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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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290 heit jederzeit mit Vorliebe benutzt wurde, um über sie herzufallen. Und in der Tat, die Gelegenheit war gut gewählt! Von allen Seiten kommen' Nachrichten trübster Art, über einen Generalstreik, über Meutereien in der Armee, über Agrarunruhen — da mußte etwas geschehen, um die allgemeine Aufmerksamkeit abzulenken. Der Befehlshaber der „schwarzen Hundert" winkte — und siehe da, die Horde folgte von neuern wirklich seinem Rufe. Hat doch selbst eine sehr hohe russische Persönlichkeit einem Vertreter der „Petite Republique" erklärt, nach seiner Ansicht habe nicht ein Jude, sondern ein Spitzel der Polizei von Bialhstok die Bombe verfertigt und auf die Prozession geworfen. Schon vor einem Jahre sei von der Polizei .und dem Militär ein Blutbad unter den Juden von Bialhstok organisiert worden. Das diesmalige Blutbad sei die Rache für das Attentat der Revolutionäre auf den Polizeipräfekten: Im vorigen Jahre sei es nicht gelungen, die Bevölkerung in genügender Weise aufzuhetzen, weil Bialhstok eine Industriestadt und deshalb sozialistisch sei. Diesmal aber habe die Polizei besser gearbeitet, indem sie das Volk in seinen religiösen Gefühlen verletzt habe. Uebrigens sei Bialhstok eine fast jüdische Stadt und die verfolgende Menge setzte sich vornehmlich aus den Bauern der Umgegend zusammen, unterstützt von Truppen, die ihnen ihre Waffen liehen. Eine andere, mit den Verhältnissen genau vertraute und zuverlässige Persönlichkeit schreibt uns: „Der Vorfall in Bialystok ist erwiesenermaßen der Beginn eines Planes, nach dem Vorbilde der Oktobertage Metzeleien über ganz Rußland zu veranstalten. Tie Gefahr ist eminent. Das Leben Tausender steht wiederum auf dem Spiele. Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt muß über die bevorstehenden Ereignisse aufgeklärt werden." Zwischen der Kommission, die von der Duma abgesandt worden ist, und dem Gouverneur vor: Grodno fand inzwischen eine Unterredung statt, wobei die Dumaabgeordneten sehr scharf gegen den Gouverneur auftraten. Der Gouverneur erließ eine Proklamation an die Bevölkerung, in der er feststellte, daß die Juden an der Störung der Prozessionen vollständig schuldlos seien! In einem Privatbriefe wird uns ferner geschrieben: „Die Bombe ist nicht von Anarchisten oder Juden geschleudert worden, die niemals eine religiöse Prozession stören, weil sie sonst die Volksstimmung gegen sich aufbringen würden. Die Bombe ist nach der allgemein herrschenden Ueberzeugung auf Veranlassung des Polizeipristaw Schermetjew von Polizisten geworfen worden — wenn es sich überhaupt um eine Bombe, nicht vielmehr um ein von der Polizei arrangiertes Feuerwerk handelt — um endlich die ersehnte' Judenhetze herbeizuführen. Dafür spricht auch der Umstand, daß man mit dem Blutbad gewartet hat, bis der ruhige und besonnene Kommandeur der Garnison, General Pogajewski, durch den judenfeindlichen General Bader ersetzt worden war." In der Duma ist wegen dieser haarsträubenden Vorfälle vorgestern eine Interpellation eingebracht worden, deren Besprechung große Erregung hervorrief. Verschiedene Abgeordnete hielten heftige Reden. Nabokow erklärt, es sei sestgestellt, daß wie in Kischinew und Homel so auch hier der Ausbruch der Krawalle auf ein gegebenes Signal hin erfolgt sei, und die Duma müsse unverzüglich gegen dieses verabscheuungswürdige Verbrechen Vorgehen. Dr. Lewin (Wilna) erklärt, die Judenhetze in Bialystok sei von jemand provoziert worden, der dem Polizeidirektor genau bekannt sei. Die Judenhetze sei die Antwort der Minister auf die Interpellationen der Duma. Jukowski erklärt die Beziehungen der polnischen Juden zu den Orthodoxen für ausgezeichnet. Roditschew führt aus, das Vaterland sei in Gefahr, denn die Regierung stifte selbst die Juden hetzen an, und das Vaterland werde in Gefahr bleiben, solange das Ministerium am Ruder bleibe. Aladjin beantragt eine Tagesordnung, nach der die bereits gebildete Kommission zur Untersuchung ungesetzlicher Akte der Regierung zwei ihrer Mitglieder nach Bialystok entsenden solle, um die Ursachen der Judenhetze festzustellen. Nach einer von dem Popen Afanassiew gegen die antisemitische Presse gehaltenen Rede nimmt die Duma den Antrag Aladjin einstimmig an. Danach vertagte sich die Duma bis Montag. Die Juden wurden weiter getötet und verwundet. Auch 'dev' Minister hat Abhilfe versprochen — in Bialystok wurde aber weiter gemordet und geplündert und zwar bis zum 18. d. M. von Militär und Polizei! Die Zahl der Toten und Verwundeten ist noch , gar nicht festzustellen. Tausende haben sich in die Wälder geflüchtet, die einst blühende und gewerbereiche Stadt ist verödet. Gestern wurden 74 Leichen beerdigt. Nach einer uns vorn Deutschen Bureau der ^.Ilianee iLrutzliie ilmverseHe, das auch viele Privatbriefe mit den furchtbarsten Details über den Pogrom erhalten, zugesandten Depesche zählt man in Bialystok vorläufig zirka 100 Tote, zirka 200 Verwundete. Ferner heißt es in der Depesche: „Unbeschreibliche Grausamkeit, viele Wohnungen von Juden total vernichtet, Beerdigung der Opfer heute, große Not." Was bedarf es da noch langer Auseinandersetzungen, um die entsetzliche Lage zu schildern? Allerdings hat die russische Regierung jetzt an die Provinzialbehörden eine Mahnung gerichtet, jeden Aufruhr im Keime'zu ersticken. Aber das geschah nach jedem Pogrom — und hat nie etwas genützt. Auch in England hat man versucht, eine Intervention des Auswärtigen Amts anzuregen — bis jetzt leider vergeblich. Inzwischen sind an Dumaabgeordnete Telegramme gelangt, denen zufolge die Soldaten in den Kasernen von Bialystok schon wochenlang für den geplanten Progrom einexerziert worden seien. Desgleichen kamen authentische Nachrichten, aus denen hervorgeht, daß in allen russischen Großstädten Metzeleien gegen die Juden, aber auch gegen die intelligenten Kreise überhaupt, geplant seien. Von anderer Seite wird uns gemeldet: Die Judenverfolgungen in Russisch-Polen gewinnen an Ausdehnung. In Slaroszelbi, Gouvernement Plozk, überfielen die Holigans die Judenhäuser und mordeten, was ihnen in die Hände fiel. Ueber 50 Personen, Männer, Weiber und Kinder, wurden von den fanatisierten Bauern ermordet, über 100 Personen mehr oderweniger verwundet. Der Gouverneur proklamierte den Kriegszustand, doch werden die Vorschriften nur gegen die Juden angewandt, die so an der Verteidigung gehindert werden. Auch in Lapicze, Gouvernement Minsk, finden Judenverfolgungen statt. In politischen Kreisen wird nicht daran gezweifelt, daß die Reaktion weitere Metzeleien in einer ganzen Reihe anderer Städte bereits vorbereitet hat. Das Beweismaterial für diese Tatsachen strömt von allen Seiten zu. Insbesondere wird von der Wirksamkeit Petersburger antisemitischer Emissäre in Jekaterinoslaw, Niedjin, Odessa und Jelisawetgrad berichtet. Und da wagen es gesittete und gebildete Menschen, moderne Menschen, die russischen Juden wegen ihrer Teilnahme an der- Erhebung zu tadeln, und billigen, daß diese Aermsten der Armen wie die wilden Tiere von Land zu Land gehetzt werden! O, wir haben es herrlich weit gebracht mit unserer europäischen Kultur am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie einst die frommen Väter im finstersten Mittelalter zur Zeit der Judenverfolgungen und Blutrporde müssen auch wir mit Beben und Zagen heute die Frage erheben: „Wie lange noch, o Herr, wie lange noch?"

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