Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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283 Gustav Kühne, Ernst Ortlepp, hatten in ihren verschiedenen Schriften mindestens ebenso Anstößiges geäußert, wie die Verfehmten, und da einer von ihnen, Ortlepp, das Mißtrauen der Preußischen Zensoren erregt hatte, so war es wirklich nur einem günstigen Zufall zuzuschreiben, daß der letztgenannte und seine Gefährten nicht auf die Proskriptionsliste gesetzt worden waren. Ist das Uebergehen von fünf Mitschuldigen nur verwunderlich, so ist es entschieden falsch, bei den Vertretern des „jungen Deutschlands" — das Wort wird wahrscheinlich von Gutzkow zuerst gebraucht, dann aber auch von einigen anderen der Obengenannten — von einer geschlossenen Gesellschaft oder von einem Vereine zu reden. Denn eine Gemeinsamkeit in den Tendenzen läßt sich ebensowenig Nachweisen, wie eme persönlich enge Verbindung. Die politische Tendenz ist eigentlich nur bei Laube stärker ausgeprägt; Mundt eifert gegen den Katholizismus, Gutzkow gegen Religion überhaupt; Wienbarg vermeidet meist von Politik und Religion zu reden; fast bei allen kommt nur ein eifervolles Auftreten gegen einzelne sittliche Vorschriften vor, gegen die Ehe und gegen die unterdrückte Stellung der Frau. Ebensowenig läßt sich eine persönliche Intimität der Mitglieder dieses Kreises erweisen. Nur wenige Wochen lebten Wienbarg und Gutzkow zusammen, der erstere stand den beiden klebrigen vollkommen fern; Mundt stand gleichfalls für sich ziemlich allein, und zwischen Laube und Gutzkow herrschte von vornherein eine Spannung, ein Eifersuchtsgefühl, das gar nicht lange Zeit brauchte, um sich zu entladen und erst viele Jahrzehnte später sich in ein kühles kameradschaftliches Verhältnis verwandelte. Diese vier Genossen, die also weder persönlich noch innerlich als Mitglieder eines Bundes betrachtet werden können, wurden durch eine Ironie der Geschichte zu Mitgliedern eines Bundes gestempelt und durch ein Verdammungsurteil in Bann und Acht erklärt. Dies geschah infolge einer Rezension, die Wolfgang Menzel in seinem Literaturblatt über Gutzkows „Wally" veröffentlichte. Menzel entwickelte sich zu einem grimmen Judenfeind; trotzdem hatte er ursprünglich das Verlangen -der Juden nach Emanzipation begünstigt und unterstützt, ja eine Zeitlang Börne und Heine auf den Schild gehoben, da er mit dem ersteren in politischem Liberalismus, mit letzterem in der Herabsetzung Goethes sympathisierte. Aber schon ehe Börne den Stuttgarter Literaten als „Franzosenfresser" vor aller Welt bloßgestellt und Heine ihn als „Denunzianten" gebrandmarkt hatte, hatte er in beiden den Juden erkannt und sich von ihnen abgewendet. Schon 1835 sprach er, wie später in seinen allerdings erst 1877 erschienenen Erinnerungen, von den „Juden" Heine und Börne, gab letzterem schuld, die Deutschen zu verhöhnen, die Franzosen zu erheben und verdächtigte den ersteren, daß er die neue Parole „Emanzipation des Fleisches" ausgegeben habe. Am 26. Oktober 1835, in einer Beurteilung von Wienbargs ästhetischen Feldzügen, schrieb er den Satz nieder: „Ich möchte wohl wissen, was sich die Judenschaft bei der etwas delikaten Frage ihrer Emanzipation von solchen literarischen Lakaien für Vorteile verspricht, da man überall hören muß, das sogenannte junge Deutschland sei eigentlich ein junges Palästina, und da von der öffentlichen Meinung alles Widerliche, was in der grenzenlosen Zudringlichkeit, in der Franzosensucht, in dem tückisch-ohnmächtigen Deutschen-und Christenhaß der neuen Frankfurter (Anspielung auf die von Gutzkow und Wienbarg beabsichtigte neue Zeitschrift „Deutsche Revue", die in Frankfurt herauskommen sollte) Propaganda liegt, bereits allgemein dem Judaismus zur Last gelegt wird." In seiner verhängnisvollen Rezension der „Wally" ging er auf die Genannten nicht ausführlich ein, stellte die vier von ihm zu einer Koterie vereinigten Schriftsteller nicht als Juden dar, machte es aber anderen leicht, ein jüdisches Element in ihnen zu erblicken, dadurch, daß er als ihre gemeinsame Tendenz die antichristliche bezeichnete. Gewiß hat diese Rezension die Verfolgung gegen das „junge Deutschland" hervorgerufen. Mag Menzel selbst seine Besprechung an den allgewaltigen Kanzler Metternich geschickt haben, oder was wahrscheinlicher ist, mag der in österreichischen Diensten stehende Hofrat Jarcke diesen Liebesdienst übernommen haben, — sicher ist, daß die Zusammenstellung Heines mit den vier jungdeutschen Schriftstellern Metternichs eigenstes Werk ist und daß auch aus der österreichischen Kanzlei der Vorwurf stammt, daß die Jüngdeutschen — Juden feien. Während es noch in dem sogenannten Präsidialvortrag an den Bundesrat nur hieß, daß die antichristliche Literatur zu bekämpfen sei, wurde in den vertraulichen Schreiben, die von Wien aus an die einzelnen Regierungen gesendet wurden, um diese für den österreichischen Antrag gefügig zu machen, das Judentum der Angeschuldigten betont. So hieß es z. B. in dem Schreiben an die württembergische Regierung (2. Dezember 1835), „daß es sich eine Anzahl junger, unmoralischer Literaten, teilweise von jüdischer Abkunft, zum Ziel gesetzt hätte, im Wege des Romans und der leichten Lektüre auf die Menge zu wirken, in ihr jeden positiven Glauben, insbesondere jenen an das Christentum, zu untergraben." Diese Anklage ist seitdem häufig nachgesprochen worden. Um nur von den Zeitgenossen zu sprechen, mag darauf hingewiesen werden, daß in einem der zahlreichen Pamphlete den Jungdeutschen der Vorwurf gemacht wurde, sie besäßen „das desorganisierende Talent, den ätzenden und fressenden Verstand, welchen Leo als charakteristisches Merkmal des Judentums bezeichnet." Besonders wichtig sind jedoch zwei Aeußerungen» die diesen Vorwurf weiter ausführten. Die eine findet sich in der Schrift voll Paul Pfitzer: „Die Jeune Allemagne in Deutschland"'), und lautet so: „Nein, es sollten die Juden Menschen sein, denen Pflicht und Humanität das Bürgerrecht erworben» denen eine durch die bittersten Schicksale gestählte Ausdauer, ein durch zahlreiche Kämpfe raffinierter Scharfsinn, eine lauernde Gewandtheit und ein tausendfarbiges Talent alles möglich gemacht, nur das nicht, was ihnen eine schwer errungene Emanzipation auferlegt: sich zu entnationalisieren, das nicht mehr zu sein, was ihre Geschichte, ihre Religion, ihre innerste Natur, ihre Zukunft erfordert — Juden. Ihr hervorspringender Charakter, erklärbar durch die Verfolgungen, die wir an ihnen verschuldet, ist verneinend, und darum treibt sie eine unwiderstehliche Neigung in die Arme des Volks, dem Deutschland seine Jrrtümer, dem es seine Täuschungen verdankt. Franzosen und Juden schüren das unheilige Feuer, das unsere besten Säfte auszehrt, das stille Erbteil unserer inneren Nationalität, ein reines Gemüt, vergiften und jenen ätzenden Verstand zum alleinigen Richter unserer Gedanken machen soll, den Gott schon in der Urwelt verworfen als die Schlange, die sich um unser Gewissen ringelt. Im Besitz großer Mittel, die ihnen ein dämonisches Wittern edler Metalle, die ihnen jüngsthin die Zaubergabeverliehen, aus Papieren Gold zu schaffen, rekurriert der Jsraelite im klaren Bewußtsein nur dem Namen nach das Wesen einer anderen als seiner Nationalität in sich aufzunehmen zu dem Prinzip der Eroberung, nicht durch das Eisen, das nur ganze Männer begeistert, sondern einer Eroberung durch die Kontrebande, h Ein kleiner Teil der nachfolgenden Stelle ist bei Strodtmann, Heine II, 169, gedruckt. Die Schrift, heute recht selten geworden, erschien den österreichischen „Konfidenten" in Deutschland so wichtig, daß sie sie nach Wien sandten. Ein Exemplar davon fand ich in dem k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien.