Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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285 ist die Zurückweisung der Anklage, daß die Jungdeutschen selbst Juden gewesen seien. Denn das konnte der österreichischen Regierung doch nicht einfallen, Ludwig Börne, der 1786 geboren (Nicht, wie Stephany angab, 1784), damals fast 50, und Heine, der 1797 auf die Welt gekommen, damals 38 Jahre alt war, als junge Männer zu bezeichnen. Die Denunziation kann also nur auf die vier, Gutzkow, Laube, Wienbarg und Mundt, bezogen werden. Alle diese vier sind aber durchaus christlicher Abstammung; soweit sich ihr Geschlecht verfolgen läßt, ist keine Spur jüdischen Blutes, und gar mancher Antisemit unserer Tage könnte froh sein, wenn er ein so reinliches Ariertum aufzuweisen vermöchte, wie diese vier, denen man vorwarf, Juden zu sein. Lettrüge?u einer jüdischen Homiletik. Von Rabbiner Dr. I. Norden in Mhslowitz. IIm mit aller Gewalt zu beweisen, daß es den Propheten nicht im wesentlichen um die Forderungen der Sittlichkeit zu tun sei, gewinnt es der sonst so feinfühlige Verfasser sogar über sich, aus dem ersten Teil des Jesaiabuches diejenigen Verse herauszuzählen, die „für die Ethik in Anspruch genommen werde»! können", und er gelangt zu dein Ergebnis: „77 Verse zu 766 1:10" (das. Fußnote '). Da haben wir es also klipp und klar, und tver es jetzt noch nicht glaubt, den» ist eben nicht zu helfen. Gegenüber solch schwerer Versündigung an, dein Geiste eines Jesaia kommt der andere Einwand kauin in Betracht, daß das Rechenexempel nicht einmal richtig ist. Denn erstens zählt Wohlgemuth die geschichtlichen Kapitel 36—39 und die geschichtlichen Partien aus den Kapiteln 6 und 7 ungeniert mit. Sodann aber ist es doch unstatthaftnur dieje»»igen Verse für die Ethik in Anspruch zu nehmen, die »nit. ausdrücklichen Worten ethische Forderungen aufstellen oder sittliche Schäden bekämpfen, die Verse hingegen, die eng mit diesen zusammenhängen, nicht mitzuzählen, sobald nicht zufällig eine dem ethischen Gebiete zugehörige Vokabel darin enthalten ist, (also etwa in» neunten Kapitel nur Vers 6 zu zählen, anstatt 1—6). Was wird Wohlgemuth aber erst sagen, wenn wir seine eigenartige Zählmethode »ins zu eigen machen und untersuchen wollten, wieviel Verse unter den 766 denn eigentlich für das Zeremonialgesetz in Anspruch genommen »verden können? Auch nicht ein einziger! Im Gegenteil, das Zeremonialgesetz wird (Kap. 1, V. 10 fs.) sogar auf das schärfste bekämpft, freilich nur darum, weil das Volk glaubt, durch Beten, Opfern rc. der Befolgung des Sittengesetzes überhoben zu sein. Gefordert aber wird das Zeremonialgesetz in dein ganzen ersten Teile des Jesaia mit keiner einzige»» Silbe!*) *) Auch sonst wird das Zeremonialgesetz in den prophetischen Schriften nur äußerst selten erwähnt. Jesaia II berührt die Speisegesetze (66/ 17) und verschiedentlich den Sabbat (56, 2 und 6; 58,13), Jeremia fordert eindringlich die Heilighaltung des Sabbats (17,19—27), Ezechiel beschreibt den zukünftigen Tempel und gibt Borschriften über die Opfer und für die Priester (Kap. 40ff.), Haggai streift zum Zwecke eines Gleichnisses die Reinheitsgesetze (2, 10ff.), Secharja spricht vom Hültensest (14, 16 ff.), Maleachi rügt die Unredlichkeit bei der Abgabe des Zehnten und der Hebe (3, 8) und fordert die Befolgung der Lehre Mose (Das. 22). Dabei ist noch die letzte Stelle ganz allgemein gehalten, die vorletzte gehört, da die Unehrlichkeit gegeißelt wird, eigentlich mehr in das Gebiet der Ethik, und der Sabbat endlich ist zum mindesten mit dem gleiche»» Rechte den sozialen Gesetzen zuzuzählen, wie dem Zeremonialgesetz. Und nun halte man dagegen, die zahllosen Anssprüche, die dem Sittengesetzangehören! Den Vorwurf, daß die Prediger „dein Winde nachgehen", indem sie Israels Größe und weltgeschichtliche Bedeutung, sowie die Forderungen des Sittengesetzes, »»nermüdlich in ihren Reden behaitdeln, diesen Vvr»v»»rf glauben wir gebührend zurückgewiesen zu haben. Anders dageger» verhält es sich mit Wohlgemuths fernerer Behauptung, daß den Predigten nicht selten „die innere' Wahrhaftigkeit fehlt." Mit vollem Rechte verlangt er, „daß die Predigt der adäquate Ausdruck, für das Wesen des Predigers sei" (S. 24); daß dies aber immer der Fall ist, bestreitet er. Es ist ihm nicht entgangen, daß hochwichtige religiöse Themata, wie Vergeltung, Unsterblichkeit, Offenbarung »»nd andere, nur mit ängstlicher Behutsamkeit behandelt werden, da ist keine „glühende, lebensprühende Ueberzengung, kein Ton, der aus dem Herzen quillt, kein Wort, das zu Herzen geht" (S. 23). Hier hat der Verfasser den Finger in eine Wunde gelegt, an der in der Tat viele Predigten kranken. Der Vorwurf, den Wohlgernuth hier erhebt, trifft übrigens die Vertreter beider religiösen Richtungen. Viele orthodoxe und liberale Prediger haben das uriteinander gemein, daß sie Themata, wie die oben erwähnten, n»»r andeutungsweise behandeln, oder ganz mit Stillschweigen übergehen. Der orthodoxe Rabbiner »nöchte seine liberalen Gemeindemitglieder nicht vor den Kopf stoßen, der liberale wiederum will sich nicht ohne zwingende Notwendigkeit mit feinen orthodoxen Zuhörern in Widerstreit setzen. Wir haben nicht das Zeug dazu, Märtyrer für unsere Ueberzeugung zu werden, wie die Propheten es geworden sind. Für diesen Mangel findet Wohlgemuth eine Erklärung »»nd Entschädigung in der ganzen Zeitrichtung,, und darin werden wir ihi»» beipflichte»» müssen. „Doch wir können wohl alle von uns sagen: Wir sind keine Propheten und wir haben keine Anlage zun» Propheten. Wir haben nicht »»»ehr die wunderbare Innigkeit der religiösen Empfindung, die den Alten eigen war, wir sind Kinder »mserer Zeit, das Produkt unserer Umgebung. Und diese ist der religiösen Empfindung abhold, zun» inindesten nicht günstig." (S. 25). Da bleibt uns denn »vohl nichts anderes übrig, als auf eine Zeit zu hoffen, die nach dieser Richtung hin gütlstiger ist, auf eine Zeit, der die religiösen Probleine wieder Herzenssache sind. Eine solche Zeit »vird dann schon Männer hervorbringen, die, den alten Propheten vergleichbar, keine Kompromisse mit ihrer Umgebung schließen, sondern stets so reden, wie es ihnen ums Herz ist. Ist es nun aber dem Prediger Ernst damit, bei seine»» Zrihörern religiöse Empfindungen zu wecken, so darf er die Form, in der er seine Worte vorträgt, keineswegs unterschätzen. Sind doch a»»ch die Worte der Bibel den Gesetzen des Schönen unterworfen, um »vieviel mehr muß dies von der Predigt gelten. Darum widmet der Verfasser einen großen, ja den größten Teil seiner Abhandlung der Form der Predigt, und hier zeigt er sich als ein tüchtiger Kenner der Grundgesetze der Aesthetik. An der Hand dieser Gesetze behandelt er die Gestik und die Modulation und will bei beiden ei»» Z»»viel »ind ein Zuwenig vermieden »vissen. An der Hand der Gesetze der Aesthetik verlangt er ferner eine klare, durchsichtige Disposition und eine schöne, edle, gewählte Sprache, die sich von trivialen und von gesuchten Ausdrücken') in gleicher Weise freihält. st Wohlgemuth zeigt an dem Beispiel „Mensch-Jisroel", das sich in den Schriften S. R. Hirschs häufig findet, wie Worte nicht gebildet.werden dürfen. .Es ist dankbar anzuerkennen, daß der Verfasser, der ein glühender Verehrer Hirschs ist, sich darum doch nicht zrirückhaltei» läßt, dessen gesuchte Sprache zu bemängeln (s. S. 32 und Fußnote das.). Hierzu sei noch folgende Bemerkung gestattet: Hirsch