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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-06-15 · Heft 24 (15.6.1906) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 24 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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- 282 - 12), die äußerliche Seite herauszukehren verstanden?) Dies beweist, wie wenig er die Reinheit, Tiefe und Entwicklungsfähigkeit dieses alten mosaischen Satzes geahnt hat, wie er denn auch nirgends versucht hat, aus ihm konkrete Folgerungen zu ziehen. Ja, Jesus scheint das Alte Testament ungenau gekannt zu haben; denn er ist der Meinung, es stände in demselben das Gebot des Feindeshasses, was durchaus unrichtig ist. Im Gegenteil verbietet auch Moses die Rachsucht (3. Mos. 19, 18) und schreibt vor, auch den Bruder nicht zu hassen, welchen man Veranlassung hat zu strafen. Ferner heißt es (2. Mos. 23, 9): „Ten Fremdling sollt ihr nicht unterdrücken, denn ihr wisset, wie dem Fremdling zu Mute ist, da ihr Fremdlinge gewesen seid im Lande Aegypten." „Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten" (5. Mos. 10, 19). „Wenn du deines Feindes Ochsen oder Esel begegnest, daß er irret, sollst du ihm denselben wieder zuführen. Wenn du den Esel deines Hassers unter seiner Last erliegen siehst, hüte dich, laß ihn nicht, sondern versäumegern das deine um seinetwegen" (2. Mos. 23, 4—5). „Hungert deinem Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser; denn du wirst Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird -diNs vergelten (Spr. 25, 21). Es ist ganz unverständlich, ruft Hartmann aus, wie Jesus zu dieser unrichtigen Voraussetzung gekommen ist, da der Talmud gerade diejenige Auffassung des Alten Testaments hat, die Jesus an Stelle seiner irrtümlichen setzen will. „Sei dn der Gefluchte, nicht der Flucher" (Sanhedrin 49 a). „Gehöre lieber zu den Verfolgten, aber niemals zu den Verfolgern" (Baba Kamma 93 a). „Derjenige, der die ihm zugefügte Kränkung vergibt, dem vergibt auch Gott die Sünde" (Rosch Haschanah 17 a). „Wer nicht verfolgt, die da ihn verfolgen, wer eine Kränkung still hinnimmt, wer Gutes tut aus Liebe, wer getrost ist. in seinem Leid — diese sind Gottes Freunde, und von ihnen sagt die Schrift: Und sie werden leuchten gleich der Sonne in ihrer Stärke" (Joma 23a). Schon hieraus kann man ersehen, wie hoch die Feindesliebe vom Talmud gepriesen wird. Jesus aber ist diese Liebe, wie Moses und das jüdische Schrifttum sie gelehrt, nicht genug; er übertreibt sie und entstellt sie dadurch. Diese Uebertreibung, die Entbehrung des Gefühls für das Maß, macht sich auch bei anderen ethischen Lehren geltend. Die Juden und das junge Deutschland. Von Prof. Ludwig Geiger. I. ie Juden sind in Deutschland in Zeiten schwerer Ereignisse von ihren Gegnern oft verantwortlich gemacht worden für nationales Unglück. Von den Tagen des Schwarzen Todes bis zu dem sieghaften Auftreten der Sozialdemokratie hat es nicht an Leuten gefehlt, welche in den Juden die eigentlichen Schuldigen sahen und gleichviel, ob während jener furchtbaren Krankheit wenige Juden an der unheilvollen Seuche starben, oder ob in unseren Tagen viele Juden Mitglieder der Arbeiterpartei sind, dort galten sie als wirkliche, hier als geistige Brunnenvergifter, sie sollten in beiden Fällen die Krankheit ins Land gebracht oder verbreitet haben. Und wie h Vgl. damit den Spruch Hillels in negativer Fassung, der sicher Jesn bekannt war. „Was du nicht willst, daß ma» dir tu, das füge auch keinem anderen zu;" das ist die ganze Thora, alles andere ist Erklärung (Sabbat 31a). sie gegenwärtig in Rußland für Biele die eigentlichen Anstifter der Revolution sind, .so sollten sie auch 1848 Urheber und Hauptteilnehmer der Erhebung gewesen sein. Gewiß sind die meisten dieser Vorwürfe völlig unbegründet. Um von dem Brunnenmärchen zu schweigen, das ein ebensolches Märchen wie das des Ritualmordes ist, nur leider beide allzu blutig für die Angeschuldigten, so hat man leichte Mühe, die Urheberschaft der Revolution wenigstens in Deutschland von den Schultern der Juden abzuwälzen. Die Wurzeln der Sozialdemokratie — mögen unter den Führern und Genossen dieser Partei auch noch so viele Juden seien — liegen in ökonomischen Gründen, in dem Arbeiterelend, das doch gerade, vielleicht kann man sagen dank der Gesetzgebung, in den Reihen der Juden weniger zu finden ist. Die Revolutionen aber, mögen sie auch gelegentlich eine Verbesserung in. der Lage der Juden zur Folge gehabt haben, sind in ihren Begleiterscheinungen: Plünderung und Beraubung, ja Tötung, den Juden aller Zeiten und Länder, wenn man etwa die große französische Revolution ausnimmt, stets so verhängnisvoll gewesen, daß es völlig sinnlos ist, den Juden Schuld an ihrer Entstehung zuzuschieben. Seltener als die Beschuldigung, politische Umwälzungen hervorgerufen zu haben, ist die, schädliche geistige Neuerungen erzeugt und unterstützt zu haben. Zwar hat es am Anfang des 19. Jahrhunderts, als die französischen Revolutionsideen nach Deutschland drangen, nicht an Schergen gefehlt, welche die Juden an den Pranger zu stellen bereit waren, als Söldlinge Frankreichs und als Vermittler der Freiheitsidee. Sonst aber wgr man bei Neuerungen auf geistigem Gebiete eher bereit, den Juden jeden Anteil abzusprechen, um jene Bewegung als echt national hinzustellen, als daß man darein gewilligt ( hätte, die, die man als Fremde betrachtete, als hervorragend beteiligt bei der Entstehung deutscher Geistesbewegungen zu erklären. Eine Ausnahme hiervon macht nur das sogenannte junge Deutschland. Unter diesen Worten versteht man eine Anzahl junger Männer, die am Anfang des vierten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts von 1832 bis 35 eine Reihe von Schriften veröffentlichten, die den Unwillen der Machthaber hervorriefen. Die jungen Männer wurden beschuldigt, die herrschenden Anschauungen über Sittlichkeit, Politik, Religion verspottet und angegriffen zu haben, und nachdem ihre einzelnen Schriften konfisziert worden waren, wurden sie selbst durch ein heftiges Urteil des deutschen Bundestags, dem ein heftigeres und wirksameres Preußens vorangegangen war, verdammt. Es waren Karl Gutzkow, wegen seines Romans „Wally" und wegen seiner Vorrede zu Schleiermachers vertrauten Briefen über die „Lucinde"; Heinrich Laube, besonders wegen seines Romans „Das junge Europa"; Ludolf Wienbarg, wegen seiner „ästhetischen Feldzüge"; Theodor Mundt, wegen seines Romans „Madonna, Unterhaltungen mit einer Heiligen". Soviel wird man heute den strengen Zionswächteru wohl zugeben dürfen, daß die jugendlichen Schriftsteller — der älteste unter ihnen war noch nicht 30 Jahre — sich in den erwähnten und anderen Schriften ziemlich frei ausdrückten; dagegen wird mau einen Umstand verwunderlich finden und einen anderen energisch bestreiten müssen. Verwunderlich war, daß nur die genannten vier Jünglinge hervorgehoben wurden. Denn es gab damals in Deutschland eine große Anzahl von Schriftstellern, die in ihren Gedichten, Dramen, Romanen, Aufsätzen, Geschichtswerken, mindestens ebenso gefrevelt hatten, als die Genannten. Ueberblickt man die literarische Bewegung jener Zeit, so wird man sagen ► müssen, Männer wie Georg Büchner, Kottenkamp, Eduard Duller

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