Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
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299 entbinde Sie also, meine Herren, Ihres geleisteten Versprechens, wozu Sie nicht befugt waren, und erkläre die Forderung des Betrauerten, als verstoßend gegen den geheiligten Gebrauch, für unstatthaft. Außerdem, da er als vieljähriger erster Vorsteher unserer Gemeinde der ehrenvollsten Bestattung würdig ist, war er ja obendrein ein „Kohen" (Priester); wir dürfen ihn daher nicht wie einen Selbstmörder begraben." Die Argumente des würdigen Seelsorgers waren so einleuchtend, daß die Vorsteher der Chebra sich bereit erklärten, ihr gegebenes Wort zurückzunehmen. Auch die Söhne und Schwiegersöhne des Verblichenen gaben die Erklärung, daß sie zwar aus Pietät für den geliebten Toten es nicht wagen würden, einer seiner letztwilligen Verordnung zuwider zu handeln, daß es ihnen jedoch eine trostreiche Befriedigung gewähre, wenn der Rabbi selbst den so entwürdigenden Paragraph in dem Testamente außer Kraft setze, damit der verdienten Ehre des Edlen kein Abbruch geschehe. Auf daß aber die Chebra hierdurch nicht verkürzt werde, seien sie, die Erben bereit, dennoch die legierte Summe auszuzahlen. Demzufolge ging man daran, den Leichnam zu entkleiden, um an demselben die gebräuchliche Reinigung vorzunehmen. Aber Himmel! Welche Wahrnehmung! Die Zunächststehenden blieben, von haarsträubendem Entsetzen ergriffen, erstarrt, wie zu Stein geworden, vor der Leiche. An dem Arm des Leichnams zeigte sich ein Galgen eingebrannt, ein Schandzeichen, das zu jener Zeit allen groben Missetätern vor der Entlassung aus dem Strafhause zu ewiger Schmach aufgedrückt wurde! Einige Minuten lang dauerte eine Totenstille, in welcher nur die Augen ihre schauderhafte Funktion zu verrichten imstande waren. Nach und nach löste sich die Erstarrung; es entftaub ein Gesumme, ein Geflüster, das bald in ein lautes Gemurmel und endlich in ein verworrenes Geschrei ausartete. Die Fernstehenden, welche sich das angstvolle, wilde Gelüinmel nicht zu erklären vermochten, drängten sich näherund schrien durcheinander: „Was gibts? Was ist geschehen?" ivührend diejenigen, welche das Gräßliche gesehen hatten, sich nun heulend zu entfernen anfingen; dadurch entstand eine Verwirrung, ein Durcheinander, ein allgemeines Schreien und Toben. Der Lärm drang bis auf die Straße und lockte Neugierige von allen Seiten herbei; man fragte, man erwiderte, und nach Verlauf von wenigen Stunden war die furchtbare Neuigkeit mit Zusätzen und möglichst greuelhaften Ausstattungen in ganz Hamburg verbreitet. Herr Kroner hatte in seiner Jugend — wer weiß wo? — als arger Verbrecher die verdiente Strafe übcrstanden; mit dem Schandzeichen entlassen, hatte er sich nach Hamburg geflüchtet, wo er von niemanden gekannt — wer weiß wie? — sich große Schätze erwarb nsw. Die bedauernswürdigen Erben des Geschändeten waren zermalmt, vernichtet, wie plötzlich aus dem Himmel in die Hölle geschleudert. Gestern noch waren sie die Zierde der Hamburger Gemeinde, heute wurden sie dem verachteten Auswnrfe beigezählt. Wer durch ihren Händedruck sich gestern noch geehrt fühlte, wich heute ihnen aus, um vor ihnen nicht ansspucken zu müssen. Welch ein furchtbarer Wechsel! Beklagenswerte, unglückliche Familie! Mit genauer Not fanden sich einige Mietlinge, die sich herbeiließen, den Leichnam des sonst so geächteten Mannes in die Grube zu werfen und diese mit Erde zu füllen. Herr Nürnberger wußte von all dem, was Erschreckliches in seiner Nähe vorging, gar nichts. Um ihn in seiner Körperschwäche zu schonen, verschwieg ihm seine Tochter den erfolgten Tod dessen, dein er — wie sie wußte — mit so inniger Seele anhiug. Natürlich hatte er auch von den übrigen Vorgängen keine Kenntnis, bis ihm zufällig durch Alfred alles entdeckt wurde. In dem Testamente waren von dem Verstorbenen mehrere Legate niedergesetzt; darunter waren auch zwölftansend Taler bestimmt, von welchen Daja bis zu ihrer einstigen Verehelichung die Zinsen beziehen, alsdann aber das Kapital ausgefolgt erhalten sollte, wofür' sie aber die Verpflichtung übernehmen mußte, für die anständige Verpflegung ihres blinden Vaters bis an dessen Lebensende Sorge zu tragen. Da ynn sämtliche Familienglieder des Testators in einem Familienrate den Entschluß gefaßt hatten, nach Amerika auszuwandern und daselbst sich in irgendeinen? Winkel zu etablieren, wo sie nicht fürchten durfte, daß jemals ihre Schande dahin dringen werde: daher wollten sie vorerst alle legierten Kapitalien ausbezahlen oder unterbringen. Alfred übernahm es, Daja zu befragen, auf welche Weise sie ihr Geld sichergestellt wissen wolle; da es ihin aber unbekannt war, daß ihr Vater über die letzten Vorgänge nicht unterrichtet sei, stellte er seine Frage in dessen Gegenwart; der Blinde, dadurch aufmerksanr gemacht, forschte nach und erfuhr alles. Die Kunde von dem Tode seines Gönners berührte Herrn Nürnberger sehr schmerzlich; der furchtbare Nachtrag aber von der Vorgefundenen Brandmarkung versetzte ihn in einen Zustand, der mit Raserei kaum sich hinreichend bezeichnen ließe. Wie plötzlich durch eine gewaltige Feder emporgeschnellt, sprang er ans; einige. Sekunden lang brachte er kein Wort hervor, aber man sah, wie mächtig es in ihm arbeitete, um sich durch einen Schrei Luft zu machen. Endlich streckte er seine beiden Fäuste drohend empor, und in einem brüllenden Tone rief er: „Wer wagt es . . . den reinen Mann zu beschimpfen? . . . . Doch .... Junger Herr! . . . Daja! wo bist Du, Daja? . . . Schnell! Gib mir deine Hand und sühremich; schleppe mich, zerre mich, wenn ich nicht gehen kann! Es gilt die Rettung der Unschuld! Ich will Aufklärung geben, will der Welt sagen, wer Lipmann Kroner war! Die Welt soll niederknien vor ihm und bekennen, daß ein Engel kein Teufel sein könne!" Daja hatte zu kämpfen, daß er in seiner ungestümen Hast den Schlafrock mit einem anständigen Rock vertauschte; und während er sich zum Ausgehen vorbereitete, sprach er zu Alfred: „Ich eile zum Oberrabbiner, um ihm ein furchtbares Geheimnis mitzuteilen, das nun reif zur Veröffentlichung geworden ist. Sagen Sie indeffen Ihren Verwandten, daß sie ja keinen Augenblick anstehen mögen, den Schatten ihres Vaters als den eines Heiligen zu verehren. Ich, ich allein bin hier imstande, über jenes grauenhafte Brandmal, das nicht zu seiner Schande gereicht, Aufschluß zu geben, ich werde es tun und werde meine Aussage durch ein authentisches Dokument beweisen. Jetzt schnell, führt mich zum Rabbi!" Nachdem er noch aus dem Kasten eine in Papier eingeschlagene Schrift zu sich gesteckt hatte, ließ er sich von einem herbeigerufenen Diener fortführen. Alfred wußte freilich nicht, was er von dem halbtvllen Benehmen des Blinden und dessen Aeußerungen denken sollte; jedoch schien es ihm aber wichtig genug, um den Angehörigen darüber Bericht zu erstatten; und diese, wiewohl weit entfernt von der Annahme, es könne wirklich irgendeine ehrenhafte Aufklärung ermöglicht werden, gerieten denn doch in eine nervöse Spannung, in eine fieberhafte Aufregung, die sich mit jeder Minute steigerte, und endlich den höchsten Punkt erreichte, als zwei Stunden nachher mehrere Wagen angefahren kamen, aus welchen der ehrwürdige Oberrabbi mit seinen zwei Kollegen, Herr Nürnberger und sowohl die Vorsteher der Gemeinde als