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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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die Verdächtigung, daß junge Deutschland bestehe aus Juden, als die „frechste Lüge", und wundert sich, wie eine rein aus der Luft gegriffene Verleumdung sich solange in der Literatur habe behaupten können. Er schildert den ganzen Hergang, weist auch auf die gleich zu besprechenden Schriften von Weil und Auerbach hin, geht aber wohl zu weit, wenn er sagt: „Weder Menzel selbst noch seine Schützlinge haben es je gewagt, jener Flugschriften mit einem Worte zu erwähnen; sie haben die brennende Schmach der Verleumdung, der Lüge auf sich ruhen lassen; denn eine Bekämpfung der reinen, schlichten Wahrheit war unmöglich, und um ihr Unrecht zu gestehen, fehlte es ihnen an Redlichkeit." Vielmehr ist Menzels und der Seinen Schweigen viel eher daraus zu erklären, daß sie jene jungen unbekannten Autoren,, deren Broschüren bei wenig bedeutenden Verlegern erschienen waren, einer Antwort nicht würdigen wollten. Rießers Kampf, den man fast überflüssig nennen möchte, da er gegen Schriften geführt wird, die einige Jahre zurückliegen, also schon fast der Vergessenheit angehörten, hat es im wesentlichen zu tun mit Menzels „Geschichte der deutschen Literatur". •) Bei Menzel waren „gemeine Jndenjungen" als Zugehörige „des jungen Deutschland" denunziert, und die Juden als besondere Vergötterer Heines erklärt worden. Gegen die erste Anklage konnte leicht der Erweis erbracht werden, daß die also Titulierten Christen seien; gegen die zweite ließ sich Menzels Widerspruch aufdecken, der selbst früher zur Bewunderung des Dichters Heine aufgerufen hatte. Das Hanptargument Rießers ist der stete Hinweis darauf, daß Heine kein Jude sei, daß daher die aus seinem Exjudentum gezogenen Verdächtigungen halt- und grundlos seien. Man hätte freilich dem wackeren jüdischen Kämpen einwenden können, daß diese seine Kampfesweise nicht unbedenklich sei. Denn darauf kam es gar nicht an, ob Heine, als er die angegriffenen Meinungen aussprach, zufällig noch oder nicht mehr Jude war, sondern darauf, ob diese Ansichten irgendwie aus seiner jüdischen Abstammung oder aus seiner durch den jüdischen Ursprung beeinflußten Entwicklung zu erklären seien. In ähnlicher Weise wurde Gfrörer heimgeleuchtet, dessen gelegentliche Bemerkung, daß bas sogenannte „junge Deutschland" meist aus dem Abschaum der jüdischen Burschenschaft besteht, leicht abzufertigen war; H. Marggraff, der Heine „den Juden", für die Ausschreitungen der neueren Literatur h In einer Anmerkung sei darauf hingewiesen, daß in den Briefen eine Würdigung bekannter deutscher Schriftsteller jüdischen Glaubens sich findet: Mich. Beers, Steinheims, Rahels. Hier wird R. seinem Prinzip untreu, denn Rahel hätte ausgeschieden werden müssen, da sie keine Jüdin mehr war. Ferner ist er ungerecht gegen sie, da er sie der Lauheit gegen ihre früheren Glaubensgenossen beschuldigt, und ziemlich abweisend gegen ihre ganze schriftstellerische Art. Außer den bisher genannten bekannten Schriftstellern wird auch eine weniger bekannte Autorin angeführt (Werke IV. 247): „Der „Kettenschmidt" sEin Märchentraum, Stuttgart 1835s von Henriette Ottenheimer. und andere ihrer Gedichte, die eine gleiche Gesinnung atmen. Hier ist tiefes Gefühl für die Hoheit und Würde des Glaubens, für das sittliche und bürgerliche Wohl seiner Bekenner, hier ist ein schönes, warmes Gemüt, genährt von den edelsten Säften eines guten und reinen Strebens. Hier ist kein Zorn, keine Heftigkeit, auch keine krankhafte Gereiztheit, es ist ein milder, liebevoller Aufruf an die edleren Empfindungen der Menschennatur, an den Haß, die Lieblosigkeit, das Vorurteil zu überwinden; es ist ein ties menschliches ^Gefühl, das sich in das ihm zunächst liegende Leid liebevoll versenkt und mit jreundlicher Stimme tröstet und heilt." Es wäre wünschenswert, wenn die also gerühmte Dichterin und ihre völlig verschollene Dichtung in jüdischen Kreisen etwas bekannter würden. verantwortlich machen wollte, nochmals Menzel, der unter den Verehrern der G. Sand auch das „junge Palästina" namhaft gemacht hatte. Aber die zweite Serie der „Briefe", die übrigens weit später ist als die erste (geschrieben 1841, gedruckt 1842), entfernt sich durchaus von dem Kampfgebiet, das an dieser Stelle zu betrachten ist. Schon vor Rießer fällt das Auftreten Berthold Auerbachs. Mit jugendlicher Heftigkeit (er war 1812 geboren, also damals 24 Jahre alt) ging er auf die damals erschienenen Schriften und speziell auf das junge Deutschland näher ein?) Dies geschah in seiner sehr selten gewordenen Schrift: „Das Judentum und die neuste Literatur, kritischer Versuch von Berthold Auerbach, Stuttgart. Fr. Brodhag'sche Buchhandlung 1836." Seine Zusammenstellung dieser neuesten literarischen Richtung mit den Enzyklopädisten, die geschichtlich nicht ganz zu rechtfertigen ist, und seine allgemeinen literarischen Ausführungen sollen hier nicht im einzelnen behandelt werden, die etwas breit geratene Ausführung über Entwicklung des Judentums und allgemeine Religionsbegriffe kann in diesem Zusammenhänge nicht einmal auszugsweise geboten werden; auch die hübschen Bemerkungen über das innere Leben des Judentums und die mancherlei Beiträge, die der Schriftsteller für seine eigene Biographie gibt, müssen sich mit der eben gemachten Andeutung begnügen. Nur ein paar kleine Stellen seien hier mitgeteilt. Die eine über Gutzkow, nachdem er als „judgeboren" unter anderen auch den gut christlichen Julius Mosen angeführt hatte: „Aber das junge Deutschland sind ja lauter Juden? Atenzel knnt die Verhältnisse desselben genau und weiß recht gut, daß Gutzkow der Sohn einer ehrsamen Berliner Christenfaniilie ist. daß sein Vater dort hätte Schiedsmann sein können, daß es dem jungen Gutzkow nicht verboten war, sich in seinem Glaube» konfirmiere» zu lassen und daß er evangelisch-protestantisch-preußischer Theologe werden sollte; Menzel weiß, daß Wieubarg Dozent an einer norddeutschen Universität war, was bekanntlich kein Jude werden kann, und daß Laube einer der fashionabelsten Christgeboreuen Norddeutschlands ist." Eine zweite Stelle der Auerbachschen Broschüre hat folgenden Wortlaut: „Aber das junge Deutschland ist das Judentum, denn hier wie dort herrscht der bloße Verstand? Ich habe im obigen die Einsperrung des Judentums in den Verstandsghetto zu entfernen gesucht; was aber das junge Deutschland betrifft, so hat man dessen Wesen ganz verkannt und sich selbst unverständigerweise entwaffnet, wenn man ihm bloßen Verstandeskalkul zutraute. Es wäre nun noch die Autorität Leos, die um so größer erscheint, weil sie von einem ehemaligen Juden herrührt, zu beleuchten. Bekannt ist Leos sorcierte Originalitätssucht, wie er überall die Hierarchie wittert und doch den Staat als „göttliches Kunstwerk" darstellen will, wie er das Wort Freiheit stets vermeidet und sie als „naturwüchsiges" produziert, wie er in ein Labyrinth der verschiedenartigsten Ideen geraten, dessen Ausweg er uicht finden mag. Durch jene so ost zitierte Stelle über Judentnm, das sich in seiner Geschichte der Juden findet, beabsichtigte Leo wohl nur einen eklatanten Beweis zu geben, daß er mit den Leuten, deren Geschichte er hier schreibe, gar nichts mehr gemein habe, und so wühlte er die Gebeine seiner Vorfahren hervor und schnitzelte jüdische Zahnstocher daraus." In einem Nachtrag ging Auerbach dann noch besonders auf Pfitzers Schrift ein, und da finden sich am Schluffe folgende bemerkenswerte Ausführungen: y Es soll nicht verschwiegen werden, daß einige wenige markante, besonders Heine betreffende Stellen, die sich bei Auerbach und Weil finden, schon bei Strodtmann, Heine II, 281, dieser auch für die Geschichte der Juden so wichtigen Quelle, mitgeteilt find. Die Schrift B. Auerbachs befindet sich in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde Berlin; ich konnte sie auch in einer sorgfältigen Abschrift A. Bettelheims benutzen.

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