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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-08 · Heft 23 (8.7.1906) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 23 (8.7.1906)
Date
1906-07-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 glieder einzeichneten. Unter dem Vorsitz der oben genannten beiden Herren wurde hier ein Zweigverein gebildet, dem sich bereits etwa 80 Gemeindemitglieder angeschlossen haben. Gesterreich-Nngarn. Wien, 4. Juni. Um ein Haar hätten wir in dieser Woche einen antisemitischen Minister gehabt. Zum Glück hat die christlich-soziale Vereinigung des Abgeordnetenhauses jetzt beschlossen, sich an der Kabinettsbildung zurzeit nicht zu beteiligen und von jedem Ministerium rücksichtsloses Vorgehen gegenüber den Uebergriffen Ungarns zu verlangen. Vielleicht waren ihr die Trauben auch zu sauer. In jedem Falle entwickeln die Christlich - Sozialen und namentlich deren Presse jetzt übergroßen Eifer, um einen angeblichen tiefgehenden Gegensatz zwischen Krone und Thronfolger nachzuweisen. Sie führen eine überaus kühne Sprache gegen die Krone. Der christlich-soziale Abgeordnete Schneider sagte in einer öffentlichen Versammlung, daß nach den Vorkommnissen der letzten Zeit ein Wechsel in der Person des Monarchen Platz greifen müsse. Die Herren wittern eben bereits Morgenluft. — Vor einigen Tagen ward hier das Jubiläum der 50jährigen Künstlerschaft Adolf v. Sonnenthals begangen. Selbstverständlich nahmen die weitesten Kreise Anteil an dieser Künstlerfeier. Vom Kaiser erhielt er das Komturkrenz des Franz Josef-Ordens. Sonnenthals hohe Kunst hat man seit jeher vollauf gewürdigt; er trat hier in allen Phasen seiner reichen Entwicklung aus, als Held des modernen Gesellschaftsstücks, der durch die vollendete Form unsägliche Weichheit des Gefühls hindnrchwirken läßt, als tragischer Darsteller von edelster Durchbildung und Verinnerlichung. In den letzten Jahren war es vor allem der Lessingsche Nathan, durch dessen unvergleich innige Darstellung Sonnenthal überall die höchste Bewunderung erregte. Daß Sonnenthal auch ein guter und glaubenstreuer Jude ist, der bei jeder Gelegenheit für das Judentum entschieden eintritt, ehrt ihn und die Gemeinschaft, aus der er hervorgegangen. — Am 24. v. M. ist hier der ehemalige Reichsratsabgeordnete und pensionierte Sektionsches Eduard Ritter v. Gniewo sz im 84. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, der auch bis vor zwei Jahren Kurator und Vizepräsident der Baron Hirsch-Stiftung für Galizien war, hat außerordentlich viel für die Hebung des Kulturniveaus der jüdischen Bevölkerung in Galizien geleistet. Sein strenger Rechtssinn und seine aufrichtige Menschenliebe führten ihn zur entschiedenen Verurteilung und energischen Bekämpfung des Rassenhasses, und historisch ist das Wort, daß er bei Beratung des Gesetzes über die äußeren Verhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft den Antisemiten entgegenschleuderte, daß die Flagge, unter der sie kämpfen, nicht rein sei. Sein Andenken wird bei allen guten Menschen, besonders aber bei den armen galizischen Juden, denen er ein aufrichtiger Freund und stets hilfsbereiter Berater war, geehrt werden. — Der greise Gelehrte, Kaiserlicher Rat Salomon Buber-Lemberg veröffentlichte die erste Spenderliste der Raschi-Stiftung. Danach sind bis jetzt 16 613,89 Kronen eingelaufen. Es steht zu hoffen, daß die nächste Spenderliste von noch größerer Beteiligung zeugen wird, damit das verdienstliche Werk des unermüdlichen Forschers zu Ehren Raschis endlich ins Leben treten kann. — An den Meraner Rabbiner Herrn Dr. Tänzer, dem Verfasser der „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg", ist vom Statthalterei - Präsidium in Jnsbruck solgende Mitteilung gelangt: „Seine kaiserl. und königl. Apostolische Majestät haben mit allerhöchster Entschließung vom 1. Mai d. I. das von Euer Wohlgeboren verfaßte und behufs Unterbreitung an Allerhöchster Stelle in Vorlage gebrachte Werk: „Geschichte der Juden in Tirol in Vorarlberg, Teil I und II, die Geschichte der Juden in Hohenems und im übrigen Vorarlberg" der huldreichsten Annahme für die k. und k. Familien-Fideikommißbibliothek zu würdigen und anzuempfehlen geruht, daß Euer Wohlgeboren aus diesem Anlasse der Allerhöchste Dank bekannt zu geben sei." — Auf Grund der behördlich genehmigten Statuten hielt der Verband der Rabbiner Mährens und Schlesiens am 24. v. M. seine erste konstituierende Generalversammlung ab. Aus den Wahlen gingen als geschäftsführender Ausschuß hervor: Dr. Freimann- Holleschau, Präsident, Dr. Oppenheim-Olmütz, Vizepräsident, Dr. Tauber-Prerau, Kassierer, Dr. Reuch-Gaha, Schriftführer, Dr. Steiner- Bielitz, stellvertretender Schriftführer, ferner Dr. Groß-Lundenburg, Dr. Goldschmied-Proßnitz, Dr. Spira-M.-Ostrau, Dr. Rabbinowitsch- M.-Weißkirchen. Der Verband begegnet den Sympathien der Kultusgemeinden. Zum Ehrenpräsidenten wurde Landesrabbiner Dr. Plaezek gewählt. Budapest, 2. Juni. Die hiesige Israelitische Religionsgemeinde hat nunmehr ihrem vor Jahresfrist dahingeschiedenen Rabbiner Dr. M. Kayserling ein imposantes Grabdenkmal errichtet, welches jüngst in feierlicher Weise enthüllt wurde. Bei der Feier waren anwesend: Mitglieder des Vorstandes, des Ausschusses und des Repräsentantenkorpers der Gemeinde unter Führung des Kultuschefs Ludwig Adler, der Vorstand der Chewra Kadischa unter Führung des Präsidenten Jakob Boschan, der Tempel- und Synagogenvorstand, Abordnungen der Ofner, Altofner und Ujpester Jsraelitengemeinden, Deputationen des isr. Frauenvereins, die isr. Waisenknaben, die isr. Taubstummenzöglinge, die isr. Waisenmädchen, der „Konkordia-Verein", die Professoren der Rabbinerschule, die Oberrabbiner Dr. Samuel Kohn, Dr. Elias Adler, Dr. Arnold Kiß und Dr. Ludwig Venetianer, die Gemeinderabbiner Dr. Julius Fischer und Dr. Simon' Hevest u. a. Die Trauerfeier begann mit einem passenden Psalm, den Oberkantor Prof. Adolf Lazarus intonierte. Hierauf bestieg Rabbiner Dr. Simon Hevesi die vor dem Granitobelisk errichtete Trauerkanzel und hielt eine gehaltvolle Gedenkrede. Dr. Hevesi pries seinen verewigten Vorgänger als Großmeister der jüdischen Wissenschaft, dessen Ruf sogar übers Weltmeer gedrungen, als das Ideal eines jüdischen Seelsorgers und als den geistigen Lehrer und Vater der großen Pester Israeliten gemeinde, dessen Gedenken ein gesegnetes ist und bleiben wird für und für! . . . Professor Lazarus verrichtete hierauf das „El mole rachamim“-©efcßt, worauf der Vorsteher des großen Tempels, Herr Simon Glasz, ein 80jähriger Greis, der, da Kayserling ohne Hinterlassung eines Sohnes von hinnen geschieden, freiwillig während der üblichen Trauerzeit Kaddisch gesagt und dabei nicht ein einziges Mal den Gottesdienst versäumte, auch am Grabe Kayserlings das Kaddischgebet verrichtete. Nach ihm sprach ein taubstummer Knabe mit laut vernehmlicher Stimme den Kaddisch der Waisen, und ein taubstummes Mädchen verrichtete ein ergreifendes Gebet in ungarischer Sprache. Namens der Familie betrat nun der Schwiegersohn des großen Toten, Oberrabbiner Dr. Eduard Neumann, die Kanzel und würdigte in deutscher Sprache mit tiefempfundenen ergreifenden Worten den Unvergeßlichen als Mensch und Familienvater, dessen Ruhestätte seinen tieftrauernden Hinterbliebenen zum Altar geworden, auf welchem sie immerdar die Opfer der Liebe und der Pietät darbringen werden. Den Beschluß der Gedenkfeier bildete ein ergreifender Trauerchoral, worauf die Waisenknaben Kaddisch sagten. Das Grabdenkmal trägt auf der Vorderseite eine hebräische Aufschrist. Die Rückseite zeigt eine ungarische Aufschrift, die zu Deutsch also lautet: „Dem Andenken des hochverdienten Rabbiners und des Forschers der jüdischen Geschichte Dr. Mayer Kayserling, errichtet von der dankbaren Pester israelitischen Religionsgemeinde." Amerika. --- Newyork, im Mai. Das Newyorker Hilfskomitee für die russischen Juden hat sich am 7. d. M. in einem Schreiben an den Einwanderungskommissar in Washington, Herrn Frank P. Sargent, gewandt, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß die blutigen Vorgänge in Rußland im Oktober vorigen Jahres eine große Anzahl Kinder zu Waisen gemacht hätten. Die in den einzelnen Gemeinden zurückgebliebenen jüdischen Einwohner wären so verarmt durch oen Aufruhr und die damit zusammenhängende Plünderung, daß sie für die Waisenkinder nicht würden sorgen können. Man wandte sich an die westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Gemeinden mit der Bitte, diese unglücklichen Kinder unterzubringen. Die Anfrage des Newyorker Komitees hatte das Ergebnis, daß aus dem ganzen Lande Hunderte von Heimstätten für diese Kinder angeboten wurden; man war überall bereit, sie aufzunehmen, und in vielen Fällen bereit, sie zu adoptieren. Da nun das amerikanische Ein

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