nuntius am Wiener Hofe, Msgre. Pignatelli, seiner Entrüstung über die Mordszenen von Bialystok entschiedenen Ausdruck gegeben hat. Der Vatikan aber — schweigt! Auch in Amerika hat Präsident Roosevelt mit großem Bedauern erklärt, daß ein offizielles Vorgehen der Regierung der Vereinigten Staaten in der Angelegenheit der russischen Judemnetzeleien untunlich sei. Aber der Senat nahm wenigstens einen Beschlußantrag an, in welchem erklärt wird, das Volk der Vereinigten Staaten sei entsetzt über die Berichte von Metzeleien, die an Juden in Rußland wegen ihrer Rasse und Religion verübt seien. Alle diejenigen, die davon betroffen, hätten die herzliche Sympathie des Volkes der Vereinigten Staaten. In Deutschland hat die Regierung sofort Schritte untere nommen, um den Schutz des Lebens und Eigentums der deutschen Untertanen in der von dem Pogrom heimgesuchten Stadt zu sichern. C’est tout! Oder nein, doch nicht alles. Die deutschen Hooligans haben sich init allem Eifer bemüht, die Metzeleien gegen die Juden zu verteidigen oder gar zu rechtfertigen. Sie haben damit gezeigt, daß sie ihren Bundesgenossen in anderen Ländern noch über find. „Juden werfen Bomben in eine Frohnleichnamsprozession" — so schrien sie unmittelbar nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten aus Bialystok, und auf demselben Ton waren auch alle späteren Enunziationen abgestimmt. So weit haben sich in ihrem Haffe nicht einmal die russischen Antisemiten vergessen. Denn offiziell leugnen diese wenigstens jede Gemeinschaft mit Räubern und Mördern ab. Und das europäische Gewissen? In einer geistvollen Plauderei hat einmal Max Nordau erzählt, wie er zu einem Diplomaten gegangen sei, um sich von diesem Belehrung über die Frage des europäischen Gewissens zu erbitten. Der Diplomat bestätigte natürlich auf das Bestimmteste die Existenz eines solchen Faktors und fügte hinzu: „Es regt sich, es regt sich!" ■ Und auf die Frage, welche Form diese Regung annehme, wies der Diplomat auf das energische Vorgehen der Mächte gegen China anläßlich der Boxer-Unruhen hin. „Da war ich stolz, Europäer zu sein!" schloß er seinen Spruch; „Sie sehen, daß es ein europäisches Gewissen gibt und daß es für Herausforderungen Sühne zu erzwingen weiß." Der hartnäckige Interpellant ging nun aber weiter. Er fragte, warum dieses europäische Gewissen sich nicht rege, wenn in Rußland tausende unschuldiger Juden hingeschlachtet werden! Der Diplomat, der mit wachsender Ungeduld zugehört, fiel ihm rasch ins Wort: „Ich sehe den Zusammenhang nicht — Europa kann doch nicht in die inneren Angelegenheiten eines unabhängigen Staates eingreifen?" Ruit geht der Wann zu einem großen Finanzier. Vielleicht weiß die Hochbank, die ja der Mittelpunkt der Weltkultur sein soll, etwas mehr von einem europäischen Gewissen. Aber da kourmt er schön an. Gewiß gibt es ein solches, erklärt der Jinanzmann. Hat Europa gezögert, als Griechenland rrnter der Wucht seiner Anleihen zusammenbrach und die Zinsen nicht mehr bezahlen konnte, seine Flotten mobil zu inachen? Ist es nicht ähnlich bei gleichen Anlässen gegen die Türkei und gegen Venezuela vorgegangen? Und die russischen Juden? „Was geht das die Bank und Börse an?" so lautet die Antwort des Finanzmannes. Und die gleiche Antwort wird dem Manne überall zuteil, wohin er sich mit seiner Frage wendet. Nur im Volke selbst hört er Stimmen der Klage und Entrüstung über die entsetzlichen Vorfälle. Mit dem vielberufenen europäischen Gewissen, dies ist seiner Erkenntnis letzter Schluß, ist es also in unserer Zeit entschieden nichts. Es können in unseren Tagen in einem europäischen Staate Massenmorde angeordnet und mit Hilfe von Militär und Polizei ungehindert durchgeführt werden, ohne daß die Großmächte sich einmischen, ohne daß die Börse den Kredit jenes Staates niedriger bewertet, ohne .daß die Vornehmen und Gebildeten aller Völker die Verüber der Schandtaten allgemein ächten. O ja, es ist eine Lust zu leben in diesen Tagen! Bit Woche. Berlin, 26. Juni, ie Kommission zur Beratung des Schulunterhaltungsgesetzes im Herren hause hat alle Anträge von Gemeinden und Einzelnen auf Aeuderung der Bestimmungen über jüdische Schulen und Lehrer rundweg abgelehnt. Der Verband der deutschen Juden hatte nm Einrichtung eines besonderen Religionsunterrichts für jüdische Schulkinder bei mindestens 12 Teilnehmern petitioniert. Die Kommission fühlte sich aber nicht berufen, die „ästhetischen Fehler", die der Breslauer Oberbürgermeister in dem Gesetz entdeckt hatte, zu verbessern oder auszumerzen. Dagegen änderte sie eine Bestimmung, die auf Antrag des Abgeordneten Peltasohn in der dritten Beratung des Abgeordnetenhauses noch in den Gesetzentwurf hineingebracht wurde, zu ungunsten der Juden ab. Es handelte sich nämlich (§ 44, Abs. 2) um den Eintritt des Rabbiners in den Schulvorstand. Dazu war im Abgeordnetenhause das Amendement angenommen worden, daß, „wenn ein solcher nicht vorhanden ist, ein anderer vom Vorstand der jüdischen Gemeinde zu bezeichnender Rabbiner" in den Schulvorstand eintrete. Dieses Amendement hat die Herrenhaus- Kommission einfach gestrichen. Ob es im Abgeordnetenhause wieder eingefügt werden wird? Es wäre zu wünschen. ft Ueber die jüdische Auswanderung bringt der soeben erschienene erste Jahresbericht (1905) des Zentralbureaus fürjüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der deutschen Juden; Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B.) folgende Daten: Von 44 000 im Jahre 1899 stieg sie auf 153 000 im Jahre 1905. Im Durchschnitt betrug sie in den Jahren 1899/1905 88 500 pro Jahr. Da die jüdische Durchschniltsbevölkerungsziffer in den genannten Jahren 8 000 000 ausmacht, so entfällt auf 20 Personen ein Auswanderer — der höchste Prozentsatz im Vergleich zu anderen Völkern. Zur Regulierung der jüdischen Auswanderung wurde auf einer Konferenz in Frankfurt a. M. am 4. Dezember 1904 die Errichtung des Bureaus beschlossen. Die Aufgabe des Bureaus läßt sich mit folgendem Satz aus* der Einleitung des Berichts kurz bezeichnen : „Eine gehörige Information der Auswanderer, ein umfassender Rechtsschutz wird viele Tausende davor bewahren, daß sie ins Unglück wandern, und es werden alsdann viele Tausende weniger sein, die die Wohltätigkeit der Glaubensgenossen in den Einwanderungsländern in Anspruch nehmen müssen/ 28 931 jüdische Auswanderer gingen im Jahre 1905 über Hamburg, 18 193 über Bremen. Nimmt man diejenigen dazu, die über Deutschland nach Rotterdam-Antwerpeu- Amsterdam-Havre weitergehen, so beträgt der Durchzug jüdischer Emigranten durch Deutschland rund 80 000. „Der Sitz des Bureaus in Berlin, in Deutschland, entspricht somit den Verhältnissen der Auswanderung, wie sie zurzeit bestehen. Das Bureau hat feine Aufgabe durch verschiedene Publikationen und briefliche Informationen an Auswanderer zu erfüllen gesucht. Ein »Korrespondenzblatt", von

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