Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 kleinen Abänderungen angenommen und dem Verein auch aus Verbandsmitteln eine laufende Subvention bewilligt. Es folgten nun zwei kurze Vorträge allgemeinen Interesses, von Rabbiner Dr. Ehrlich- Tilsit über die geschichtliche Entwickelung des Schulwesens in Preußen, mit besonderer Berücksichtigung der jüdisch-konfessionellen Interessen, und vom Rabbiner Dr. Olitzki-Allenstein über die Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Wissenschaft, deren Unterstützung der Vortragende warm befürwortete. Bei den darauf folgenden Wahlen wurde Rechtsanwalt Schey-Allenstein aufs neue zum Verbandsvorsitzenden gewählt, als weitere Ausschußmitglieder die Herren Stadtrat Magnus-Königsberg, Dr. Kamnitzer-Allenstein, Amtsgerichtsrat Blumenseld-Jnsterburg, Stadtrat Prof. Dr. Lassar-Cohn-Königsberg, Julius Lazar-Königsburg. B. Holz-Insterburg, I. Jacobh- Osterode, E. Jacoby-Rastenburg, M. Jacobsberg-Zinten. Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg, Otto Eichelbaum-Jnsterburg, Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg und R. Breslau-Tilsit. n. Danzig, im Juni. Der Verband der Westpreußischen S h na go gen gemein den hielt am 20. v. M. im Hotel „Danziger Hof" seinen 9. Gemeindetag ab, zu welchem 13 Gemeinden, darunter die Großgemeinden der Provinz, ihre Vertreter entsandt hatten. Außerdem hatten sich noch ungefähr 30 persönliche Mitglieder zu den Verhandlungen eingefunden. Den Vorsitz führte der Verbandsvorsitzende, Rechtsanwalt Behrend-Danzig; in das Bureau wurden berufen Simson-Danzig, Geh. Sanitätsrat Dr. Wolff-Graudenz und Rabbiner Dr. Freudenthal-Danzig. Im Namett der Danziger Synagogengemeinde begrüßte deren Vorsitzender, PH. Simson-Danzig, die Versammlung. Alsdann gab der Verbandsleiter noch einige Spezialerläuterungen zu dem den Mitgliedern zugestellten, umfassenden Verwaltungsberichte über die beiden Verbandsjahre 1904—1906. Wir entnehmen aus demselben, daß eine Wanderbibliothek ins Leben gerufen wurde, von der acht Gemeinden mit großem Eifer Gebrauch machten und an die weitere vier Gemeinden angeschlossen werden sollen. Eine Kommission zur Ratserteilung bei der Berufswahl schulentlassener Kinder wurde eingesetzt und konnte in einigen Füllen wirksam eintreten. Die Inspektion des Religionsunterrichts in der Provinz wurde wiederum planmäßig ausgeführt und den Inspizienten Prämien für die besten Schüler zur Verfügung gestellt. Der Verband hat den Versuch unternommen, eine Anzahl günstig gelegener Gemeinden zu einem Bezirksrabbinat zusarnrnenznschließen; die Verhandlungen schweben noch, doch scheinen die Aussichten auf Erfolg nur geringe zu sein. Geplant ist von seiten des Ausschusses eine Besuchsreise in die des Rates und der Hilfe am stärksten bedürftigen Verbandsgemeinden. Zu dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und dem Verband der deutschen Juden stand der Westpreußische Gemeindeverband in regen Beziehungen. Gegenwärtig gehören dem Verbände 40 Gemeinden und 262 persönliche Mitglieder an. Nach Kenntnisnahme des Berichtes verhandelte der Gemeindetag über einen Antrag, eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasfe für Beamte zu begründen, der sympathisch ausgenommen und einer Kommission zu weiterer Bearbeitung übergeben wurde. Die Etats und eine Satzungsänderung, wonach der Gemeindetag fortab alljährlich oder alle zwei Jahre stattfinden soll, sowie die Wiederwahl und Ergänzung des Ausschusses wurden genehmigt. Lebhafte Erörterung fand das Projekt der Gründung eines jüdischen Provinzialkrankenhauses in Danzig, für welches ein Mitglied der Danziger Gemeinde einen Baufond von 150 000 Mark zur Verfügung stellen will, wenn die Betriebskosten anderweitig aufgebracht werden; die meisten der anwesenden Gemeindevertreter äußerten sich beifällig und versprachen die Förderung des Unternehmens. Aus einer Verbandsgemeinde waren Klagen darüber eingegangen, daß in einigen Gemeinden der Provinz Mißstände beim Begrübniswesen herrschen; der Gemeindetag sprach offiziell seine Mißbilligung über diese Zustände aus und sicherte Hilfe zu ihrer Abstellung zu. Nach einer kurzen Pause, in welcher die Teilnehmer an den Verhandlungen der Einladung der Danziger Gemeinde zu einem Frühstück nachfolgten, berichtete der stellvertretende Verbandsvorsitzende, Dr. Freudenthal-Danzig, eingehend über die Lage des Religionsunterrichts in der Provinz an der Hand der in den beiden letzten Jahren eingegangenen Jnspektionsberichte sowie aus Grund des vom statistischen Bureau in Berlin veröffentlichten Materials. Der Berichterstatter bat um. rege Unterstützung der Verbandsbestrebnngen von seiten der Gemeinden, um die bisher erzielten wesentlichen Erfolge aus dem Gebiete des Unterrichts noch weiter ausdehnen zu können. Zuletzt referierte der Verbandsleiter, Rechtsanwalt Berendt-Danzig, über die Frage der Subventionen für den Religionsunterricht, die fortab nur nach bestimmten, vom Referenten vorgetragenen Grundsätzen bewilligt werden sollen. Alsdann wurde um 3V4 Uhr der Gemeindetag geschlossen, und die Teilnehmer vereinigten sich in den schönen Räumen des „Danziger Hofs" noch zu einem gemeinsamen Mahle, das in froher und durch Ansprachen angeregter Stimmung verlief. n. Breslau, 10. Juni. Das Festlied des Vereins der christlichen Referendare, das beim letzten Stiftungsfest gesungen wurde, hatte bekanntlich wegen seines antisemitischen Inhalts Aergernis erregt und Anlaß zu einem disziplinarischen Einschreiten gegen den Verfasser, den Landgerichtsrat Hoffmann in Breslau, gegeben, welches .in erster Instanz mit der Verurteilung des Richters zu einem Verweise endigte. Gegen dies. Urteil haben , sowohl der Angeklagte, welchem diese Strafe zu streng erschien, und der freigesprochen sein will, als auch die Königliche Staatsanwaltschaft, welche Strafversetzung fordert. Berufung eingelegt. Der Prozeß schwebt jetzt in zweiter Instanz vor dem Disziplinarsenat des Königlichen Kannnergerichts, dessen Entscheidung unmittelbar bevorsteht. — Herr Dr. Golinski, Hörer des hiesigen jüdisch-theologischen Seminars, wurde einstimmig zum Rabbiner in Chemnitz gewählt, nachdem der dortige Rabbiner Dr. Mühlfelder in den Ruhestand getreten ist. — Eine Kommission für Durchwanderer-Angelegenheiten ist vom Vorstand der Synagogengemeinden begründet worden. Dieselbe besteht aus den Mitgliedern der Armenkommission und acht Gemeindemitgliedern. Je drei sollen von Monat zu Monat abwechselnd fungieren. Der etatsmäßige Betrag ist auf zirka 4000 Mark festgesetzt worden. Die Kommission soll erst ständig werden, wenn sich dieser Modus der Fürsorge für die armen russischen Durchwanderer bewährt. r. Sorr-ershausen, 15. Juni. An seinem 93. Geburtstage und bis zuletzt in seinem schönen Berufe tätig, somit wohl der älteste noch im Amte befindliche Rabbiner in ganz Deutschland, verschied gestern hier, im Kreise der Seinen, Rabbiner Professor Philipp Heidenheim. Eine liebenswürdige, reichbegabte Persönlichkeit von nimmer ermüdendem Streben, voll Pflichtgefühl und voll warmer Teilnahme und Hilfsbereitschaft für jedermann, hat damit, allgemein geachtet und hochverehrt von seiner Gemeinde, das Zeitliche gesegnet. Schon früh, in seinem 19. Lebensjahre, bestand der nun Verstorbene, der am 14. Juni 1814 im benachbarten Bleicherode geboren wurde, das Rabbinatsexamen. Er fand gleich damals, 1833, hier Anstellung als Lehrer an der städtischen Gemeindeschule. Zugleich wurde er von der hiesigen jüdischen Gemeinde zum Prediger gewählt. In beiden Aemtern entfaltete er eine rege, pflichteifrige und erfolgreiche Tätigkeit. Als die städtische Gemeindeschule Umwandlung in die Fürstliche Realschule fand, wurde er als Lehrer für diese mit übernommen. Auch einem Pensionat für Knaben, das er begründete, stand er mit bestem Erfolg vor. Der Fürst erkannte die Verdienste des Jugendbildners durch die Ernennung zum Professor und durch die Verleihung des Schwarzburgischen Ehrenkreuzes III. Klasse an. Die Liebe und Verehrung seiner jüdischen Gemeinde, der er dreiundsiebzig Jahre vorgestanden, hat sich der Verstorbene in seltenem Maße erworben. Auch bei seinen übrigen Mitbürgern genoß er allgemeinste Wertschätzung. Es war ihm vergönnt, das 70jährige Dienstjubiläum und mit seiner Gattin, die ihm im 86. Lebensjahre vor neun Jahren im Tode voranging, die silberne und die goldene Hochzeit zu feiern. Mit Heidenheim ist auch der älteste Mitarbeiter dieses Blattes dahingegangen. Das ihm so liebe Predigeramt übte er bis zu seinem Tode. Wer seine Passahpredigt in diesem Jahre hörte, die nicht nur voll Geist und Empfinden war, sondern auch mit noch weithin tragendem klangvollen Organ gehalten wurde, den überraschte die schier unerschöpfliche Lebenskraft. „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich, gewesenist, soisUs Mühe undArbeit gewesen." Rabbiner Professor Heidenheim war es vergönnt, das 93. Jahr zu erreichen und unter reicher Anerkennung eine vielseitige erfolgreiche Tätigkeit zu entfalten.