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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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oder Geschwister, Weib und Kind um des Gottesreiches willen von sich gestoßen, der nicht hnndertfältig dafür belohnt würde." (Luk. 18, 29-30, Matth. 19, 29, Mark. 10,29-30.) Aber während man vielleicht diese Forderung — meint Hartmann — nur ans gewisse Fälle etwaiger Kollisionen zwischen geistlichen und weltlichen Pflichten beziehen könnte, stellt das Evangelium an anderen Stellen die Forderung, alle natürlichen Bande zu zerreißen, unbedingt auf. „So jemand zu mir kommt und hasset nicht Vater und Mutter, Weib und Kind, Brüder und Schwestern und seine eigene Seele dazu, der kann nicht mein Jünger sein." (Luk. 14, 26.) Wie ganz anders die jüdische Weltanschauung! Welch eine hohe Bedeutung hat von jeher das Weib in Israel gehabt! Die Ehe wird ein Bund Gottes genannt. (Maleachi 2, 14, Spr. 2, 17). 1. Mos. 2, 24 heißt es: „Es soll verlassen der Mann seinen Vater und seine Mutter und seinem Weibe anhängen, daß sie zu einem Wesen werden." In dem letzten Kapitel der Sprüche Salomos wird am Biederweib gerühmt: „Auf sie vertraut das Herz des Mannes, sie erweist ihm Gutes und nicht Böses alle Tage ihres Lebens." Und welche erhabene Anschauung hat der Talmud von der Stellung der Frau. Ihm ist die Familie die Grundlage für alle Sitte und Sittlichkeit. Wie zartfühlendsind die Aussprüche des Talmud über die Ehe, über das Verhältnis zwischen Mann und Frau. „Wer unbeweibt lebt, der lebt.ohne Freude, ohne Trost und Segen." (Jebamoth 62 b). „Wer unbeweibt lebt, verdient nicht den Namen Mensch." (Jebamoth 63 s). „Ein jeder achte ans die Ehre seines Weibes, denn der Segen kommt in sein Hans nur durch sein Weib." (Baba Mezia 59 s.) „Der Mensch esse und trinke stets weniger, als sein Vermögen es erlaubt, kleide sich so, wie sein Vermögen es erlaubt, halte aber seine Frau und seine Kinder in Ehren, mehr als sein Vermögen es gestattet." (Chullin 84 b.) „Wer fein Weib liebt wie sich selbst und es mehr noch ehrt als wie sich selbst, an dem erfüllet sich die Verheißung des Propheten: „Und du wirst erkennen, daß Friede weilet in deinem Zelte." (Jebamoth 62b.) „Wer seine Gattin vor sich sterben sieht, ist gleichsam bei der Zerstörung des Heiligtums selbst zugegen gewesen, um ihn wird die Welt dunkel." (Sanhedriu 22a.) „Wer die Liebe seiner Jugend verläßt, um den weint der Altar Gottes." (Gittia 90b.) Und noch den herrlichen Satz: „Der Mensch hüte sich, seine Frau mit Worten zu beleidigen; denn leicht kommen ihr die Tränen." (Baba Mezia 59s.) Auf das Maß der Empfindlichkeit wird hier Rücksicht genommen. Tränen! Tränen erpressen! — Was bedeutet nun der Staat für Jesus? Jesus, sagt Hartmann, erachtet die Kinder Gottes als von Rechts wegen frei von jeder staatlichen Obergewalt (Matth. 17,25—26); indessen sind ihm die irdischen Dinge so gleichgültig, daß erden Anforderungen des Staates nachkommt, bloß nur kein Aergernis zu geben, nicht, weil er eine Pfl'cht anerkennt. (Matth. 17. 27.) Der bekannte Satz: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist." ist nach Hartmann nur bittere Ironie auf den weltlichen Staat. Wie denken Bibel und Talmud über Staat und Obrigkeit? Ehrfurcht vor der Obrigkeit und besonders vor dein Fürsten des Landes sehen sie als ein religiöses Gebot an. „Fürchte den Ewigen, mein Sohn, und den König; mit Aufrührern lasse dich nicht ein." (Spr. 24, 21.) Jeremia ruft den Vertriebenen Judäas im Namen Gottes zu: „Suchet das Wohl der Stadt, wohin sch euch führen ließ, und betet für sie zu Gott, denn in derem Wohle liegt auch das eurige." (Jer. 29, 7.) Und der Talmud lehrt: „Das Laiidesgesetz ist verbindlich." (Berachoth 58 a; Baba flammet 113 b.4»» Wir haben hier nur einen Abschnitt aus dem bedentendeit Werke Hartmanns kurz skizziert und der Weltanschauung des Christentums die des Judentums gegenübergestellt. Wer sich eine genaue Kenntnis des Christentums des Neuen Testaments verschaffen will, der studiere jenes Buch. Es wird ihm dort eine scharfe Lust entgegenwehen, aber es wird ihm die Wahrheit näher gebracht werden. Mögen die christlichen Theologen sich bemühen, die Lehre Jesu, die richtig erkannte Lehre Jesu, mit den Forderungen der modernen Kultur in Einklang zu bringen! Mögen sie nur auch fernerhin von einer höheren christlichen nnd einer minderwertigen jüdischen Weltanschauung sprechen, wir wissen doch, was wir an unserem Judentum haben. Den Juden aber, die, von den Schriften Harnacks, Boussets n. a. geblendet, in ihrer religiösen Ueberzeugung, in ihrer Liebe zum Judentum schwankend geworden, die vielleicht der falschen Meinung geworden, als habe das Christentum sich zu einem die Ethik des Judentums überwindenden höheren Standpunkt aufgeschwungen, als sei die christliche Moral durch ihre Idealität dem Judentum überlegen, diesen sei besonders das Hartmannsche Werk zum eifrigen Studium empfohlen. Sie werden daraus das Wesen des Christentums kennen lernen. Und wenn sie mit den religiösen und sittlichen Idealen des Judentums innig vertraut sind, werden sie mit freudigem Stolze bekennen müssen: Wir haben eine Ethik,)die in ihrer Reinheit von keiner anderen übertroffen werden kann, wir haben eine Weltanschauung, die mit der modernen Kultur übereinstimmt, wir haben einen Glauben, der dem modernen Bewußtsein entspricht. Die Juden und das junge Deutschland. Von Prof.,Ludwig Geiger, ll. enn die Vertreter des jungen Deutschland nun aber keine Juden sind, waren sie etwa Judengenossen? Auch das läßt sich in keiner Weise sagen. In Wieubargs und Laubes Leben — hier handelt es sich immer um die Zeit bis 1835 — spielen Juden überhaupt keine Rolle; Mundt, obgleich er in Berlin lebte, wußte sich von dem Umgange mit jüdischen Kreisen ziemlich fern zu halten, und auch Gutzkow, der, wie Hauben zuerst in diesen.Blättern nachgewiesen, seit 1837 mehrfach für die Emanzipation der Juden eingetreten ist und vielfach mit Juden verkehrte, hielt sich bis 1835 ziemlich fern von ihnen, wenn man nicht etwa ein Plato' nisches Verhältnis mit einer jüdischen Dame und den kurzen, doch im ganzen kühlen Verkehr mit Joel Jacobh als besonderen Beweis seiner Judengenossenschaft gelten lassen will. Ebensowenig wie in ihrem Leben Juden eine Rolle spielen, haben die drei Erstgenannten auch in ihren Schriften Juden geschildert. Auch hier bildet Gutzkow eine Ausnahme. Ihm machte einer der Pamphletisten zum Vorwurf, „daß er in seinen Briefen aus Berlin fast zu jedem Abschnitt ein Motto von jüdischen Schriftstellern zu Gevatter bittet, wie er einen Sadduzäer von Amsterdam schreibt, Biograph der Familie Rothschild wird, Menzel anklagte, wie er jedesmal das Fenster aufreiße, wenn ein Jude bei ihm gewesen, und von Christus in einem Tone spricht, als ob er einen Apostaten des Judentums in ihm haßte". Freilich muß man auch hier die Anklage beschränken. Der Gutzkow, vor 1835 — und allsschließ lich um

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