Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228715--62692-3289858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
287 heilen seiner Gemeinde (S. 99). Diese Wahrheiten findet er in der Heiligen Schrift und in dem Meer des Talmud und des Midrasch; und „wer sich eine gewifie Geschicklichkeit durch Uebung in der Ausdeutung des Midrasch erworben, dem kann es niemals an Stoff zur Predigt fehlen" (S. 104). Nicht unerwähnt soll schließlich ein Wunsch bleiben, den der Verfaffer im Interesse der Anfänger ausspricht. Er wünscht nämlich, daß erfahrene Rabbiner den Predigten, die sie veröffentlichen, einen Nachweis hinzufügen, wie dieselben entstanden find;' von derartigen „Entstehungsgeschichten" verspricht er sich mehr praktischen Nutzen als von den Predigten selbst. Freilich dürften diese Predigten nicht „aus der Zeit der abgeklärten Reife" stammen; der Nachweis der Entstehung wäre in solchem Falle nicht lehrreich genug, da der Prediger in dieser Zeit bereits so große Uebung besitzt, daß ihm der Stoff für die Ausführung seiner Reden ohne Mühe zuströmt. Wohlgemuth selbst liefert ein Beispiel für solche „Entstehungsgeschichten", und zwar an der Hand einer Predigt, die er während seiner Studienzeit gehalten hat (S. 69, Fußnote ') ff.). Wenn wir den deutlich ausgesprochenen Zweck der Veröffentlichung dieser Rede nicht aus den Augen verlieren, so werden wir keine Untersuchung darüber anstellen, ob in ihr alle Regeln beobachtet sind, die der Verfasser in seiner Abhandlung aufstellt; das wäre ein unbilliges. Verfahren. Wir lassen uns vielmehr gern in die Geisteswerkstatt des jugendlichen Predigers geleiten, um mit Interesse wahrzunehmen, wie nnd unter welchen besonderen Einflüssen seine Gedanken sich allmählich aneinander fügten und zu einem organischen Gebilde zusammenwuchsen. Einer der Hauptvorzüge der Wohlgemuthschen Arbeit ist zweifellos die einfache, volkstümliche Schreibweise bei aller Gediegenheit des Inhalts. Gerade darum aber war es um so notwendiger, einige Stellen der Abhandlung besonders zu beleuchten, an denen sich der Verfasser von seinem religiösen Parteistandpunkt verleiten läßt, schiefe Behauptungen aufznstellen. Im übrigen sei die frisch und gut geschriebene Arbeit allen empfohlen, die für das Wesen der jüdischen Predigt ein Interesse haben, und gewiß dürfte es deren nicht wenige geben in einer Zeit, die auf das Wirken des Rabbiners in seiner Eigenschaft als Prediger ein so großes Gewicht legt. Eine Geschichte aus alter Zeit. Von Ludwig Manheimer. III. err Kroner hatte eine schlechte Nacht, und der Arzt fürchtete den Anzug einer schweren Krankheit. Am nächsten Tage stellte sich ein anhaltendes Delirium ein, was die Bedenklichkeiten um ein Bedeutendes vermehrte. Während der nächsten Tage, in welchen dieser Zustand andauerte, geberdete sich Herr Nürnberger wie ein Verzweifelnder: er wollte keine Speise zu sich nehmen; Weinen und Beten waren seine einzigen Beschäftigungen, und auf die Anfrage, was zwischen ihm und Herrn Kroner vorgefallen sei, rief er stets als Erwiderung: „Er ist ein Engel! Ich bin nicht wert, in seinem Schatten zu wandeln!" So oft er die Tür öffnen und jemanden bei sich eintreten hörte, fragte er hastig: „Was macht der Zaddik?" Und wenn ihm ein ungünstiger Bescheid gegeben wurde, erhob er ein Jammergeschrei und rang utttröstlich die Hände. Endlich wurde er selbst krank, und nur die Versicherung deS Arztes, daß Herr Kroner sich auf dem j Wege der Besserung befinde, vermochte ihn, sich der Arznei- | mittel zu bedienen, und sich die sorgfältige Pflege der Tochter 1 gefallen zu lassen. 1 Es war offenbar, daß zwischen den zwei Männern, die sich J gegenwärtig in einem krankhaften Zustande befanden, irgend- ® ein schauerliches Geheimnis obwaltete; und diese Voraus-!j setzung, die sich allen Personen im Hause aufdrang, machte;;j auf dieselben einen für den Blinden sehr ungünstigen Eindruck; t man wurde jeden Tag argwöhnischer und scheuer gegen ihn, | und die Wirkung des Eindruckes erstreckte sich sogar ans jl Daja; man begann, sie mit Kälte und Zurückhaltung zu behandeln. Niemand litt dabei mehr als Alfred, dessen Liebe! für das Mädchen bereits so tiefe Wurzel gefaßt hatte, daß er jeden als seinen Feind betrachtete, der Daja mit Unfreundlichkeit oder Geringschätzung begegnete. | Herr Nürnberger war von dem Arzte nicht falsch unterrichtet worden, das heißt, Herr Kroner war wirklich auf deni Wege der Besserung und verlangte während der Rekonvaleszenz mehr als dringend, den Blinden zu sprechen, was der Arzt » jedoch nicht gestattete, da eine Aufregung der Gemüter nach 4 beiden Seiten hin eine der Gesundheit schädliche Wirkung fürchten ließ. sss ' „Ich fordere Sie bei Ihrer Ehrenhaftigkeit ans," sprach;| eines Tages Herr Kroner zu seinein Arzte, „mir ohne Rückhalt zu sagen, ob bei mir das Eintreten eines plötzlichen Todes- |] falles zu vermuten sei, uird ob Sie einen solchen Fall auch o | nur mit geringer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, bei mir An- J Zeichen gewahren?" Der Arzt versicherte, eine solche Disposition .ff! an ihm bisher nicht wahrgenommen 31t haben. „Ist etwa,";llj fuhr Herr Kroner zu fragen fort, „bei dem Blinden im Hause ein solcher Fall zu befürchten?" — „Auch das nicht," war der P-if. Bescheid des Arztes. — „Wenn dem so ist," sagte hierauf Herr .4 Kroner in einem bitteren Tone und fast nur zu sich selber, s „will ich mich noch einige Tage geduldig erhalten. Bevor aber einer von uns beiden den Mund für ewig schließt, haben wir noch über absonderliche Dinge miteinander zu sprechen. Ich bitte Sie, Herr Doktor, im Interesse meiner eben an Sie gerichteten Fragen ans uns beide ein ausmerk- : j sames Auge zu haben, und mir es sogleich zu sagen, wenn bei! mir oder bei ihm sich ein in Rede stehendes Symptoin zeigen - sollte." '} Als endlich die beiden Patienten soweit wieder hergestellt J waren, daß der Arzt keinen Grund hatte, es zu untersagen, ' j fand auch zwischen ihnen eine Unterredung ohne Zeugen statt. „■ , Wir könnten ohne weiteres den Inhalt dieses Zwie- > l gespräches Mitteilen, er wäre jedoch dem Leser unverständlich, h weil wir nicht in der Lage sind, über eine furchtbare Katai strophe aus der Vergangenheit dieser zwei Personen, die ein i Zufall oder vielmehr Gottes weise Fügung so wunderbar in f Paris zusaminensührte, Bericht zu erstatten. Soviel können i! wir versichern, daß Herr Nürnberger nach wie vor von seinem \ Wohltäter mit derselben großmütigen Sorgfalt behandelt wurde, wiewohl er von ihm mehr wie sonst — gemieden ward; das heißt: die sonstigen Sabbatvisiten unterblieben nun gänzlich. Merkwürdigerweise aber zeigte sich bei Herrn Kroner jetzt in bezug auf Daja eine viel günstigere Stimmung, was s Alfreds Seele mit den frohesten Hoffnungen erfüllte. | Die Gesundheit des Herrn Kroner wollte aber nicht ganz , s wieder zurückkehren, er mußte oft tagelang das Bett hüten; ‘ s da ließ er gewöhnlich Daja zu sich rufen, um sich von ihr jj vorlesen zu lassen. Später wurden aus den Tagen des Unsi