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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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{ I 1 \ '}■ ■ i % t; TMMKMMffWW 294 „sicher unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohne". Es weist uns aber auch auf die Gefahren hin, welche mit dem Reichtum verbunden find, und wie leicht dieser znr Selbstüberhebung, zu Hochmut und Sittenverderbnis führt. „Jeschurun ward feist und schlug aus." (5. Mos. 32, 15.) „Wer Geld liebt, wird des Geldes nicht satt." (Pred. 5, 9.) „Auch jeder Mensch, dem Gott Reichtum und Güter gegeben und befähigt ihn zu zehren davon und seinen Teil hinzunehmen und für seine Mühe sich zu freuen, das ist eine Gabe Gottes." (Pred. 5, 18.) Es war daher das Ziel der mosaischen Gesetzgebung, einen möglichst gleichen Besitzstand, fern von Reichtum und Armut, jeder Familie im heiligen Lande zu schaffen und zu sichern, und sie suchte dies durch die gleichmäßige Verteilung des Bodens bei der Eroberung Kanaans, sowie durch das Gesetz über das Erlaß- und Jobeljahr zu erwirken. Und wie wird die Arbeit in Bibel und Talmud geschätzt! Zwar berücksichtigt das Alte Testament mit seinen realen, für die Menschen erreichbaren Lehren auch das Nützlichkeitsprinzip bei der Arbeit; gewiß sieht es in der Arbeit das rechte Mittel zur Ueberwindung von Mangel und Not und die reine Quelle des Wohlstandes, wenn es sagt: „Wer mit lässiger Hand arbeitet, verarmt, der Emsigen Hand aber macht reich." (Spr. 10,4.) Gleichwohl wird überall der ethische Wert, die moralische Bedeutung der Arbeit, ganz und voll anerkannt. „Ißt du von dem Erwerbe deiner Hände, Heil dir und wohl dir." (Psalm 128, 2.) Unsere Lehrer fügen hinzu: „Heil dir in dieser, wohl dir in der künftigen Welt, weil die Arbeit am meisten vor Sünde schützt. Süß ist der Schlaf des Arbeiters." (Pred. 5, 11.) Nach der biblischen Erzählung sind die ersten Menschen durchaus nicht zum Müßiggang in den Garten der Lust gesetzt worden, sondern um ihn zu bebauen und zu bearbeiten. Man beachte hierbei, daß nicht der Mensch, sondern die Erde „geflucht", das heißt zu einer niedrigen Stufe und Beschaffenheit verurteilt wird. Der Fluch bestände demnach nur darin, daß der Mensch fortan unter Not und Mühsal der Erde den Lebensunterhalt abringen solle. Und dies gereicht doch auch wiederum dem sündigen Menschen zum Segen; er erkennt den sittlichen Wert, die moralische Bedeutung der Arbeit. Diese werden besonders im Talmud so sehr betont. Hartnmnn zitiert folgende Aussprüche: „Es ist gut, deinem Studium ein Gewerbe zuzugesellen; so bleibst du von Sünde rein" (Aboth 2, 2). „Der Arbeiter an seinem Werke braucht vor dem größten Gelehrten nicht aufzustehen" (Kiddnschin 33 a). „Größer ist der, welcher seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, als der, welcher Gott fürchtet"') (Berachoth 8a). Diesen Sätzen seien noch einige hinzugefügt: „Hoch steht die Arbeit, denn sie ehrt ihren Herrn" (Nedarim 49b). „Liebe die Arbeit und hasse das Vornehmtun" (Aboth 1, 10). „Der Mensch liebe die Arbeit; denn wie die Gotteslehre als Bündnis Gottes gegeben wurde, so auch die Arbeit; denn es heißt: Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten" (Aboth di Rabbi Nathan, Abschnitt 11). Und dabei machen die Talmudlehrer keinen Wertunterschied zwischen den mannigfachen Arten der Arbeit. Man soll auch die niedrigste Arbeit nicht für entwürdigend halten; und derjenige, der eine feinere Arbeit leistet, erhebe sich nicht über jenen, der nur eine geringe Arbeit verrichtet. „Erh Gemeint ist wohl damit: als der bloß gottesfürchtig ist und sich dem Nichtstun ergibt. wirb dir deinen Lebensunterhalt. damit, daß du Aesern auf der Straße die Haut abziehst, wenn es nicht anders sein mag, und sprich nicht: Ich bin ein Priester, ich bin aus edlem Geblüte, diese Arbeit ziemt meiner Würde, nicht" (Pesachim 113 a).. „Verrichte auch die geringste Arbeit, um nur nicht auf die Unterstützung der Menschen angewiesen zu sein" (Daselbst). „Ich bin ein Geschöpf Gottes, auch mein Nächster ist es; ich vollbringe mein Werk in der Stadt, mein ■ Nächster auf dem Felde; ich beeile mich am Morgen zu meiner, er zu seiner Arbeit .... Sollte ich auch mehr als er vollbringen, so gilt doch der Satz: ob der eine viel und der andere wenig, wenn nur beider Absicht gut war!" (Berachoth 17a.) Und diese Talmudlehrer predigen aber nicht bloß so eindringlich über den Wert der Arbeit, um etwa bloß das Volk zur Tätigkeit auzueifern; sie gingen, wie überall, auch hierin mit gutem Beispiele voran. So ernährte sich Hillel I. vom Taglohn, Rabbi Akiba trug Holz in die Stadt, Rabbi Josua war ein Schmied, Rabbi Josef ein Müller, Rabbi Scheschat ein Zimmermann, Rabbi JochananHaßandlor ein Schuster. Endlich sei hiernach eine kleine Sage angeführt, deren Tendenz dahin geht, daß der Mensch auch im hohen Alter die Arbeit fortsetze, obgleich er voraussichtlich den Ertrag derselben nicht mehr genießen werde. Choni Hamagol, ein frommer Gelehrter, der, in tiefer Beschaulichkeit lebend, die Welt mit ihren Bedürfnissen wenig kannte, sah einst auf seiner Reise einen alten Mann, der damit beschäftigt war, einen Baum zu pflanzen, der erst nach 70 Jahren Früchte trägt. „Welche Torheit!" rief ihm der fromme Mann zu, „wozu diese Plage, du wirst die Frucht dieses Baumes doch nicht genießen!" „Das kann mich bou meinem Vorhaben nicht äbhalten!" erwiderte der schlichte Mann. „Ich habe ja die Früchte von Bäumen genossen, die meine Vorgänger gepflanzt hatten. Wie jene für mich gearbeitet haben, so muß auch ich für die kommende Generation arbeiten!" (Taanith 23 a). Sehr richtig sagt daher Hartmann : „In der Hochschätzung der Wissenschaft und der Arbeit liegt im jüdischen Charakter eine gewisse Aehnlichkeit mit dem deutschen. Es ist kein Wunder, daß ein so arbeitsames und erwerbslustiges Volk, unter dem noch heute die geringste Zahl von Bettlern ist, Jesum wegen solcher Lehren verspottet." (Luk. 16, 14.) Und doch müht sich die Bosheit ab, Jude und arbeitsscheu als identische Begriffe darzustellen. Die Talmudlehrer — das haben wir gesehen — sprechen dem Müßiggänger und Arbeitsscheuen alle und jede Existenzberechtigung ab. Jesus dagegen, sagt Hartmann, hatte gar keine Ahnung von der demoralisierenden Wirkung des Müßigganges, von dem ruinierenden Einfluß des Erntens, wo man nicht gesäet hat, von der Arbeit als Grundlage aller Sittlichkeit. Wer das Erwerben von Eigentum zum Zweck des Behaltens für unsittlich, und die Arbeit überhaupt mindestens für unziemlich für die Kinder Gottes erklärt, der zeigt damit schon seine Mißachtung des Eigentums. Und in der Tat hat Jesus von dem Eigentum das Wort gesagt: „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott." (Luk. 16,15). „Aller Mammon ist Mammon der Ungerechtigkeit, d. h. ungerechter Mammon." (Luk. 16, 9 uud 11.) Was sagt nun das Evangelium über die Ehe? Jesus billigt stillschweigend die von den Jüngern aus seinen Worten gezogene Konsequenz, d.aß es nicht gut sei, ehelich zu werden. (Matth. 19, 10.) Der Mensch soll alle natürlichen Bande zerreißen, weil er nur so von dem teuflischen Einfluß des Weltlichen sich befreien kann, der immer aufs neue seine Seele zu verderben droht. „Wahrlich, ich sage euch, es ist keiner, der Haus, Eltern

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