Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Wahrlich ein gottgesegnetes Leben bis zum sanften Hinüberschtummern und Ausruhen am 93. Geburtstage! Ehre seinem Andenken! K. Essen, 14. Juni. Herr Bankier Herz Hirschland, der aus gesundheitlichen Gründen demnächst seinen Wohnsitz von hier nach Münster verlegt, war in letzter Zeit wiederholt Gegenstand zahlreicher Ehrungen, die einerseits ein Beweis der Beliebtheit des Gefeierten waren, anderseits jedoch auch der Verlust in Erscheinung treten ließen, den unsere Gemeinde durch den Wegzug desselben erleidet. Herr Hirschland gehörte über 25 Jahre dem Repräsentantenkollegium, dessen Vorsitz er fast ebenso lange führte, an, stets bestrebt, das beste der Gemeinde zu wahren und zu fördern. Ebenso lange hatte er den Vorsitz der gesamten Wohltätigkeitsvereine, in welcher Eigenschaft er sich als ebenso warmer Freund und Annehmer der Armen, namentlich der verschämten, wie auch als entschiedener Gegner der Haus- und Wanderbettelei erwies. Seine hingebende und uneigennützige Verwaltung der Pensionskasse des Vereins israelitischer Lehrer Rheinlands und Westfalens fand aus der jüngst hier stattgehabten Jubelkonferenz durch seine Ernennung zum Ehrenmitglied dankbare Anerkennung. Seitens des Vorstandes und der Repräsentanz der Synagogengemeinde wurde ihm kürzlich eine künstlerisch vollendete Adresse, die in Worten herzlichsten Dankes seiner langjährigen, der Gemeinde gewidmeten treuen Dienste gedenkt, überreicht; ebenso von der Gesellschaft „Harmonia", deren langjähriger Leiter Herr Hirschland war, und die ihn durch Ernennung zum Ehrenvorsitzenden ehrte. Namens der Vorstände der Armenverwaltung, des Frauenvereins und der C.hewra wurde ihm am letzten Sabbat als äußeres Zeichen liebevollen Gedenkens eine kostbare Reproduktion des bekannten Menzelschen Flötenkonzerts Friedrich des Großen überbracht, für welche sinnige Ovationen der Gefeierte nicht Dankesworte genug finden konnte, dabei betonend, daß, so schwer ihm auch der.Abschied aus seiner Vaterstadt falle, er derselben, seiner bisherigen Gemeinde und ihren Einrichtungen stets in Wort und Tat sein Interesse bewahren werde. Neben den bereits genannten Ehrenämtern bekleidete Herr Hirschland auch Jahre lang das Amt eines stellvertretenden Handelsrichters, das er aus eingangs erwähnten Gründen kürzlich auch niederlegre. Bei seinem Fortgange von Essen begleiten Herrn Hirschland und seine Gattin, die dem Vorstande des Frauenvereins ein bewährtes Mitglied war, die herzlichsten Sympathien und die Wünsche, daß ihnen in Münster, urngeben von Kindern und Enkeln, noch viele frohe Jahre in ungetrübter Gesundheit beschieden sein mögen. e. Nürnberg, 18. Juni. Am 20. v. M. tagte hier die 10. freie Konferenz der bayrischen Rabbiner. Dieselbe war der eingehenden Beratung wichtiger Amtsangelegenheiten gewidmet. Auf ein Huldigungstelegramm an den Prinz-Regenten traf folgende Antwort ein: „An die bayrische Rabbinerkonferenz, z. H. des Rabbiners Herrn Dr. Ziemlich in Nürnberg. Seine Hoheit der Prinzregent entbietet den zur 10. freien Konferenz in Nürnberg versammelten daher. Rabbinern für das Allerhöchst denselben dargebrachte Gelöbnis unwandelbarer Treue Ihren bestell Dank. In Allerhöchstem Aufträge Freiherr von,Wiedemann, Generaladjutant." — Die Jahrhundert- Feier der Angehörigkeit der Stadt Fürth zum Königreich Bayern wurde würdig begangen. Prinz Ludwig war dazu gekommen und nahm sein Absteigequartier bei Komurerzienrat Sahlmann. Bekanntlich hatte das „Bayr. Vaterland" schon vorher dagegen geschrieben, daß Prinz Ludwig bei einem Juden wohne. Unsere Glaubensgenossell haben zu der Feier erheblich beigetragen. Am 26. v. M. fand die Eröffnung des von dem vor kurzem verstorbenen Kommerzienrat Berolzheinrer gestifteten Bolksbildungsheim „Berolzheimerianum" statt. Prinz Ludwig betonte in seiner Rede, daß die Entwickelung Fürths nicht nur der Unterstützung der Regierung, sondern auch dem Zusammenwirken aller Burger, vom Reichsterl bis zum Aermsten, zu verdanken sei. Ferner fand an der Anlage in der Promenadenstraße die Enthüllung der von der Stadt mit Hilfe des Kommerzienrats Löwensohn errichteten Wittelsbacher Bank statt. Die Bank ist in monunrentalem Stil von Professor von Ruemann geschaffen und wird von einer Büste des Prinzregenten gekrönt. o. Stuttgart, 16. Juni. Am 23. und 24. v. M. tagte hier die Konferenz des Württembergischen Rabbinerverbandes. Zur Debatte stanoen folgende Themen: 1. Neuschaffung eines Spruchbuches als lebendiger Kommentar zum gesalnten Religionsunterricht (Referent Dr. Cahn-Eßlingeu). 2. Neuordnung der Gottesdienstordnung vom Jahre 1836 (Referent Dr. Sänger-Mergentheim). 3. Der obligatorische Religionsunterricht an höheren Lehranstalten (Referent Rabbiner Straßburger-Göppingen). Bezirksrabbiner Dr. Stößel verbreitete sich am Abend des ersten Tages über ein halachisches Thema, das, von ihm in lichtvoller Weise durch die religionsgesetzlichen Quellen hindurchgeführt, als ein nicht immer in gleichmäßiger Weise angewandtes Prinzip, auf keinen Fall aber als ein Prinzip der Entwicklung gekennzeichnet werden konnte. a. Ans dem Elsatz, 13. Juni. Am 10. d. M. fanden im Unterelsaß Nachwahlen zum Konsistorium für zwei verstorbene Mitglieder statt. Mit großer Mehrheit wurden die Herren Aron Durlach-Straßburg und Meyer Scheyen-Oberehnheim gewählt. Die Konsistorialpartei hatte einem langgehegten Bedürfnis und vielfach. geäußerten Wünschen gemäß zwei Juristen. Straßburger Rechts-, anwülte, als Kandidaten aufgestellt. Leider bot aber deren religiöses Leben den Gegnern solch geeignetes Material zur Bearbeitung der Wähler, daß, wie ein katholisches Blatt sich ausdrückt, das Resultat den Sieg der „kirchlichen Richtung" innerhalb des Judentums bedeutet, der hier allgemeine Enttäuschung hervorgerufen hat. — Anr 2. v. M. hielt der Verein israelitischer Elementarlehrer Elsaß-Lothringens eine Versammlung in Straßburg ab. U. a. hielt Ro senstiel-Dürmenach eine Lehrprobe über das Uebersetzen von Psalm 19; ferner fand eine Anssprache über die Fixierung des Gehalts für den hebräischen Unterricht statt und schließlich wurde eine Kommission, bestehend aus Krön-Westhofen,Mansbach-Düppigheim und Wolf-Maursmünster, gewühlt, die dem Verein Vorschläge zur Einführung geeigneter Religionsbücher machen soll. Gesterretch-Nngarn. /X Wien, 18. Juni. Der Vorstoß der Christlich-Sozialen gegen Ungarn hat auch im Auslande allgemeines Aussehen erregt- Ja, es fanden sich sogar liberale Blätter, die Herrn Lueger deshalb priesen. ' Eine derartige Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse und eine solche Verblendung sollte mau kaum für möglich halten. Es ist ja kein Zweifel, daß Herr Lueger sich für den kommenden Mann hält — aber bis dahin wird noch viel Wasser die Donau abwärts fließen. — Am 7. d. M. hat hier die Generalversammlung der Israelitischen Allianz stattgefunden. Die Aktion sür die in Galizien angesammelten Flüchtlinge hat im ganzen einen Kostenaufwand von 263 695,31 Kronen erfordert, wozu die Wiener Allianz 91 578,28 Kronen beigetragen hat. Die Spendensammlung für die russischen Juden hat in- Wien allein nahezu 500 000 Kronen, in ganz Oesterreich zirka 856 000 Kronen ergeben. An Stelle des durch den Tod ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedes' Herrn Rudolf Auspitz wurde der kaiserliche Rat Leopold Sachs kooptiert. Die Ausgaben betrugen 65 655 Kronen mit 2281 Kronen Zuschuß zu den Einnahmen. Der Russenfond hatte 342 000 Kronen ausgegeben, mit Aktiv-Saldo für 1906 von 777 800 Kronen. — Der Kaiser hat dem k. k. Gerichts- und Gefangenenhausarzte, erzherzoglichen Bezirksarzte und Stadtphhfikus in Teichen, kaiserl. Rate Dr. Alois Kohn das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. — Der Antrag, eine Bildungs a nstalt für israelitische Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen zu begründen, wurde in der letzten Vorstandsfitzung einstimmig angenommen. Die Aufgabe der Religionslehrer-Bildungsanstalt soll sein die Heranbildung von Lehrkräften zur Erteilung des israelitischer) Religionsunterrichtes an Wiener Volks- und Bürgerschulen. Die Anstalt wird aus einer Klasse mit vierjährigem Lehrkurse bestehen. Gegenstände des Unterrichtes sind: Religionslehre, biblische und jüdische Geschichte und die dazu gehörige ' Geographie. Die Bibel im Urtexte, Pentateuch, Propheten, Hagiographen. Das Gebetbuch. Rabbinische Literatur. Hebräische Grammatik. Pädagogik. Deutsche Sprache und Literatur. Geschichte und Geographie. Naturgeschichte. Naturlehre und Mathematik. Musik und Shnagogengesang. Turnen. Schönschreiben. — Herr Lueger hat mit seinen Getreuen einen Triumphzug nach