Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 288 —— mm Wohlseins ganze Wochen, die Physischen Uebel kamen immer häufiger und immer heftiger, bis er nicht mehr aushörte zu kränkeln. Dieser Zustand, der die .größtmöglichste Schonung seines Gemütes erheischte, hielt Alfred ab, von seiner Liebe mit dem Vater zu sprechen. Er wußte, daß seine Schwester und Schwägerinnen gegen ihn agieren würden; ein Zwiespalt zwischen ihm und ihnen dürfte dann kaum zu vermeiden gewesen sein, die Kränkung aber, so etwas im eigenen Hanse zu gewahren, wollte der wackere Sohn dem Vater ersparen, nud lieber erst dessen volle Wiedergenesung abwarten. Vergebenes Harren! Diese Wiedergenesnng, sie kam nicht mehr. Die Herbstzeit, diese unerbittliche Tyrannin der physisch Leidenden, war auch hier unheilbringend, die Kränklichkeit wurde permanent. Herr Kroner konnte das Bett nicht mehr verlassen und erregte daher bei seinen Angehörigen große Besorgnisse. Auch der Arzt wurde mit jedem Tage bedenklicher, und von dem Patienten gedrängt, gab er endlich die Erklärung, daß die Tage desselben gezählt seien. Herr Kroner nahm diese Mitteilung ans dem Munde des Arztes mit einem nur dem wahrhaft Frommen eigenem Gleichmut, ja fast mit freudiger Gottergebung auf, er beschenkte sogar den Doktor für dessen Freimütigkeit mit einem Brillantring. Zu seiner jammernden Frau und seinen sich trostlos geberdenden Kindern sprach er: „Lasset mich, ich bitte euch darum, keine Betrübnis an euch wahrnehmen! Helfet mir vielmehr das Scheiden von euch und den Aufflug zu meinem himmlischen Bater leicht zu machen. Mein Geschäft mit der Welt ist abgeschlossen, ich habe nur noch einen einzigen Umstand zu ordnen, und zwar mit den Vorstehern der „heiligen Brüderschaft", weswegen ich euch bitte, mir dieselben herzubescheiden." Diesem Wunsche wurde entsprochen. . Die Vorsteher der „heiligen Brüderschaft" stellten sich bei ihm ein, und nachdem sie am Krankenbette Platz genommen hatten, sprach sie Herr Kroner also an: „Ich habe zugunsten des Vereins, den Ihr vertretet, eine Summe von viertausend Talern legiert; knüpfte jedoch in meinem schriftlichen Testamente eine Bedingung an diese Schenkung, eine Bedingung, an deren Vollzug mir sehr viel gelegen ist, daß ich mich durchaus nicht damit begnügen kann, sie dort auf das Papier hingestellt zu haben. Ich werde erst dann gänzlich beruhigt meine Reise in das bessere Leben antreten, wenn Sie, meine Herren, zuvörderst sich mit ihrem Ehrenworte verbinden, dem in meinem Testamente ausgesprochenen Wunsche, den ich Ihnen hier mündlich wiederholen werde, auf das genaueste nachzukommen." Die Vorsteher verlangten seinen Willen zu vernehmen, und er fuhr also fort: „Ich wünsche, daß die Zeremonie des Waschens und des Reinigens, wie sie an Leichnamen bei uns üblich ist, an meinem Leichnam gar nicht vorgenommen werde. So wie man mich nach meinem Ableben auf meinem Lager findet, mit denselben Kleidungsstücken angetan, will ich begraben werden, ohne daß inan'damit die geringste Veränderung oder gar einen Wechsel vornehme. Der Sterbekittel kann mir allenfalls darüber angezogen werden." Die ob dieses sonderbaren Verlangens erstaunten Vorsteher erhoben wohl Einwendungen und machten Vorstellungen gegeil sein Verlangen; der Kranke aber bestand hartnäckig auf seiner Forderung und ließ nicht ab, bis man ihm das Ehrenwort gab, ganz nach seinem Willen zu verfahren. Wenige Tage darauf verbreitete sich in ganz Hamburg die Nachricht von dem erfolgten Tode Lipman Kroners und erregte dadurch eine allgemeine schmerzliche Sensation: die merkantile Welt betrauerte den Verlust eines redlichen Kaufmanns, die Notleidenden weinten einem nimmermüden Wohltäter nach; Freunde und Bekannte beklagten den Abgang eines bereitwilligen freundlichen Ratgebers; kurz jeder, "der ihn kannte, wußte etwas zu seinem Lobe und niemand etwas Schlechtes von ihm zu erzählen. Seine Frau aber und seine Kinder, denen er in allem alles gewesen war, und die täglich und stündlich Beweise seiner aufopfernden Zärtlichkeit erhalten hatten, waren geradezu untröstlich. ' (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! ie in Nr. 21 veröffentlichte „Richtigstellung" des Kuratoriums der israelitisch-theologischen Lehranstalt zu Wien erweckt den Schein, als wäre die Mitteilung, welche Sie in Nr. 16 über meine Berufung brachten, nicht wahr. Demgegenüber kann ich Ihnen bestätigen, daß sie durchaus den Tatsachen entsprach. Am 21. Januar d. I. erhielt ich von dem „Rektorat der israelitisch-theologischen Lehranstalt" die amtliche Mitteilung, daß ich in der am 19. Januar stattgefundenen Konferenz des Professoren? kollegiums primo loco als Nachfolger Professor Bnchlers vorgeschlagen worden sei, daß das Kollegium einstimmig beschlossen habe, zunächst mich allein ins Auge zu fassen und daß ich hiermit offiziell angesragt werde, ob ich das Amt annehmen wolle. Am 16. Februar teilte mir der Herr Rektor weiter mit, daß er vom Kuratorium den Auftrag erhalten habe, mit mir „über die Bedingungen in Unterhandlung zu treten, unter welchen ich einem Ruse als Nachfolger Professor Bnchlers Folge zu leisten gewillt wäre." Das nennt man, wenigstens hierzulande, eine Berufung, denn, wie aus obigem ersichtlich, habe ich mich um das Amt nicht beworben es ist mir angeboten worden. .Auf meine darauf hin mitgeteilten Bedingungen habe ich — darin bestanden die „Unterhandlungen" — lediglich einen ausweichenden Bescheid ohne Angabe von Gründen erhalten. Achtungsvoll Dortmund, den 4. Juni 1906. Dr. B. Jacob, Rabbiner. * Verehrl. Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums!" ir warnen sämtliche jüdische Unterstützungs-Vereine vor einem Schwindler, der schon seit diversen Jahren die Kassen betrügt. Der Name desselben ist Karl Penöder, Buchbinder aus Wiedemar in Sachsen. Er ist 47 Jahre alt, mittelgroßer Statur, trägt dunkelbraunen, kurzen Vollbart, der schon etwas grau meliert erscheint und ist stark kahlköpfig. Unter dem falschen Namen Max Stein, Handelsmann aus Breslau, besucht er m.it seiner angeblichen Frau seit Jahren alle jüdischen Kassen und auch hier war dies der Fall. Er liest ganz perfekt in der Tefilah und kennt die jüdischen Gebräuche. Er ist wiederholt vorbestraft und wurde von der hiesigen Strafkammer wegen Betrugs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Verhaftung und Verurteilung erfolgte auf Grund der Denunziation seiner angeblichen Frau, die unter dem Namen „Rebekka" Stein seit fünf Jahren mit ihm reiste und bei dem Schwindel mithals. Wir empfehlen bei dieser Gelegenheit den Unterstützungs-Vereinen, in ihrem Kassenlvkal eine Tafel mit der Aufschrift anbringen zu lassen: „Nur Juden haben Anspruch auf Unterstützung." Die vorstehende Verhandlung und Verurteilung hat erwiesen, daß dies dringend geboten erscheint. Fürth, 2. Juni 1906. A dolf Hehmann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.