Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
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-- 281 - stimnmng mit der prophetischen Lehre befindet, weiß jedes Zchulkind. Allerdings verwirft er als mindestens nutzlos jene schweren und unerträglichen Zusätze, mit denen Menschensatzung das-göttliche Gesetz verunstaltet hat. Aber auch hier stimmt er mit der talmudischen Lehre überein. „Die Thora ist den Menschen gegeben worden, nicht den Engeln." Sie soll nicht zur Last, zur Bürde für den Menschen werden. Nur ein einziges Mal bildet Jesus sich ein, dem Alten Testament widersprechen zu müssen (Matth. 5, 43). Dort heißt eS: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist, du sollst deinen Nächsten lieben nnd deinen Feind hassen. Ich aber sage euch, liebet eure Feinde usw." Doch dies beruht bekanntlich auf einem Irrtum; denn das Gebot des Feindeshasses, welches er aufheben will, ist im Alten Testament wie überhaupt im ganzen jüdischen Schrifttum nirgends zu finden. Das einzig Neue, was Jesus damals gebracht hat, ist die Erfüllung der Prophetie oder die Krönung des Gebäudes des Judentums durch die frohe Botschaft von der Nähe des jüdischen Gottesreiches. Diese jedoch erwies sich als falsch. Wem aber will Jesus sein Evangelium bringen? Nicht der ganzen Welt, sondern nur seinem Volke, ja nicht einmal dem ganzen Volke Israel in seiner Gesamtheit, sondern nur den Armen, Elenden, Mühseligen und Beladenen, den Ungebildeten, Unwürdigen und Sündern. Die Reichen sind schon durch ihren Reichtum Verdammte und werden erst durch Entäußerung ihres Reichtums fähig, das Evangelium zu empfangen. Ebenso wie den Reichtum haßt Jesus die Weisheit und Gelehrsamkeit. Doch da letztere bei dem gemeinen Juden damals wie heute in fast abgöttischer Verehrung gestanden, richtet er seine Gegnerschaft gewöhnlich nicht gegen die Sache der Weisheit und Gelehrsamkeit, sondern gegen die Personen, die Schriftgelehrten (Pharisäer). Wie werden dagegen im Talmud Weisheit und Gelehrsamkeit geschätzt? Mit Recht macht Hartmann auf folgende Talmudsätze aufmerksam: „Ein Gelehrter ist größer als ein Prophet" (Baha bathra 12a), „Verehre deinen Lehrer mehr als deinen Vater selbst" (Megilla 17 a), „Im Studium der Thora liegt die höchste Tugend" (Peah, Abschnitt 1), „Ehret die Söhne der Armen, von ihnen geht die Wissenschaft aus" (Nedarim 81a). Es sei mir gestattet, diesen charakteristischen Aussprüchen noch einige hinzuzufügen. „Erkenntnis ist so groß, daß sie im Gebet unsere erste Bitte ist; sie steht zwischen zwei Namen Gottes, weil sie von Gott kommt und zu Gott führt" (Berachoth 33 a). „Der Hauch der Schüler ist der Atemzug der sittlichen Welt" (Sabbat 119b). „Eine Stadt, welche keine Schulen erhält, muß zerstört werden" (daselbst). „Der Jugendunterricht darf nicht gestört werden, nicht einmal lim das Heiligtum aufzubauen" (daselbst). „Wisienschast fördert den Frieden in der Welt" (daselbst). „Nur der ist arm zu nennen, welcher arm ist an Wissen. Wer Einsicht hat, der hat alles" (Nedarim 41 a). Recht augenfällig ist der Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Anschauung auch in bezug auf das Dogma der jenseitigen Vergeltung. Das Evangelium kennt neben ewigem Lohn auch eine ewige Strafe; „die Böcke schickt er in die ewige Pein" (Matth. 25, 46). Der Talmud kennt keine ewige Strafet) Ja, nach ihm sühnt der Tod jede Schuld. (Joma 86a.) ') Ueberhaupt ist der Talmud in. bezug auf die Strafen des Jenseits wie des Diesseits viel humaner als das Christentum. Nach dem Evangelium soll das ewige Leben der Kinder Gottes im neuen Jerusalem auf der neuen Erde damit ausgefüllt werden, daß sie mit Abraham, Isaak, Jakob, den Propheten, Jesus und seinen Jüngern ein ewiges Gastmahl feiern (Luk. 13, 28—29, Matth. 8, 11), wobei sie auf guten Stühlen sitzen und sich Essen und Trinken schmecken lassen. (Luk. 22, 29-30). Im Talmud dagegen heißt es: „In der künftigen Welt gibt es kein Essen und Trinken, keinen Haß lind Neid, sondern die Frommen genießen mit Kronen auf ihren Häuptern die Majestät Gottes" (Berachoth 17 a). Der Talmud betrachtet das zukünftige Leben als den höchsten Genuß des Daseins in der reinsten Schau des Göttlichen?) Nach der Lehre Jesu ist das ewige Leben als ewiger Stillstand zu betrachten, im Talmud aber als ewige Fortentwicklung. Bemerkenswert ist hier ein Ausspruch des Rabbi Chija bar Aschi, welcher unserer ganzen modernen Denkweise von einer stetigen und unendlichen Entwicklung alles Seienden ungleich näher steht. Rabbi Chija bar Aschi sagte im Namen von Rab: „Die Weisen haben keine Rast weder in dieser, noch in der künftigen Welt," denn so heißt es (Ps. 84, 8): „sie gehen von einem Heer zum andern." Oder besser wie Mendelssohn übersetzt: „sie gehen von Kraft zu Kraft" (Berachoth 64). Also schon die Talmudlehrer erhoben sich aus der populären Anschauung, als sei ewige Wonne- und Freudenfülle der wesentliche Bestandteil des jenseitigen Lebens. Sie betrachteten dieses nicht als einen bloßen Zustand der Ruhe, sondern des Fortfchritts ins Unbegrenzte. Feinsinnig bemerkt Lazarus in seiner Ethik des Judentums: „Die unendliche Strebsamkeit, welche mit der unendlichen Fähigkeit, immer höhere Stufen der Betätigung zu erreichen, verbunden wäre, ist eine weit edlere Vorstellung von einem ewig dauernden künftigen Leben, als alle Bilder eines wenn auch noch so geläuterten und erhöhten Genießens." Wir gehen nun von der dogmatischen zur praktischen Lehre Jesu, zu seinen ethischen Grundsätzen über. Mit der Aufstellung der zwei höchsten Gebote (Luk. 10, 25—28, Mark. 12, 28—34) hat Jesus keineswegs einen originellen Gedanken produziert, sondern nur eine damals schon gang und gäbe Idee adoptiert. Die Gebote sind: 1. (5. Mos. 6, 4—5) „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Herr und du sollst den Herrn deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Vermögen." 2. (3. Mos. 19, 18) „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Mit Recht macht Hartmann darauf aufmerksam, daß die prinzipielle Wichtigkeit dieses Gebotes schon durch die Stellung angedeutet wird, die es als Schluß einer Steigerung einnimmt, in welcher befohlen wird, dem Nächsten nicht Unrecht zu tun, ihn nicht falsch zu richten, ihn nicht zu verleumden, nicht zu hassen noch rachsüchtig zu sein, sondern ihn zu lieben wie sich selbst. Man würde aber auch sehr iin Irrtum sein, wenn inan die ethischen Prinzipien Jesu als innerliche den äußerlichen deS Mosaismus entgegenstellen wollte. Im vornehmsten Gebot hat das Alte Testament die Innerlichkeit durch die Worte „von ganzem Herzen und von ganzer Seele" stark genug betont, und in betreff des zweiten hat Jesus selbst durch die Fassung: „Alles was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut ihr ihnen, das ist das Gesetz und die Propheten" (Matth. 7, h Schon in den Psalmen wird das Schauen und Erkennen Gottes im Jenseits als dessen Inhalt ausgesprochen.