Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
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-293 Lehren der Vergangenheit erkennt Philippson die gegebenen Grundlagen der religiösen Bildung der' Gegenwart. Wenn auch die wissenschaftliche Einsicht und die Bedürfnisse geläuterter Frömmigkeit das alte Gedankengut erschüttern, so glaubt ex doch aus der Geschichte empfangen;u müssen, was wir besitzen, und ihr zu verdanken, was wir sind. Philippson unterscheidet sich hier von der Masse seiner Zeitgenossen. Die meisten Menschen blicken mit Geringschätzung in die Vergangenheit und erwarten neue Offenbarungen nur von der Zukunst. Philippson glaubt auch nicht an die Allmacht der Vorzeit, wohl aber an ihre Würde und Hoheit. Es ist nicht zu verkennen, daß traute Kindererinnerungen ihm vielfach diesen Standpunkt gegeben und in ungeheurer Einwirkung ihr Maß und Gewicht der Vergangenheit lehrten. So spricht er denn das jüdische Bekenntnis aus mit der Freiheit des klaren gefestigten Bewußtseins und nimmt an dem inneren Leben seiner Gemeinschaft innigsten Anteil. Er ist unser von ganzer Seele, ein Jude mit Kopf und Herz, der Einheit, Ehre und! harmonischen Entwicklung unseres Volkes treu ergeben.! Philippson ist eine einfache Natur von schlichter Größe j und Reinheit, ohne Arg und Falsch, Ein edles Wohlwollen! zeichnete ihn aus, das von jedem das liebste und beste denkt und häßliches nicht zu bemerken scheint. Er besitzt eine angeborene Ehrlichkeit und geht stets von Gesichtspunkten aus, denen gegenüber der gemeine Eigennutz „verlorenes Spiel hat. Das Unrecht, welche die jüdische Gesamtheit erleidet, bewegte den treuen Sohn seines Volkes tief. Er ist ein Vorkämpfer der Emanzipation geworden, dem Banner folgend', das sein Vater entfaltet. Niemals aber überschreitet er die Grenzen vornehmer Mäßigung, nie wählt er die Waffen des gewöhnlichen politischen Parteikampfes; das Streben, den Glaubensgenossen zu helfen, setzt er in eine Einheit mit der gesamten geistig-sittlichen Lebensbewegung. In zahllosen Aufsätzen und Reden hat Philippson seine Ueberzeugung verkündet. Wohl die„ meisten deutschen Juden haben ihn gehört oder Schriften von ihm gelesen und dann den Zauber der Wechselwirkung empfunden, durch welche der Lesende und Hörende zur Mitarbeit herangezogen wird. Er spricht, wie er schreibt. Ohne rhetorischen Apparat und ohne die schwere Rüstung toter Gelehrsamkeit, nicht mit ermüdender Ruhe, noch mit zornigem Eifer. Der dilettantischen Flachheit ebenso abgeneigt wie grillenhaft geistvollem Subjektivismus, beherrscht er die Fülle des Stoffes und schreitet auf das Ziel los. Kein bedeutungsloses Wort entschlüpft ihm, und kein Beiwerk verlockt ihn zu lässiger Abschweifung. Sehr bedeutend sind die Wirkungen, die von Philippson ausgehen. Er leitet den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und die Gesellschaft zur Förderung der Wiffenschaft des Judentums; auch an der Begründung des Verbandes der deutschen Juden war er in erster Reihe beteiligt. Man sieht, daß es starke Fundamente sind, auf die er den Bau des Judentums gestellt sehen will. Die gesunde Entwicklung und Organisation des Gemeindelebens und wissenschaftliche Erkenntnis sollen unabhängig von dem verworrenen und hilflosen Widerstreit der Meinungen die Gesittung und den Kulturwert des Judentums aller, Welt vor Augen stellen und vermehren. Philippson kennt alle Bewegungen im Judentum seit hundert Jahren wie kaum ein zweiter neben ihm, aber er ist fähig, von dem allen abzusehen und seine Gemeinschaft auf die einfachen und großen Aufgaben zu verweisen: Synagoge, Schule, Wissenschaft. Bei der Leitung der großen Verbände stehen ihm andere zur Seite. Es ist für sie alle eine Lust, mit ihm zu arbeiten. Philippson achtet jedes Recht und jede Kraft. Er läßt sich nichts von der Verantwortlichkeit nehmen, aber jede Spur von Kleinlichkeit ist ihm gänzlich fremd. Er schafft nicht nur Einrichtungen, sondern Persönlichkeiten, wenn seine Kraft und Leben sie ergreift, und gewiß wird das Judentum in Zukunft erhalten nicht durch die Institutionell, die unsere Zeit schafft und der kominenden übergibt, sondern vornehmlich doch nur durch die Kraft einzelner Persönlichkeiten, die mit Freude für dasselbe leben. Auf dem Urgrund unseres Glaubens sind stets große Persönlichkeiten entstanden. Ihre Stimmen waren die Vorboten späterer Erkenntnis. An den Aufgaben, die Philippson gestellt hat, werden sich noch die kommenden Jahrhunderte versuchen. Darum rufen wir ihm zu: I.TDfcO iWD X"D „Der Sohn geht in den Wegen seines Vaters." Ldusrd von tzartmsmr und das Christentum des Menen Testaments. Von Rabbiner Dr. Grabowski-Barmen. II. J|jtr kommen jetzt zu den Lehren Christi in sozialer und anderer Hinsicht. Diese der talmudischen Weltanschauung entgegenstehenden Lehren stimmen desto genauer mit der essenischen überein, sind jedenfalls aus dieser entlehnt. Die erste und wichtigste Grundforderung des Neuen Testaments ist die Verzichtleistung auf alle irdischen Güter. Wer noch das allergeringste von dem, was man irdisches Glück nennt, für sich zu reservieren sucht, sei es nun Familienglück (Luk. 14, 26), oder Ehre, oder Reichtum, oder auch nur eine behagliche Existenz, kurz, wer nicht all e m absagt, was er hat, der kann nicht Jesu Jünger sein (Luk. 14, 33). Die nächste Konsequenz ist darum die Entäußerung des Besitzes. Denn der Reiche ist durch seinen Reichtum verhindert, ins Gottesreich zu kommen. Die Armen sind schon wegen ihrer Armut selig, daher müssen die Reichen Habe und Gut verkaufen und das Geld an die Armen verteilen (Matth. 19, 21; Luk. 12, 38); wer sich dessen weigert, mit dem hat Jesus nichts zu schaffen, der kanir nicht sein Jünger sein (Matth. 19, 22; Luk. 14, 33). Die christliche Urgemeinde handelte nach diesen Vorschriften. Wie käme danach der Mensch dazu, zu arbeiten und seine Kleidung zu spinnen, da es doch die Lilien nicht tun und doch von Gott so schön gekleidet werden — und stehen denn die Kinder Gottes dem Vater nicht weit näher als die Lilien? (Matth. 6, 26-30.) Nur die Heiden haben für Nahrung bisher sorgen und arbeiten müssen und müssen es noch. (Matth. 6, 32.) Die Kinder Gottes aber, die durch die Annahme des Evangeliums die göttliche Liebe wiedererlangt haben, sie sollen sich nicht mehr um ihre Nahrung und Kleidung kümmern; denn Gott weiß ja ganz gut, was sie brauchen. (Matth. 6, 8.) Wie verschieden von der Anschauung des Judentums! Das Alte Testament, das einen tiefen Blick hat für die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft, kennt und würdigt die lautere Freude am redlichen Besitz; sie stellt diesen als Segen von Gott dar (5. Mos. 28, 3—6. V. 8): „Entbieten wird der Ewige mit dir den Segen in deinen Speichern und in allem Schaffen deiner Hand, und dich segnen in dem Lande, das der Ewige, dein Gott, dir gibt;" und zeigt uns als ein Ideal der menschlichen Gesellschaft, daß jeder seinen eigenen genügenden Teil an den Gütern der Erde habe, und