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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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2dä r i; t f i J'- i L?' I > 4 4 - i bloß gebotene Zurückhaltung sein. Aber die Tatsache selbst steht fest. - Auf diese Weise erklärt es sich, daß man in Preußen eine Besetzung der unbesoldeten Ehrenämter mit Juden unverhältnismäßig häufig findet. Das kann kein Vorwurf für die Juden sein, ist aber jedenfalls kein Ruhmestitel für die reichen Christen, denn es beweist eine bedauerliche Gleichgültigkeit gegen das große Ganze. Die antisemitische Presse richtet ihre Angriffe an die falsche Adresse, sie könnte ausnahmsweise der Allgemeinheit einmal nützen, wenn sie den Kreisen, deren Ohr sie hat, den Sinn für das Gemeinwohl schärfen würde. In dem lauteren Wetteifer, dem Staat zu dienen, wird man stets ein ganz loyales Bemühen sehen, gleichviel ob es aus engherziger antisemitischer Gesinnung oder aus höheren Gesichtspunkten entsprungen ist. Der Freiherr von Stein hat mehrfach betont, es sei ganz egal, warum jemand Gemeinsinn bekunde, wenn er nur welchen habe. Es ist jetzt das Jahr, wo man von besagtem Freiherrn von Stein noch des öfteren wird zu reden haben. $ In Finland gehen jetzt recht sonderbare Dinge vor, die aufs neue die geschichtliche Erfahrung illustrieren, daß man die Juden so lange freundlich behandelt, als sie für andere die Kastanien aus dein Feuer holen; ist diese Arbeit getan, so bedarf man ihrer nicht mehr und sie werden unfreundlich entlassen. Man wird sich erinnern, daß anfangs des letzten Winters, als die Revolution in Rußland begonnen hatte, die Finländer rasch die Erfüllung ihrer staatlichen und nationalen Forderungen erlangten. In Petersburg hatte man eingesehen, daß ein Krieg gegen Finland ganz und gar nicht zeitgemäß wäre. Die Regierung zog es deshalb vor, uachzugeben und Frieden zu machen. Im ersten Rausch der Siegesfreude dachte man in Finland, den Juden, die sich dort in nicht allzugroßer Zahl befinden, volle bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren. Es sollte dies der Dank dafür sein, daß die Juden in Rußland todesmutig an dem Kampf für die Freiheit teilgenommen und so den Finländern zur Wiedererlangung ihrer staatlichen und nationalen Rechte verholfen haben. Darüber sind noch keine sechs Monate vergangen und schon hat eine antisemitische Bewegung eingesetzt, um die Emanzipierung der Juden zu verhindern. Die Avantgarde in dieser schmachvollen Bewegung bildet, wie leider auch in andern Ländern, der Tierschutzverein. Er inszeniert eine heftige Agitation gegen die rituelle Schlachtmethode der Juden und fordert ein für ganz Finland geltendes Schächtverbot. Bei dieser Gelegenheit bedient sich die judenfeindliche Presse der bekannten Argumente und verschweigt ganz, daß sie längst widerlegt worden sind. Als der Rabbiner von Helsingfors gegen diese Hetze austrat und einen Senatsbeschluß vom 14. August 1902 in Erinnerung brachte, wonach den Juden Religionsfreiheit gesetzlich zugesichert ist, und sie deshalb nicht verhindert werden dürfen, das Dich für ihren Fleischgcbrauch nach der ihnen religionsgesetzlich gebotenen Weise zu schlachten, erwiderte der Tierschutzverein darauf mit unflätigen Angriffen auf das Judentum. Daß es diesem Verein nicht um den Tierschutz zu tun ist, sondern um die Massen gegen die Juden aufzuhetzen, kann man auch schon daraus ersehen, daß von ihm die Parole ausgegeben wurde, bei Juden kein Fleisch zu kaufen, weil sie angeblich für die christliche Bevölkerung nur Fleisch von kranken Tieren verkaufen. Unterdessen hat der Verein eine Petition an den Senat abgesandt, ein Schächtverbot zu erlassen. Die Presse unterstützt eifrigst diese Forderung, und selbst die judenfreundliche Zeitung „Hufoastadesbladet" schließt sich dieser Bewegung an. Interessant ist, wie sie ihre Stellungnahme in dieser Sache begründet. Das Blatt meint, ein Schächtverbot in Finland sei durchaus nötig, denn da die bürgerliche Emanzipation den Juden nahe bevorstände, so sei anzunehmen, daß viele russische Juden ins Land kommen würden. Die finländifche Bevölkerung würde aber zweifellos an dieser „graüfanien" Schlachtmethode Anstoß nehmen, und' dies könnte zu unangenehmen Folgen führen. Es geht aus diesen Andeutungen hervor, daß die finländischen Antisemiten auf diese Weife einen Zuzug der Juden verhindern möchten. Das genannte Blatt fügt noch hinzu: Die meisten Juden übertreten doch auch andere religiöse Bestimmungen, und so könnten sie die bei ihnen übliche Schlachtweise aufgeben. Dadurch würden sie ihr Streben nach Menschlichkeit bekunden und sich so der Emanzipation würdig zeigen. Zurzeit ist im allgemeinen die Gesinnung der finländischen Bevölkerung gegen die Juden freundlich. Aber nichtsdestoweniger steht zu befürchten, daß die Agitation des Tierschutzvereins eine giftige Saat ausstreuen wird, zumal sie sich nicht bloß auf das rituelle Schlachten beschränkt, sondern fortgesetzt das Judentum als eine barbarische und die Grausamkeit begünstigende Religion hinstellt. Man sieht, daß der „Volksfrühling" in Finland nicht lange anhielt. Auch in den anderen Teilen des Zarenreiches beginnt es bedenklich zu wetterleuchten, und über das arme Bialhstok ist das Unwetter bereits losgegangen. Ferner stehen beispielsweise die Juden in Warschau unter dem erschreckenden Eindruck, den auf sie die jüdenfeindliche Demonstration im Sommertheater am 1. Juni anläßlich der Vorstellung des an sich gar nicht judenfeindlichen Dramas „Kasimir der Große und die Jüdin Esterka" gemacht hat. Als auf der Szene die Worte gesprochen wurden: „Gewähre dem Volk keine Privilegien, denn es sei von Gott verflucht und der Menschenrechte unwürdig," regte sich im Theater ein großer Beifallssturm, und es erschollen Rufe: „Fort mit den Juden!" „Nach Palästina!" Diese judenfeindliche Demonstration war sicherlich vorbereitet, denn die Billetts für die Gallerieplätze waren einige Tage zuvor zu diesem Zweck von drei Agitatoren angekauft. Krokrllor Dr. Martin Khilipplon. Von Dr. L. Lucas-Glogau. m 27. Juni d. I. feiert in vollster geistiger und körperlicher Frische Herr Professor Dr. Martin Philippson seinen 60. Geburtstag. Seine Familie, Freunde und Verehrer in großer Zahl rüsten sich, ihm zu huldigen. Vertreter gelehrter Körperschaften, Politischer und religiöser Vereinigungen, hervorragende Persönlichkeiten im In- und Ausland, werden sich in Berlin' einfinden, dem Wünsche Ausdruck zu verleihen, daß der Segen, den sein Leben umfaßt, noch lange unsereni Geschlecht erhalten bleiben möge. Der großen Gelehrtenwelt ist Philippson als Geschichtsforscher wohlbekannt. Mit Hellem Auge sinnig und liebevoll eindringend, hat er das Leben der verschiedensten Völker durchschaut, wie es in Können und Wollen, in Sitte und Verkehr, in Bild und Wort sich gestqltet. Nicht andeutend können wir heute Größe, Umfang und Tiefe seiner gewaltigen, wissenschaftlichen Lebensarbeit darstellen. Nur soviel sei bemerkt, daß er zur "Gruppe derjenigen Historiker gehört, welche Freiheit und Verantwortlichkeit sich nicht nehmen kaffen, und die wider mangelnde Charakterstärke und Machtspruch allzeit kräftig protestieren. ■ Geschichtliche Studien erwecken Antipathien gegen die Gewaltsamkeit eines Bruches mit der Geschichte. In den

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