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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 ,^Der moderne Judenfeind predigt den Judenhaß nicht wegen der alten Vorwürfe, auch nicht weil Börne und Heine Juden seien und weil überhaupt alle Juden junge Deutschländer sind. Es spricht sich bei ihm ein tiefer Unmut aus, der sich gern Lust machen möchte, und in knabenhaftem Grimme wirst er sich über das vermeintlich Widerstandslose und zerrt es nach Herzenslust in den stagnierenden Pfützen herum, bis endlich fein Mütchen sich gekühlt und er verschämt über seine unverständigen Ausbrüche verendet. (?) Auf die oben hingeworfene Aeußerung Menzels hin wird Heine, der ehemals Jude, und Gutzkow, der niemals Jude war, zum Prototyp des Juden gestempelt. Aber wo ist ein Federzug Heines, der dem Judentum an sich angehört, wo ein einziges Wort, das er nicht auch, als Christgeborener hätte aussprechen können.. Wenn er die Kränze deutscher Bildung der Jetztwelt in sich ausgenommen und sie nach eigener Bildung ausgenommen, sott etwa das Judentum dafür solidarisch haften? Selbst die erbittertsten Feinde der Juden anerkannten ihre Zucht und Sitte und ihre Glaubenstreue. Wenn dies leider nicht mehr so allgemein ist, so haben auch wir nur über die Verschlimmerungen und Verirrungen der Zeit zu klagen; gleiches Unrecht würde man aber begehen, wenn man dies dem Judentum, wie wenn man es dem Christentum an sich zuschreiben wollte. Gestützt auf das unveränderliche Palladium unseres Glaubens und auf die in der Nation lebende Sitte streben und hoffen wir, die Verirrungen der Zeit nach Kräften zu heilen. Wir stützen uns auf die in der Nation lebende Sitte, ja wir achten und lieben deutsche Sitte und deutsches Herz, denn es ist auch unsere Sitte, unser Herz. Ich lebe der frohen, zuversichtlichen Ueberzeugung, die Gesinnungen der ganzen jungen Generation der Juden auszusprechen, wenn ich hinzufüge, erprobt uns in der Feuertaufe der Gefahr und ihr werdet uns rein finden wie von allen Schlacken des Egoismus und raffinierter Unsitte. Gebt uns das Vaterland, dem wir durch Geburt, Sitte und Liebe angehören und treulich legen wir Gut und Blut auf seinen Altar. Vergesset und lehret uns vergessen der finsteren Scheidewand, die uns trennte, und ersparet uns die schmerzliche Mühe, gegen euch in die Schranken zu treten, weil ihr so oft euren vaterländischen Bestrebungen den Dämon des Judenhasses beigesellt." Die dritte auf jüdischem Standpunkte stehende Schrift führt den Titel: „Das junge Deutschland und die Juden", von Dr. Jacob Weil, Vorsteher einer Lehr- und Erziehungsanstalt, Frankfurt a. M. 1836. I. Weil, der Bater des berühmten klassischen Philologen, der seine deutsche Heimat mit Frankreich vertauschte und noch heute als ein würdiger Vertreter echter Gelehrsamkeit in Paris lebt, war ein schlichter, wackerer Gelehrter, ein Philologe, der als Leiter einer Erziehungsanstalt in Frankfurt lebte, eine sehr geachtete gesellschaftliche Stellung einnahm und es zu hohen Jahren brachte. Er tritt gegen die Schrift Pfitzers auf und treibt die Gerechtigkeit etwas weit dadurch, daß er die Sätze des Gegners wörtlich mitteilt. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, daß die Juden keine Deutschen seien, daß sie als Franzosen kämpfen müßten, weist sarkastisch darauf hin, daß man die, denen man den Namen Deutsche abspreche, nun als „Jungdeutsche" reklamiere. Er will es nicht wahr haben, daß man Heine als Juden betrachte oder gar zum Führer und Dolmetsch der Juden stempele, wobei er mit ganz ungewöhnlicher Schärfe gegen Heine losfährt. Dagegen tritt er eifervoll für Rießer ein, der, wenn überhaupt ein einzelner das auszudrücken vermöge, was in der Gesamtheit lebe, als Vertreter der Judenheit gelten könne, und schließt mit den Worten: „Jeder Schriftsteller repräsentiert als solcher nur sich selbst; nur in Krähwinkeln mag seine ganze Vetterschaft nach dem beurteilt werden, was nur er gesagt, oder was ihm wohl nur gar in der Aufregung des Moments, in jugendlichem oder poetischem Uebermute, oder was ihm wohl nur gar durch einen Mißgriff des Ausdrucks entschlüpft sein mag. Gar alle Glieder einer Religionspartei im Norden und im Süden, im Osten und Westen über das loben oder tadeln, was ein einzelner aus ihrer Mitte über Liebe und Wein, über diese und jene politische Meinung gesagt' oder gesungen, behauptet oder bestritten hat, schien. uns bis jetzt der Gipfel des Unsinns. Die vorliegende Streitsache hat uns freilich eines Besseren belehrt und einen höheren, bisher nicht geahnten Grad dieses Unsinns entdeckt. Das einer gesagt hat, der kein Jude ist. wird als ein schlagendes Argument gegen alle diejenigen betrachtet, die Juden sind. Guter Gott, man muß einen langen Aufsatz schreiben, um den Uugrund einer solchen Logik darzutun! Ihr lächelt über die Wunder, deren die Juden sich rühmen in der Geschichte ihrer Vorzeit? Wahrlich, das größte, das unglaublichste und doch unleugbarste Wunder in ihrer jetzigen Geschichte ist. daß solcher Unsinn in der Mitte eines besonnenen und gemütlichen Volkes gegen sie vorgebracht, von einem ausgezeichneten Schriftsteller gebilligt und von vielen Gläubigen als eine unleugbare Wahrheit betrachtet werden kann." Siebzig Jahre sind seit dem Erscheinen dieser Schriften verflossen. Man sollte denken, eine solche Zeit müßte genügen, um widerlegte Märchen endgültig zu begraben. Anklagen wider die Juden, so unbegründet sie auch sind, haben ein zähes Leben; aus ihren abgeschlagenen Köpfen wachsen, wie den Ungeheuern des Altertums, immer neue Häupter. Und so muß auch der moderne Kämpfer für die Juden, oder, was nach Börnes Worten gleichbedeutend ist, der Streiter für Recht unb Freiheit, pessimistisch gesinnt seine Betrachtung schließen. Er mag kaum hoffen, daß nicht wieder ein Pfitzer redivivus — wenn er nicht etwa in Herrn Bartels schon erschienen ist — auftrete und seine Anklagen aufs neue formuliere; er darf nicht einmal erwarten, daß nicht ein wohlweiser Diplomat den Juden aufs neue Schuld gäbe, die Quellen des Deutschtums vergiftet zu haben oder zu vergiften. Dem aber, der fragt, wozu denn überhaupt die Verteidigung diene, als Antwort: Trotz aller schlimmen Erfahrnngen, trotz aller Verunglimpfungen, nicht müde werden im Kampfe für Freiheit und Recht! Dir Lhrr. Eine Geschichte aus alter. Zeit. Von Ludwig Man heim er. IV. im Beisein des Ortsoberrabbiners, des Vorstehers der Ge- Fmpinhp und der „heiligen Brüderschaft" wurde das Testament des Herrn Kroner eröffnet und verlesen. Als man die sonderbare Klausel bezüglich der Bestattung ohne vorzunehmende Waschung verlas, bemerkten die Vertreter der Chebra, daß sie auch mit ihrem Ehrenworte die Erfüllung des Verlangens mündlich verbürgt haben. Mit Unwillen wendete sich hierauf der Oberrabbi an sie. „Wie konnten Sie," sprach er, „eine solche Zusage machen? Sie hatten ebensowenig das Recht, so etwas zu gewähren, als der selig Verblichene es zu heischen berechtigt war. Außerdem, daß die rituale Behandlung eines Toten vor und nach der Beerdigung, durch vieljährige Uebung geheiligt, nicht willkürlich abgeändert werden darf, vergaßen Sie, daß die Ehre dieses edlen Berstorbenen ein Gemeingut aller Glieder unserer Gemeinde ist, worauf er selbst nicht verzichten konnte, ohne die gerechten Anforderungen der Gemeinde zu beeinträchtigen. Wenn er aber in übelverstandener Bescheidenheit, oder — wahrscheinlicher — bei geschwächter Geistesfähigkeit verzichten zu dürfen glaubte auf die letzten Ehren, die er in so vollem Maße verdiente, so darf doch die Gemeinde, deren Zierde er war, darin nicht nachgeben. Ich

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