Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-22 · Heft 25 (22.6.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228716--62699-3289866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Berlin, 22, Jnni 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 70. Jahrgang. No. 25. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preise durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsssellen) b. zogen vierteljähr!. 3 M. Redakteur: Gustav rttarpele». Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion and Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin S'W., Jerusalemer Straße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. LislyltoK. Berlin, 19. Jnni, s ist ein trauriges Amt, das die jüdische Publizistik in unserer Zeit zu erfüllen hat. Es bleibt ihr fast nichts übrig, als sich beständig selbst zu dementieren. Daß sie an jedes Unglück und an jede Hiobspost die Hoffnung auf bessere Tage knüpft, ist in der menschlichen Natur zu tief begründet, als daß es noch verteidigt zu werden brauchte. Aber leider hat sie fast immer schon nach kurzer Zeit wieder von neuen Verfolgungen und neuen Leiden zu berichten. Unsere Leser kennen die Nachrichten über den letzten Pogrom in der fast nur von Juden bewohnten russischen Stadt Bialystok am 16. d. M. Trotzdem ist es dringend notwendig, noch einmal auf die Sache ausführlich zurückzukommen. Hören wir zunächst die Darstellung, die der „Hilfsverein der deutschen Juden" von durchaus zuverlässiger Seite über die Sachlage empfangen: „Vor einigen Tagen war der Polizeimeifter in Bialystock durch ein Attentat getötet worden. Er war dem Ausbruch von Pogromen stets mit der höchsten Energie entgegengetreten, und ihm war zu verdanken, daß trotz der Agitation der schwarzen Hundert Bialystock von Massakers bisher freigeblieben war. Man zweifelt in Bialystock nicht, daß der Mord des Polizeimeisters ein Werk der schwarzen Hundert war, und es wurden sofort Befürchtungen laut, daß es nunmehr zu einem Pogrom kommen würde. Diese Befürchtung ist zur Wahrheit geworden. Es wurde eine Bombe gegen die Prozession am Fronlerchnamstage geworfen, Dieser Bombenwurf wird gleichfalls dem schwarzen Hundert auf das Konto gesetzt. Unmittelbar darauf fanden unter Beteiligung von Kosaken und regulärem Militär Massakers der furchtbarsten Art statt. Am folgenden Tage fanden neue Unruhen statt. Wie es heißt, ist über die Stadt der Belagerungszustand verhängt worden. In Petersburg ist das Gerücht verbreitet, daß General Bogdanowitsch, der Organisator der schwarzen Hundert, durch ganz Rußland das Signal zu diesem Blutvergießen wiederum gegeben hat, und man will ferner wissen, daß eine zweite Stadt, bei der die Vorbereitungen bereits getroffen sind, das von Juden stark bevölkerte Minsk sei." ' * Der Hilfsverein der deutschen Juden teilt uns ferner mit, daß er sofort zuverlässige Persönlichkeiten, die nach Bialystock hineinzukommen suchen sollen, entsandt hat, mit der Aufgabe, über die Lage zu berichten und mitzuteilen, welche Art Hilfeleistung möglich erscheint. Ein vom selben Tage datierter, an das Berliner Bureau der Alliance Israelite Universelle gerichteter Brief besagt: „Bei uns sin der Stadt herrscht furchtbare Erregung Diesen Sonntag 5 Uhr nachmittags wurde auf der Soraschstraße unser Polizeimeister Derkatschew getötet. Er war ein seltener Mann. Die Stadt fühlte sich bei seinen Lebzeiten durchaus geborgen. Alle sind über diese Untat empört. Eine jüdische Deputation brachte einen Kranz' zur Niederlegung auf seinen Sarg, aber diese Deputation wurde nicht empfangen, vielmehr wurden die Erschienenen nicht zugelassen, sondern mit Schimpfworten zurückge.wieseu. Die Deputation verstand, was mit dieser Taktik beabsichtigt war, und begab sich unverzüglich nach Grodno zum Gouverneur, der der Deputation folgende Eröffnung machte: „Am 30. Juni v. I. sind in Bialystock 40 Inden getötet worden, und danach herrschte sechs Monate lang Ruhe. Jetzt ivird mau 1000 Juden um bringen, und damit wird man wohl auf längere Zeit Ruhe schaffen, Für etwaige Krawalle und Massakers übernehme ich keine Garautie!" Der offiziöse russische Draht, der Inbegriff aller Verlogenheit, stellt nun den Vorgang in folgender Weise dar: „Wilna, 15. Juni, lieber die Unruhen in Bialystok wird folgende amtliche Darstellung bekannt gegeben: Angesichts der hochgradigen Erregung der Bevölkerung von Bialystok, namentlich seit der Ermordung des Polizeimeisters Derkatschew, mußte der Gouverneur damit rechnen, daß es bei den kirchlichen Prozessionen am 14. Juni (Fronleichnamstag) zu Ruhestörungen kommen werde, und er traf deshalb' im Einvernehmen mit der Mlitärgewatt alle ihm zukommenden Maßnahmen (?) zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Man hatte vom Lager an Truppen anderthalb Bataillone von jeder Jnfanteriegattung und mehrere Eskadronen Kavallerie kommen lassen. Auf den Straßen, welche die Prozessionen der Orthodoxen und Katholiken passieren mußten, waren Posten aufgestellt., Nichtsdestoweniger störten Uebeltäter den Umzug, an welchem eine ungeheure Menschenmenge teilnahm. Außerhalb der Stadt wurde aus mehreren jüdischen Häusern auf die Prozessionen geschossen. Die Zahl der dabei Getöteten läßt sich nicht feststellen, es befinden sich aber unter ihnen zwei Kinder, welche Heiligenbilder trugen, und drei Frauen. Zwei Bomben, welche auf dem Bazarplatz geworfen wurden und fünfzig Schritte von der Prozession entfernt niederfielen, verursachten keinen Schaden. Bauern und Arbeiter, in Wut versetzt durch diese verbrecherischen Anschläge und verletzt in ihren religiösen Gefühlen, fielen über mehrere Personen her, die aus den Häusern flüchteten, aus denen die Schüsse gefallen waren und stürmten dann andere jüdische Häuser. Den nach Anordnungen des Gouverneurs sofort eingreifenden Truppen gelang es, die Ausschreitungen auf einen verhältnismäßig geringen (!) Umfang zu beschränken, aber der Bericht des Gouverneurs stellt fest, daß die gestern abend zum Stillstand gekommenen Unruhen heute morgen mit neuer Heftigkeit ausbrachen, nachdem abermals mehrere Bomben geworfen waren. Die Menge gab Schüsse ab gegen das Gebäude der Polizeiverwaltung, die Truppen gaben darauf ebenfalls Feuer." Wer die Verlogenheit der russischen Berichte kennt, wird wissen, was er von dieser amtlichen Darstellung zu halten hat, die sich bemüht, den Tatbestand zu verdunkeln und alle Schuld den Juden aufzuladen, den Juden, die eingeschüchtert und erschreckt, jetzt jede Gelegenheit auf das Aengstlichste vermeiden, um einen Konflikt hervorzurufen, zumal bei einer religiösen Feier. Wissen sie doch seit Jahrhunderten, daß solche Gelegen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.