Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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' ' —- 280 ——^ ^/ ---^-^7 - daß das Ministerium Ln den letzten Tagen an die Gouverneure und sonstigen Chefs der politischen Verwaltung ein Rundschreiben hat ergehen lassen, nicht mehr zu dulden, daß in der offiziellen und halboffi" ziellen Provinzialpresse Aufforderungen zu Gewalttaten gegen irgendwelche politische Partei oder gegen irgendeinen nichtrussischen Voltsstamm veröffentlicht werden. Wie reimt sich das zusammen? Ja, in Rußland geht eben alles drüber und drunter, hier heißt es: Ordre—contreordre—desordre. Außerdem ist das Gerücht verbreitet, die Regierung befände sich in neuen Geldnöten und beabsichtige, im Auslände eine Anleihe von nicht weniger als 1200 Millionen Rubel aufzunehmen. Die Reise Wittes nach dem Auslande wird damit in Verbindung gebracht. Aus diesem Grunde mag man jetzt in Petersburg neue große Judenmetzeleien für „unzeitgemäß" halten. Es muß aber der Wahrheit gemäß auch festgestellt werden, daß ein großer Teil der zunehmenden Armut und der Arbeitslosigkeit in der „Tscherta" aus die unsinnigen Streiks zurückzuführen ist, welche das jüdische organisierte Proletariat unablässig inszeniert. Dadurch sind vor allem in Polen und in Litauen viele Fabriken geschlossen worden, wo früher hunderttausende Juden ihr Brot fanden. Außerdem sind durch diese Lohnbewegung die jüdischen Handwerker ruiniert. Die Führer des jüdischen Proletariats hatten den Ehrgeiz, ihren christlichen Genossen zu zeigen, daß sie unter ihren Volksgenossen mehr durchsetzen können, als jene unter den christlichen Arbeitern. In der Praxis entwickelten sich die Dinge nun so, daß die jüdischen Handwerker den achtstündigen Arbeitstag und Lohnerhöhung bewilligen mußten, was die christlichen Handwerker nicht taten. Dadurch können sie mit den anderen gar nicht konkurrieren- Sie ziehen nun vor, einfach auszuwandern, und ein Heer von Gesellen, die nicht einmal die Mittel zur Emigration haben, liegt auf dem Pflaster. Wollte sich ein jüdischer Handwerker diesem Treiben widersetzen, so erging es ihm sehr schlecht, und er mochte noch von Glück sagen, wenn er mit einer öffentlichen Abbitte davonkam. In dem Organ des „Bund", in der „Volkszeitung", ist eine besondere Rubrik für solche „Abbitten" eingerichtet, die geradezu widerwärtig sind. Und nicht nur die Handwerker, auch die jüdischen Kaufleute, d. h. die Ladeninhaber, werden dadurch geschädigt, daß man ihnen einseitig den Achtuhrladenschluß aufdrängt, während christliche Geschäfte offen bleiben. Daß die jüdische Kaufleute dadurch ihre Kunden verlieren, darum kümmern sich die jugendlichen Weltver besserer nicht im mindesten. All diese Umstände führen dahin, die° kleinbürgerlichen Existenzen unter den Juden zu vernichten. Die arbeitslos gewordenen jüdischen Arbeiter finden aber in christlichen Werkstätten und Fabriken keine Beschäftigung. Ebenso jüdische Kommis in christlichen Läden. So sieht es leider in Rußland aus. Lduard von tzartmami und das Christentum des Neuen Teltsments. Von Rabbiner Dr. Grabowski-Barmen. I. s erscheint gegenwärtig eine Reihe religionsgeschichtlicher Volksbücher. Sie sind von ersten Kräften geschrieben, geschickt und sorgfältig zusannnengestellt. In diesen Schriften, die sicher auch von vielen unserer Glaubensgenossen gelesen werden, ist die Minderwertigkeit der jüdischen Weltanschauung geradezu zum Dogma erhoben. Teilweise halten sie es für notwendiger, sich mit dem Buddhismus und der Mithra-Religion auseinander zu setzen, als mit dem Judentum. Man sieht, wohin der Weg führt: Es soll die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums überhaupt geleugnet werden. Um so erfreulicher ist eine Schrift des eben verstorbenen Eduard von Hartmann, die im vorigen Jahre unter dem Titel: „Das Christentum des Neuen Testaments" (Sachsa im Harz, Hermann Haacke, Verlagsbuchhandlung) erschienen ist. Dieses Werk hat eine originelle Vorgeschichte. Kurz vor dein Ausbruch des französischen Krieges erschienen: „Bri christliche Religion" von einem gewissen F. A. Müller, die aber damals keine Beachtung fanden. Dieser „Müller" war Eduard von Hartmann. Nach mehr als einem Menschenalter lüftet er jetzt den Schleier der Pseudonymität; und gründlich umgearbeitet, wirkt das Buch wie eine völlig neue Erscheinung. Nicht als Theologe tritt Hartmann an die geschichtliche Erscheinung des Christentums heran, sondern als freier historischer Forscher. Seit David Friedrich Strauß ist kaum so scharfsinnig, so kritisch kühl über das Christentum des Neuen Testaments geschrieben worden, wie in dem Hartmannschen Werk. Es ist nun Sache der christlichen Theologen, sich mit diesem philosophischen Kritiker auseinander zu setzen. Dies dürfte jedoch nicht so leicht sein. Denn Hartmann, der seinen Stoff beherrschte wie nur irgendein Theologe von Fach, ist nicht so leicht wissenschaftlich zu widerlegen. — Für uns Juden aber, die wir täglich lesen müssen von der ethischen Ueberlegenheit der christlichen Religion über die jüdische, die wir täglich die Verunglimpfung des jüdischen Gottesgedankens und der jüdischen Sittenlehre zu erdulden haben, für uns ist das Werk Hartmanns eine Genugtuung.') Der ganze Stoff wird bei Hartmann mit großem Geschick in drei Abschnitte zerlegt: Das Evangelium Jesu oder das Christentum Christi; das Evangelium des Paulus oder die Religion des Glaubens; das Evangelium des Johannes oder die Religion der Liebe. Der erste Abschnitt, der uns besonders angeht, zerfällt in zwei Teile: a) Die Persönlichkeit Jesu, b) Die Lehre Jesu. In der Zeichnung der Persönlichkeit Jesu tritt eine Schärfe und Unbefangenheit zutage, die auch uns zuweilen erschreckt. Nur um die Erforschung der Wahrheit ist es dem Philosophen zu tun. „Die Wahrheit macht frei!" ruft er in seinem Vorwort aus. „Die Wahrheit kann nicht schaden, sondern nützen." „Die Wahrheit ist sittlich, ehrwürdig, heilig, die Wahrheit führt die Menschen zum Ziele." Wir müffen es uns jedoch aus leicht ersichtlichen Gründen versagen, über den Teil des hervorragenden Werkes in dieser Zeitschrift zu referieren. Um so mehr Veranlassung aber haben wir, uns mit dem weiten Abschnitt, der Lehre Jesu, zu beschäftigen. Denn hier werden wir so recht den Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Weltanschauung erkennen. Das Wesen der Lehre Jesu, sagt Hartmann, darf am allerwenigsten in einer neuen religiösen Lehre oder theologischen Metaphysik gesucht werden, da er ja strenggläubiger Jude ist. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch sein Gott, und das Alte Testament gilt ihm wie jedem Juden als göttliche Offenbarung. Auch habeJesus nichteine neue Religion bringen wollen, da er vielmehr die jüdische für die einzig richtige und ewig wahre hält (Matth. 5, 18; Luk. 16, 17). Er kennt keinen Unterschied zwischen Ritual- und Moralgesetz; er und seine Jünger befolgen Heide, gleichmäßig als göttliche Gebote, und er verlangt nur, daß über der peinlichen Erfüllung unwichtigerer Dinge nicht die wichtigeren über den Opfern nicht die barmherzige Liebe vernachlässigt werde (Matth. 12, 7). Daß Jesus sich hier ganz in Ueberein- >) Um so mehr, als die Stellung Hartmanns zum Judentum durchaus nicht so objektiv war, wie man es von einem freisinnigen Philosophen hätte erwarten sollen. In. der Zeit deS hochgehenden Antisemitismus hat er in seiner Schrist: „DaS Judentum in Gegenwart und Zukunft" (Berlin 1882) zuerst das unheilvolle Schlagwort von Wirts- und Gastvölkern gebraucht. Später, als er die verhängnisvollen Folgen der Bewegung übersah, hat er allerdings entschiedener gegen dieselbe Stellung genommen. Die Red.