Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 geistigen Auge der Hörer vorüberziehen ließ, ihnen und dem jetzigen Leiter herzliche Dankesworte widmend. Nach einer kurzen Pause sprach Herr Goldschmidt-Köln über das Thema: Rückblicke und Ausblicke, worin er in fesselnder Weise den geschichtlichen Werdegang der jüdischen Schule und des jüdischen Lehrerstandes vorsührte. Zum Schluß nahm Herr Regierungsrat Dr. Voigt noch einmal das Wort, um den günstigen Eindruck zu bekunden, den er von den Verhandlungen erhalten, den ferneren Bestrebungen guten Erfolg wünschend. Abends fand im Kasinosaale ein Festessen statt, das sehr zahlreich besucht war und an dem auch der Herr Regierungsrat Dr. Voigt und Herr Schulrat Dr. D'ham teilnahmen. Verdiente Beachtung fand die auf der Jubelkonferenz zur Verteilung gelangte Festschrift, die als Einleitung ein Begrüßungsgedicht von Katz-Gelsenkirchen, eine Geschichte des Vereins und feiner Pensionskasse von Goldschmidt- Dortmund, eine pädagogische Abhandlung von Andorn-Krefeld, sowie die Biographien der drei ehemaligen Ehrenvorsitzenden, und zwar die Blumenaus von Levi-Neuß, die Treus von L. Meyer-Lünen und die Blumenfelds von I. Kausmann-Essen enthält. Am 6. d. M. wurden die Beratungen im Saale des Hotels Royal fortgesetzt. Rach Erledigung einiger geschäftlicher Mitteilungen, der Empfehlung eingegangener neuer Lehrbücher u. a., erstattete der Vorsitzende einen kurzen BMcht über den Stand der Pensionskasse, deren Vermögen nunmehr über 141000 Mark beträgt. Auf Vorschlag des stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Lipmannssohn-Minden wurden die ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes, die Herren Graf-Essen, Baum-Rheine und Kaufmann-Ahlen, letzterer als Stellvertreter, durch Zuruf wiedergewählt. An Stelle des seitherigen Rendanten wurde dessen Bruder Herr Bankier Albert Hirschland von hier neugewählt. Hierauf hielt Realschuldirektor Dr. Adler-Franksurt einen sehr interessanten Vortrag über die jüdische Schule. Hatte Herr Goldschmidt- Köln in seinem gestrigen Referat den inneren Entwicklungsgang derselben eingehend geschildert, so betonte Redner in seirrem Vorträge mehr den äußeren derselben. Die Besprechung der Thesen, die Kollege Kaiser-Mühlheim seinem vorjährigen Vortrage über die „Umgestaltung des hebräischen Unterrichts" zugrunde gelegt hatte, nahm nur kurze Zeit in Anspruch, indem beschlossen wurde, dieselben auf den Bezirkskonferenzen noch einmal eingehend durchzuberaten. Als nächstjähriger Versammlungsort der Pfingstkonferenz wurde Neuwied bestimmt. a. Frankfurt a. M., 8. Juni. Am Donnerstag fand unter sehr starker Beteiligung die Hauptversammlung des Israelitischen Lehrervereins im Großherzogtum Hessen im Philanthropin statt. Außer den Gästen nahmen ca. 60 Vereinsmitglieder an den Sitzungen teil. Den Mittelpunkt der Verhandlungen bildete das Thema: „Die Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts." Die beiden Herren Neallehrer Eschelbacher- Mainz als Referent und Rabbiner Dr. Goldschmidt-Offenbach zeigten, wie der Unterricht methodisch zu verbessern und umzugestalten sei. Die Diskussion war eine sehr lebhafte. Da in allen Zweigvereinen des Verbands der israelitischen Lehrervereine im Deutschen Reich dasselbe Thema behandelt, so wird später durch eine vom Verband gewählte Kommission eine Zusammenfassung aller Richtungen und Anschauungen bewerkstelligt, um schließlich den Verhandlungen eine praktische Bedeutung zu geben. An die Beratungen schloß sich ein gemeinsames Mittagsmahl an. Gesterretch-Arigarn. SäHcw, 11. Juni. In jeder Woche ein neues Ministerium. Und. so geht es nun schon seit länger als zehn Jahre bei uns im lieben Oesterreich. Was das Ministerium dieser Woche anbelangt, so gefällt es uns, offen gestanden, sehr wenig. Der Chef, Baron v. Beck, ein enragierter Katholik, der Vertrauensmann des Erzherzogs Ferdinand, die beiden Minister, Prade und Derschatta, Anhänger einer Partei die den' Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben. Und was wir von tschechischen und polnischen Ministern erst zu erwarten haben, das können Sie sich denken. Im Hintergründe aber lauert noch immer das Gespenst einer christlich-sozialen Ministerkandidatur, um das Ensenlble zu vervollständigen, und als deren Träger gilt der schwarze Prinz Alois Lichtenstein. Das kann nett werden. Zum Glück dauern bei uns Ministerien ja bekanntlich nicht sehr lange — und schlechter kann es den Juden ohnehin im Verfassungsstaate nicht gehen, als bisher. Sie müssen zugeben, daß das gewichtige Trostgründe sind! — Am jüngsten Feiertag wurde in Szara zbero (in Ungarn) die Leiche der 10 jährigen Anna Zolzsak, einer Wirtstochter, mit durchschnittenem Halse aufgefunden. Es verbreitete sich das Gerücht von einem „Ritualmorde". Die Gendarmerie pflog eifrige Erhebungen und verhaftete den 17 jährigen Hirtenbuben Josef Nagy als den mutmaßlichen Täter. Er ge-stand auch, das Mädchen ermordet zu haben, nachdem er an ihr ein Sittlichkeitsverbrechen verübt hatte. Den Hals habe er mit einem Messer durchschnitten, um den Verdacht auf die Juden zu lenken. — Ein Geschäft und zwar ein gutes, ist der Antisemitismus in Oesterreich immer, sogar auf den Bergen, wo die Freiheit wohnt. Als Beweis dafür dient der Ort Kitzbühel in Tirol, der schon seit Jahren auf der Liste der antisemitischen und judenreinen Sommerausenthaltsorte steht. Wenn aber einer „von der versehmten Nation" gleichwohl Lust hätte, nach Kitzbühel zu gehen, so braucht er sich durch den Beschluß des Fremdenverkehrsvereins Kitzbühel nicht abschrecken zu lassen und wird mit Leichtigkeit Obdach finden. Denn nur als Korporation sind die Kitzbühler antisemitisch, einzeln nehmen sie für ihre Wohnungen mit großem Vergnügen auch jüdisches Geld, wenn es nur recht viel ist. So haben sie den Vorteil, den Antisemiten zu gefallen und dennoch nicht die Möglichkeit zu verlieren, daß etliche Juden, die speziell auf Kitzbühel versessen sind, in ihrem Orte ihr Sommerguartier nehmen. Vmr MH und jfern. — Der Geheime Kommerzienrat Edmund H elf ft hat das Komturkreuz des Mecklenburgischen Greifenordens, der persische Konsul Max Leon das Großoffizierkreuz des Persischen Löwen- und Sonnenordens erhalten. — Frau Kommerzienrat Minna Israel ist am 11. d. M. nach längerer Krankheit hier 'gestorben. Durch hochherzige Spenden hat sich die Verewigte ein bleibendes Verdienst errungen. Sie war die Gattin des langjährigen Mitinhabers der Firma N. Israel, Kommerzienrats Jacob Israel, der ihr vor zehn Jahren im Tode vorausging, und die Schwester des Oberrabbiners Dr. Adler in London. Ehre ihrem Andenken! — Am 7. d. M. ist hier nach kurzen! Leiden der Kommerzienrat und Konsul Julius Wagner im 52. Lebensjahre gestorben. — Dem' Lehrkörper der Berliner Handelshochschule /werden als Dozenten angehören: Prosessor Jastrow für Staatswissenschaften, Prokurist Ludwig Bend ix für Bank- und Börsenwesen, Negierungsrat Dr. Eger für Eisenbahnrecht, Amtsgerichtsrat Professor Heil fron für Rechtswissenschaft, Professor Dr, M. Hermann für deutsche Sprache und Literatur, Dr. A. Marcuse für Geographie und nautische Ortsbestimmung, Dr. H. Preuß für Staats- und Verwaltungsrecht. — Ter Kgl. Opernsänger Robert Philipp hat die Herzoglich Sachsen-Koburg-Gothaische Medaille für Kunst und Wissenschaft erhalten. — In Bunzlau ist der frühere Kultusbeamte Moritz Ti ntner am 2. d. M. nach längerem Leiden gestorben. Er hat länger als 30 Jahre in seiner Gemeinde gewirkt und sich durch Herausgabe eines praktisch-musikalischen Werkes einen Namen erworben. Noch kurz vor seinem Tode war ihm anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand der Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. — Dem Bankier und Königlichen Lotterieeinnehmer Joseph Boehm in Brieg ist der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. Boehm, welcher 50 Jahre der Stadtverordnetenversammlung daselbst angehört hat, beging vor einigen Wochen seinen 90. Geburtstag. — Es ist unwahr, daß im Braunschweigischen Landtag ein Antrag auf Verbot des Schächtens gestellt und angenommen worden ist. Der Abgeordnete Haarmann hat nun in der Sonnabendsitzung beantragt, „die Herzogliche Landesregierung zu ersuchen, mit dem Ausschüsse der Landesversammlung ein Gesetz zu vereinbaren, wodurch die Betäubung des Schlachtviehs vor dem Schlachten angeordnet wird"; aber der Antragsteller selbst fügte ausdrücklich hinzu, daß das Schächten von der Verordnung ausgenommen werden solle, welche so „die Wünsche des Tierschutzes mit den Interessen des jüdischen Ritus vereinigen werde". —- Der neuernannte Landrabbiner in Kassel, Dr. Max Doktor, wurde, nachdem seine Verpflichtung durch den landesherrlichen