Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228715--62689-3289855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
NWWM 284 eines großartigen moralischen Betrugs. Ohne Vaterland muß ihnen Vaterlandsliebe eine Torheit sein, und so wird ibnen politisches Prinzip, gleichviel welches, nie. zur politischen Gesinnung, sondern nur zu einem nre.hr oder . weniger eigennützigen Spiel des Geistes, je mit der Farbe, in der man, wo die Vaterlandsliebe Opfer erheischt, wo die Prinzipien auf den Kampf der Ehre gefordert, wo die moralische Sonde und die Feuerprobe der Oeffentlichkeit angewendet werden, gegen ein Billiges durch die Hinterpforten entschlüpft. Darum erblickt man. sie, in das Gewand des neuesten geworfen, stets in Wechseln des Anfangs, dem entscheidenden Ende aber bald mit dem Rücken, bald mit dem Gesichte nur dann zugekehrt, wenn die Besinnung geschwunden ist und das Schlachtfeld geplündert wird. Kaum war der bewaffnete Republikalismus aus dem Felde geschlagen, so hing man sich lächelnd die zahme Toga des unbewaffneten um und zog mit Zymbeln des Tanzes und dem süßen Tone der Flöte auf den Boden, der nur das Klirren der Honorare und die Spitze der Feder kennt. Hier ward Rat gehalten und der Geist der alten Propheten heraufbeschworen, um die Könige — der Geist der Lüge gebeten, um die Völker zu narren. Lodernd schlug die Flamme hinter den Kulissen auf und beleuchtete den Ort, von wo die unbekannte Göttin den Gott des Christentums vertilgen und die Sklaverei der Geister, die Freiheit des Fleisches, in Kauf gegeben werden sollte. -Die Buden wurden aufgeschlagen und Worte des Ernstes wurden in den Honig getaucht, dem Israel schon in alten Tagen so manchen leichten Sieg verdankte. Keck , durfte man sich anschicken, als Märtyrer der Gegenwart zu sterben, wußte man ja doch die Stunde,, wo die Lampe erlöschen und der Schauspieler bei Wein und Bier den Triumph eines gut gespielten Todes feiern könnte, War nur die Kasse gefüllt und das Gift mit Beifall ausgegeben, so kam die Polizei zu spät und man hatte Zeit genug, in dem Reichtum der Garderobe unsichtbar zu werden. . . Eine feindselige Sage aus dunkler Zeit erzählt, die Brunnen seien' vergiftet durch Juden, und Tausende derselben gefallen als Opfer der Rache des Volkes. Die Lüge sollte wahr werden: eine keimende Nationalität heute bedroht von den Stürmen-einer bewegten Zeit .. . . diese Nationalität zu vergiften, das Höchste, das Erhabenste, das allen Parteien imponiert, einer ausgenommen, der orientalischen, heißt die Quelle vergiften, die Quelle, aus der die Väter, um Helden zu erziehen, aus der die Mütter schöpfen, um Zucht und Ehre ihrer Kinder zu bewahren, aus der das Land die heiligen Gefäße füllt, um seine Verteidiger zu befriedigen, die Quelle alles Schönen und Heilsarnen im Leben, Kunst und Literatur, vernichtet durch das treulose Faksimile der Historionen, die mit wahnsinnigem Frevel ihren einzigen Schutz, das Christentum der Liebe, die treueste Bürgschaft ihrer vertrauensvollen Aufnahme in den Schoß der bürgerlichen Gesellschaft, in das oft verratene Asyl ihrer'Existenz zu zerstören bereit und willig sind." Die andere feindselige Aeußerung findet sich in der Schrift von N. I. Stephany: „Die neue romantische Schule und ihre Repräsentanten", einer Schmähschrift gegen Heine und Börne, aus der nur eine Stelle mitgeteilt werden soll, die genügt, um die ganze Schrift zu charakterisieren. „Ludwig Börne ist in Frankfurt änr Main geboren 1784. Er studierte anfänglich zu Berlin und Halle Medizin, sprang aber, weil dabei es zu viel Positives zu lernen gibt, wieder ab und ging'1807 zur Staatswissenschaft über; er hoffte bei der neuen politischen Veränderung des südlichen Deutschlands durch die Franzosen als Staatsmann angestellt 311 werden. Vielleicht wollte er auch im Trüben fischen. Börne war ein Jude und hieß eigentlich Baruch; spater ließ er sich taufen, warum? Sogleich nach der Taufe'zieht er gegen die christliche Religion zu Felde. Vorher hatte' der Jude wirklich das Glück, durch französische Vermittelung bei der Polizei in Frankfurt angestellt zu werden. Börne will die Staätswissenschafien in Heidelberg und Gießen studiert haben und kam doch nur zur Polizei! Zur Polizei ein junger vierundzwänzigjähriger'Mann! Man bedenke dies vorerst recht genau. Als hernach 1813 die Franzosen aus Deutschland verjagt wurden, trieb inan auch alle 'ihre Beamten aus ihren Pfründen, weil man im deutschen Herzen keine Verräter, keine französischen Schergen dulden mochte. Der Jude Baruch, item der nachher getaufte Börne, mußte seine Stelle aufgeben; der dreißigjährige Mann erhielt für seinen Schergendienst ein Ruhegehalt. Ein Mann von 30 Jahren in Ruhe gesetzt! Armer Baruch, was solltest Dil nun beginnen? Was hatte es Dir geholfen, mein Baruch aus Frankfurt, 18 Monate lang inr Studentenverzeichnisse zweier Universitäten als Studiosus der Staatswissenschaften gestanden zu haben? Ich bedaure dich, armseliger Baruch, daß deine Polizeidienste, die du der französischen Usurpation geleistet, mit nichts anderem belohnt wurden als damit, daß man dich im 30. Jahre deines Lebens in den Ruhestand versetzte. O über den derben Patriotismus der Deutschen, der so tapfer zuschlug und die Franken aus Deutschland hinausprügelte und dir deine Polizeistelle nebenbei auch zerschlug. Du warst, wie alle deutschen Franzosen, nach der großen Katastrophe in eine verzweifelte Lage gefallen, wo du weder aus noch ein wußtest. Aber halt! Hier ist noch ein Mittelchen für den hoffnungslosen Baruch: die Taufe; andere Mienen wurden dem israelitischen Kopf angeleimt, das Judengesicht wird abgewaschen und gereinigt und aus dem beschnittenen Juden Baruch wird der getaufte Jude Börne. Daneben wurde geschriftstellert, Zeitungen herausgegeben, ein großes grobes Wort geführt und im Stillen etwas Demagogie getrieben.- So glaubte Börne sich bemerkbar zu machen und die Aufmerksamkeit irgendeiner Regierung auf sich zu lenken, damit sie ihm Amt und Sold gebe. Baruch, du wartest eins, zwei, drei, vier, sechs, acht Jahr und keine Vokation gelangte an dich, als die Zitation zu einer peinlichen Untersuchung. Da riß deine Geduld auseinander und du gossest deine Galle aus über die Deutschen, über die Regierungen und Fürsten, über alles, worauf du spekuliert hattest, und was deinen Hunger nach Brot und Ruhm stillen sollte, aber' nicht stillte, weil man in Deutschland keinen Franzosens am allerwenigsten bei der Polizei, anstellen will." Trotz solcher Schmähungen ist der Vorwurf, an den sogenannten Verbrechen des jungen Deutschland seien die Juden schuld, und der fernere, unter den gefährlichen jungen Literaten befänden sich einige jüdischer Abkunft, falsch. Denn es ist geschichtlich völlig unwahr, daß die heftigen Angriffe gegen Christentum und Sittlichkeit durch Schriften jüdischer Autoren hervorgerusen wurden. Die politischen Ansichten der jungen Männer haben gewiß Ähnlichkeit mit denen Börnes; aber einerseits muß man betonen, daß die Ansichtender Jungdeutschen, ebenso wie die Börnes, auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, nämlich auf den durch die französische Revolution erregten Liberalismus in ganz Deutschland, und andererseits darf man nicht verkennen, daß außer Börnewenn man ihn nun einmal als Juden charakterisieren will, und unabhängig von ihm, Schriftsteller, unter denen sich selbst Wolfgang Menzel befand, fast alle Schattierungen ähnlicher liberalen Ideen zeigten. Und brauchte man wirklich Heine, um unsittlich zu empfinden und unsaubere Verhältnisse zu glorifizieren? Gewiß nicht. An derartiger Literatur war in Deutschland nie ein Mangel gewesen, man denke nur an die unzüchtigen Schriften von Julius von Voß, einem der schlimmsten Judenfeinde; wollten die Jungdeutschen aber eine Quelle für ihre Anschauungen, so lag sie viel bereiter, weil schon in Romanform ausgedrückt, in den Erzählungen von George Sand, als in den lyrischen Gedichten Heines. Freie Anschauungen über das Christentum, besonders ein gewisses demagogisches Auftreten gegen die Göttlichkeit Christi, hatte man nicht nötig, bei Börne und Heine zu lernen, das fand man in gewünschter Stärke besonders in den Schriften von D. F. Strauß, die gerade damals einen außerordentlichen Eindruck auf die deutsche Lesewelt hervorriefen. Man kann also positiv behaupten, daß die Anschauungen der sogenannten Jungdeutschen in bezug auf Politik, Sittlichkeit und Christentum gar. nicht durch Börne und Heine, sondern durch die großen Zeitereignisse und andere damals wirksame Schriftsteller hervorgerufen worden sind. Noch leichter als die Entkräftung des Vorwurfs, das junge Deutschland sei durch jüdischen Einfluß hervorgerufen worden.