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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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diesen handelt es sich hier — ist durch die eben angeführte Novelle nichts weniger als Lobpreiser des Judentums. Denn in dieser Novelle, der Vorbereitung und Quelle zum Uriel Acosta, handelt es sich zwar um die Schilderung eines jüdischen Milieus, auch um die Darstellung jüdischer Persönlichkeiten, aber sie bilden doch mehr die Staffage zu dem Bilde, und derjenige, der Uriel Acosta als Lichtgestalt hervortreten lasten wollte, war genötigt, manchen tiefen Schatten auf seine jüdische Umgebung, sowohl seine Familie, als die ihm sonst nahestehenden Personen zu werfen. Acosta aber ist gewiß nicht der Jude, wie ihn die Machthaber des Jahres 1835 sich dachten, d. h. ein den Gebräuchen seiner väterlichen Religion ergebener, auch in Lebens- und Sprechweise in althergebrachten Eigentünilichkeiten befangener Jude, sondern er ist der Freigeist, der aus seiner Religion herauszutreten und die Ketten abzuschütteln sucht, die Glaube und Nationalität um ihn geschmiedet haben. Und so bleibt eigentlich eine einzige Franengestalt übrig, in der Gutzkow wirklich eine Jüdin schilderte, nämlich die Delphine in dem Roman „Wally". Sie hat allerdings zwei Verbrechen arrf sich geladen, das eine, Jüdin zu sein, das andere, das einer Ehe gleiche Verhältnis zwischen Cäsar und Wally zu stören und dadurch ein Motiv beizutrageu, das Wally in den Tod treibt, denn der Hauptgrund ihres Verzichts auf das Leben liegt in ihren religiösen Zweifeln. Diese Delphine ist eine Jüdin, wie sie Gutzkow sich dachte: schön, aufgeklärt, letzteres auch in sittlicher Beziehung, geistreich. Vielleicht hat Gutzkow hier sein schon früher erwähntes platonisches Knabenabenteuer verwertet, vielleicht eine Mannheimer Dame, die seinem jüdischen Verleger Löwenthal nahestand, porträtiert — auch Reminiszenzen an Rahel oder andere Berliner Jüdinnen sind nicht abzuweisen — sicher ist, daß durch die liebevolle Zeichnung dieser Figur Gutzkow den Unwillen der Jndenfeinde hervorgerufen hat.') Indessen ein wie schlimmes Verbrechen der Schriftsteller auch durch diese Tat begangen haben mag, keinem Verständigen darf es beikommen, Gutzkow deswegen zu einem Juden zu stempeln. Mußten, wie es eben geschehen-, vom Standpunkt des Literarhistorikers die von Zeitgenossen gemachten beiden Vorwürfe zurückgewiesen werden, daß die Ideen des jungen Deutschland ausschließlich durch Juden beeinflußt worden und daß die Teilnehmer dieser sogenannten Schule Juden gewesen seien, so kann glücklicherweise konstatiert werden, daß diese unberechtigten Anklagen bereits unmittelbar als sie aufkamen bekämpft wurden. Dies geschah durch Gabriel Rießer, Berthold Auerbach und Jakob Weil. Rießer hat keine besondere Schrift über das junge Deutschland geschrieben und doch nimmt er unter den hier zu Beachtenden die erste Stelle ein. Schon eine frühere Streitschrift ist beachtenswert. Als Börnes Pariser Briese erschienen waren, 1831, fehlte es auch schon nicht an solchen, welche Börne einen Juden nannten oder die schon damals im Pfitzerschen Sinne behaupteten, für Juden sei das Schmähen gegen die Deutschen natürlich. Zum Sprachrohr solcher Angriffe ^nachte sich Eduard Meyer in Hamburg in seiner Broschüre: „Gegen L. Börne, den Wahrheit-, Recht- und Ehrvergestenen Briefsteller aus Paris, Altona 1831." Schon bevor Börne in der ') Ich muß darüber kurz hinweggehen, da Hauben über diesen Gegenstand ausführlich gehandelt hat in seinen Aufsätzen: Karl Gutzkow und das Judentum, vergl. seine Gutzkowfunde, Berlin 1901, besonders S. 166, 19V ff. Fortsetzung seiner Pariser Briefe mit diesem Manne so lustig abrechnete, ergriff Rießer das Wort. Hatte Meyer geschrieben: „Börne ist ein Jude wie Heine, wie Saphir. Getauft oder nicht, das gilt gleichviel; denn es ist ein Mißbrauch, den Namen im Gegensätze eines Christen zü gebrauchen. Er bezeichnet nicht allein die Religion, sondern eine ganze Nationalität und steht also dem Germanen, Slaven und Griechen gegenüber, nicht nur den Mohammedanern oder Christen. Nicht den Glauben der Juden hassen wir, wie sie selbst uns gern zur Entschuldigung glauben machen möchten, sondern die vielen häßlichen Eigentümlichkeiten dieser Asiaten, die mit der Taufe nicht so leicht abgelegt werden können, die unter ihnen so häufige Unverschämtheit und Anmaßung, die Unsittlichkeit und Leichtfertigkeit, ihr vorlautes Wesen und ihre oft so gemeine Grundgesinnung," so antwortete Rießer in seiner Schrift „Börne und die Juden. Ein Wort der Erwiderung auf die Flugschrift des Herrn Dr. Eduard Meyer gegen Börne, von Gabriel Rießer, Doktor. Motto: Antworte dem Thoren nach seiner Thorheit, damit er sich nicht weise dünke, Altenburg 1832": „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, die Sprache, die ich rede, auch die Luft, die ich atme: Darum muß ich mich gegen ihn wehren wie gegen einen Mörder. Wohl mir, daß ich es in freier deutscher Rede kann, daß mindestens die Muttersprache liebreicher als ihre Jünger sich mütterlich meiner annimmt und mir ihre mächtigen Waffen zu dem Kampfe nicht versagt! Vielleicht wird mein Gegner an dem derben Ernste ihrer Streiche den Deutschere erkennen."') In den Streitjahren selbst hervorzutreten, hatte er kein Verlangen. Noch am 18. Mai 1838 schrieb er an eine intime Freundin-): „Ich empfinde einen tiefen Widerwillen gegen die ganze Polemik, die sich an jenen Gattungsnamen „das junge Deutschland" geknüpft hat, den Haß und Neid erfunden und die politische Besorgnis dabei zu Gevatter gebeten haben. Der Streit ist von allen Seiten mit solchem Mangel an Humanität, an Aufrichtigkeit, an Ehrgefühl geführt worden, daß für das Verständnis eines redlichen Urteils, wie für das Goutieren eines harmlosen Scherzes, die Stimmung verloren gegangen zu sein scheint und daß man sich vor der Schande der Bundesgenoffen mehr als vor der Rache der Gegner zu fürchten hat." Gerade als er das schrieb, war Rießer damit beschäftigt, die Angelegenheit ausführlich zu beleuchten?) Er bezeichnet ') Es gehört nicht zu unserem Thema, zu zeigen, wie schlecht Börne solche Ritterdienste lohnte, indem er in der Fortsetzung der „Pariser Briefe" sich entschieden gegen Rießers publizistische Tätigkeit wandte. Sein Haupteinwand gegen diese bestand darin, daß er behauptete, eine zugunsten der Juden unternommene Aktion dürfe sich nicht ausschließlich an sie, sondern müsse sich an das große Publikum wenden; daher sollten die sie betreffenden Angelegenheiten eher in einer allgemeinen als in einer speziell jüdischen Zeitschrift behandelt werden. Rießer hat daraus nicht'geantwortet. Dagegen wandte sich Gabriels Bruder Jakob in einem Briefe, 31. Januar 1834, (Börne- Archiv in Frankfurt) an Börne und suchte den großen Publizisten von seiner irrigen Meinung über Rießers Wirksamkeit abzubringen. Aus dem Briefe eines anderen Hamburgers an Börne ersieht man, daß Rießer 1836 bedauerte, infolge seines Wegzuges von Hamburg nicht für Börnes neues journalistisches Unternehmen „La Balance" sich bemühen zu können, daß er aber versuchen wolle, einen Korrespondenten für das Journal zu schaffen. -) Rießers Werke, I. 279. 8) Der erste Brief, in dem dies geschieht, ist vom Mai 1838, wurde aber erst in den „Jüdischen Briefen", l. Heft, 1840, veröffentlicht, jetzt Werke IV, 120 ff.

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