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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-15 · Heft 24 (15.6.1906) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
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- 286 - ' Zu der Schönheit der Sprache iin allgemeinen muß nun aber noch eine spezifische Schönheit hinzukommen. „Die homiletische Sprache wird nur dann schön sein, wenn sie biblisch ist" (S. 57); denn nur so kann dem Gesetze genügt werden, daß die Sprache dem Inhalt entspricht, den sie ansdrücken will. Um der homiletischen Sprache ein biblisches Gepräge zu geben, ist es natürlich mit der' Beherrschung der Bibel im Urtext noch nicht getan. Die rechte Form wird vielmehr nur der finden, ,-der ein Deutsch auf die Kanzel bringt, wie es die Propheten und Sänger der Bibel gesprochen Hütten, wenn ihre Muttersprache das Deutsche gewesen wäre, das Deutsche in der Vollendung, wie es nach der ruhmvollen literarischen Vergangenheit in der Gegenwart geschrieben wird" (S. 59). Ein Prediger, der in diesem Sinne sich im Uebersetzen der Bibel übt, wird eine schöne homiletische Sprache sich erwerben. Um nun aber das „Knochengerüste" der Disposition „mit Fleisch und Haut bekleiden", um eine gediegene Ausführung der in der Disposition niedergelegten Gedanken liefern zu können, dazu bedarf es neben der Gewandtheit in der homiletischen Sprache vor allem tüchtiger, umfassender Kenntnisse, und das nicht nur etwa auf theologischem Gebiete, sondern was durch die Ergebnisse der Wissenschaft zum Allgemeingut der Gebildeten geworden ist, das alles sollte Eigentum des Predigers sein. „Es kann nicht nachdrücklich genug hervorgehoben werden, daß der Prediger, abgesehen von der spezifisch-jüdischen Bildung, eine möglichst allgemeine Bildung sich aneigne, indem er die Resultate der Naturwissenschaften in sich aufnimmt, ihre grandiosen Fortschritte mit Verständnis begleitet nnd in die geschichtlichen Erlebnisse aller Völker sich vertieft." (S. 68). Das sind goldene Worte, die gewiß jeder amtierende Rabbiner rückhaltlos unterschreiben wird. Vor allem aber sollten die angehenden jungen Theologen diese Worte beherzigen und sich in der Wahl ihrer Universitütsstudien nicht zum wenigsten von dergleichen Erwägungen leiten lassen. Sie sollten sich weniger mit den orientalischen Sprachen befassen — von Mathematik und anderen Fächern, die mit der Theologie in gar keinem Zusammenhänge stehen, nicht zu reden — als mit der Philosophie, der Geschichte, der Literatur, kurz mit allen Fächern, die geeignet sind, auf die allgemeine hat das Bestreben, die bedeutsamen Gedanken, die er an Schristverse knüpft, auch in die Uebersetzung derselben hineinzulegen; daS aber kann nicht geschehen, ohne der schlichten Schönheit der Bibelsprache Abbruch zu tun. Zwei Beispiele mögen das Gesagte erhärten: Ps. 24, 4 sucht Hirsch das Keri-Kelhib (’tTQJ — UPÖ3) in die Uebersetzung hineinzutragen. Aus den schlichten Worten: „der nicht nach Vergänglichem Verlangen trägt" (oder, nach dem Keri: „der meinen Namen nicht zum Falschen spricht," s. Naschi zur Stelle) wird daher bei Hirsch: „der nicht dem Vergänglichen zu seine mir gehörende Seele trägt." Aus Ps. 68, 21, welcher Vers in schlichter Uebersetzung etwa lautet: „Gott ist uns ein Gott der Errettungen, und der Ewige, der Herr, hat Auswege auch für den Tod," wird bei Hirsch in dem Bestreben, die Bedeutungen der verschiedenen Gottesnamen auch in der Uebersetzung deutlich in die Erscheinung treten zu lassen, der unschöne Satz: „Der Gott erweist sich uns als Gott der vielfältigsten Heilesveranstaltungen, und meinem selbst im Recht seine Liebe beweisenden Herrn (!) gibt es auch sür den Tod vielsältige Ausgänge." Solche Uebersetzungen wirken abstoßend und find sür Predigt und sür Unterricht in gleicher Weise unbrauchbar. Ob eine Bearbeitung der Hirsch'schen Schriften möglich sein wird, die, ohne das Bedeutsam-Originelle in ihnen zu verwischen, den Anforderungen des deutschen Sprachgenius gerecht wird? Bildung befruchtend einzuwirken. Sollten aber unsere jungen Theologen vor den genannten Fächern, besonders vor den philosophischen Studien, zurückschrecken aus Furcht, die Religion könne dabei zu Schaden kommen, so möchte ich ihnen die Worte ans Herz legen, die der Herausgeber dieser Blätter jüngst in dem vorjährigen Jahrbuch für Geschichte und Literatur geschrieben hat. Zu der ethischen Weltanschauung, die wir in Hermann Cohens „Ethik des reinen Willens" niedergelegt finden, bemerkt Karpeles (Jahrbuch S. 43 f.): „Vor allem aber müßte sie (Cohens Weltanschauung) unsere jungen Kräfte begeistern, der rein philosophischen Auffafiung ihre Lebensarbeit zuznwenden, denn nur aus ihrer inneren Wahrheit heraus können die Ueberlieserungen des Glaubens erklärt werden. Es verriete kurzsichtige Beschränktheit oder ein sehr kleinmütiges Vertrauen zu der unerschütterlichen Macht der Wahrheit des Judentums, wenn man befürchten müßte, daß die philosophische Auffassung desselben nicht auf ein tieferes und freieres Verständnis der Religion selbst, der Geschichte und Ueberlieferung in ihrem inneren Zusammenhang vorbereitete, und daß gerade von diesem fortschreitenden Verständnis die segensreichsten Resultate für Bildung und Leben, für die wissenschaftliche Schule.und die religiöse Gemeinde zu erhoffen sind." Außer der Fülle des allgemeinen Wiffens, die der Prediger zur Ausführung seiner Reden benötigt, betont der Verfasser noch einen anderen wichtigen Punkt, nämlich die Fähigkeit des Predigers, seine Gedanken den Zuhörern mundgerecht zu machen: der Redner muß volkstümlich sprechen. Das Volkstümliche aber „bernht in erster Linie auf der Berücksichtigung des Gedankenkreises der Zuhörer". (S. 83). Daraus folgt, daß den richtigen Ton nur der zu finden vermag, der mit seiner Gemeinde vertraut ist, und daß so ziemlich jeder Prediger zuerst wird „Lehrgeld zahlen" müssen, bis er dahin gelangt, die beiden Extreme zu vermeiden, der Forderung gerecht zu werden: Nicht zu hoch nnd nicht zu flach. Nachdem Wohlgemnth mit großer Ausführlichkeit über die Form der Predigt gehandelt, kommt er in dem dritten und kürzesten Teil seiner Arbeit auf ihren Inhalt zu sprechen. Da, wie wir gesehen, die Predigt religiöse Gefühle wecken soll, so nennt uns Wohlgemuth die beiden jüdisch-religiösen Grundgefuhle, auf die alle andern religiösen Gefühle zurückzuführen sind: das Gefühl der Demut,, der Abhängigkeit von Gott und der Verpflichtung zum Gehorsam gegen sein Wort, und das Gefühl der Erhebung, das aus dem Bewußtsein der erfüllten Pflicht sich ergibt. Diese beiden Grundgefühle zu erwecken und zu kräftigen, soll das vornehmste Streben des jüdischen Predigers sein, und er tue es mittelst guter Gedanken, die er in der Predigt entwickelt. Der jüdische Prediger darf am allerwenigsten auf gute Gedanken verzichten, denn er hat eine Zuhörerschaft vor sich, die an der Denkarbeit Freude hat; sind doch die Juden in der Schule des Leidens „zu einem Volk von Denkern erzogen worden.? Daher vermeide es der Prediger, rein metaphysische Probleme auf die Kanzel zu bringen, denn bei ihnen ist, der Natur der Sache nach, eine verstandesgemäße Lösung unmöglich. Ueberhaupt muß jede Frage ausscheiden, auf die der Redner keine durchaus befriedigende Antwort zu geben weiß. Gut sollen die Gedanken sein, die der Prediger vorbringt, nicht aber brauchen sie immer neu und originell zu sein. Letzteres ist besonders für den, der häufig zu predigen hat, auch kaum möglich. . „Der Prediger soll nur nicht der Meinung sein, er .müsse durchaus etwas völlig Neues bringen, was in den vergangenen Jahrtausenden noch Keiner gedacht und Keiner ausgesprochen hat. . . . Der Prediger kann nicht immer Neues schaffen, er vermittelt nur die alten Wahr-

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