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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-29 · Heft 26 (29.6.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 29. Jnni 1906. 70. Jahrgang. No. 26. eüung desAudmtums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner £>*♦ Ludwig Philipj-son. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion and Expedition sind an die Adresse Verlag der «AUg.m Zeitung des Judentums"', Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich, Abonnenten is-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) b.zsgen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Was europsilche Gewlllrn. Berlin, 26. Juni. I^ald nachdem die ersten Nachrichten über den entsetzlichen Pogrom von Bialystok in die Oeffentlichkeit drangen, fragte sich Wohl jeder humane und gebildete Mensch: Was wird Europa dazu sagen und tun? So tief ist uns allen, die wir nicht bei den Geschäften der Diplomatie beteiligt sind, der völkerpsychologische Gedanke ins Herz gedrungen, daß Völker sogut wie Menschen die Pflicht haben, bei einem Unglück einzuspringen, das ein Nachbarreich trifft. Im vorigen Jahrhundert waren sich die europäischen Regierungen sehr oft dieser Pflicht bewußt und haben sie auch bei verschiedenen Anlässen ausgeübt. Sogar wenn es sich uitw, Juden handelte! Was veranlaßte z. B. im Jahre 1840 die Regierungen von England und Oesterreich, für die Juden in Damaskus einzutreten? Welche Berechtigung hatten 1859 verschiedene europäische Regierungen, sich wegen des Judenknaben Mortara „in die inneren Angelegenheiten des Kirchenstaates einzumischen?" Und welches Interesse hatte Preußen, England und Frankreich im Jahre 1877 daran, Rumänien zur Anerkennung der, bürgerlichen Rechte für einen Teil seiner eigenen Bewohner zu verpflichten? Eine Verpflichtung, die bekanntlich bis heute noch nicht erfüllt ist. Man sieht also, daß es Zeiten gegeben hat, in denen ein europäisches Gewissen nicht nur existiert, sondern sogar sehr mächtig geschlagen hat, wenn das nobile officium der Intervention zugunsten armer und unterdrückter Stämme eines Nachbarreiches an die europäischen Großmächte herantrat. Das ist nun anders geworden in dieser neuen Zeit. Im europäischen Konzert werden die Flötentöne gar nicht mehr gespielt. Das Nicht-Jnterventionsprinzip ist die allgemein geltende Regel, und von dieser weicht man nur dann ab, wenn es gilt, einem Nachbarstaat durch den Versuch der Intervention — Ungelegenheiten zu bereiten. Wir haben ja die hohe Schule der Diplomatie niemals für eine Hochschule der Moral und der Wahrheit gehalten — aber wir waren doch so naiv zu glauben, daß Zeiten kommen könnten, in denen das europäische Gewissen wieder einmal aus seinem tiefen Schlafe erwachen und die Regierungen förmlich zwingen könnte, im Interesse der Menschlichkeit ihre Stimme zu erheben, gleichviel, ob dies im diplomatischen Interesse liegt oder nicht. Ach, wir haben uns getäuscht, bitter getäuscht! Das müssen wir angesichts der neuesten Vorgänge beschämt eingestehen. Wir sagten schon oben, daß jeder nach Bialystok erwartungsvoll sich fragte: Was wird Europa dazu sagen? Nun, hören wir die Antwort Europas! In England hat man viermal im Unterhause angefragt, ob irgendwelche Schritte unternommen worden wären, die russische Regierung über die Ansichten aufzuklären, die das britische Volk über die Judenmetzeleien hege. Das erstemal erklärte der Unterstaatssekretär, er habe noch keine offizielle Nachricht über eine Judenverfolgung. Das zweitemal erklärte er, „der Eindruck, der durch die Ruhestörungen und den Verlust an Menschenleben hervorgerufen, und die Sympathie, die nicht nur in England, sondern überall für die Betroffenen geweckt worden ist, sind der russischen Regierung wohl bekannt; es sind dies aber keine Angelegenheiten, bezüglich deren eine offizielle diplomatische Einmischung üblich und wünschenswert ist." Und zum dritten und viertenmal interpelliert, antwortete Sir Edward Greh „kurzweg verneinend". Kurzweg verneinend — das spricht Bände! Und da gibt es noch Phantasten, die glauben, daß der Besuch einer englischen Flotte in Rußland tatsächlich unmöglich sei, falls nicht Rußland schleunigst Schritte tue, um sich in den Augen Europas zu rehabilitieren. Und noch größere Phantasten glauben sogar an das Märchen von der Depesche König Eduards an den Zaren, in der der tiefen Entrüstung über die Judenmetzeleien Ausdruck gegeben sei. Ein schönes Märchen — aber ach, ein Märchen nur. In Oesterreich brachte der Abgeordnete Breiter im Parlament eine Interpellation betreffend das Verhalten der österreich-ungarischen Regierung gegenüber den Metzeleien in Rußland ein. Am Schluffe der Sitzung fragte Graf Sternberg an, ob der Präsident geneigt sei, nach dem Vorbilde des englischen Parlaments im Hause Protestkundgebungen gegen die Judenmetzeleien in Rußland zu veranstalten. In einerfolgenden Sitzung äußerte sogar der Pole Abrahamowitsch feine Entrüstung über die in Bialystok verübten Greueltaten. Eine Antwort ist aus beide Fragen nicht erfolgt. Sie wird auch wohl nicht erfolgen. In Frankreich, dem aliierten Frankreich, hat eine Vereinigung edler Menschenfreunde Unterschriften für eine Adresse gesammelt, die an die französische Regierung gerichtet werden soll mit der Bitte, in Petersburg Vorstellungen zu erheben, damit den Massakers Einhalt geboten wird. Auatole France, Pressense, Buisson, Delpeche und andere ersuchten die einflußreichsten Persönlichkeiten, ihre Unterschrift für die Adresse zu geben. Wieviele Unterschriften wird wohl die Adresse erhalten? Und was wird die französische Regierung tun? Wir können es Vorhersagen: Nichts!

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