Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Wanderungsgesetz sür Kinder, die ohne Eltern dorthin kommen, besonders streng ist, wandte sich das Komitee direkt an den Einwanderungskommissar mit dem Vorschlag, daß es gestattet werde, 100 Waisenkinder mit der Voraussetzung einzuführen, daß sie alle vollständig normale Kinder wären, und daß ein jedes bei einer Familie untergebracht werden solle, von der es wisse, daß sie pekuniär verantwortlich und nwralisch einwandfrei dastünde. Das Komitee und seine einzelnen Mitglieder sowie viele andere waren bereit, der Einwandernngsbehörde jede Versicherung und die Verpflichtung für jeden Betrag zu leisten, daß diese Kinder der öffentlichen Unterstützung nie zur Last fallen würden; es legte dar, daß es zunächst die genauen gesetzlichen Grenzen einhalten, dabei aber auf das eminent humane Werk Hinweisen wolle, das durch die. Gewährung jeder Erleichterung für die sofortige Aufnahme und richtige Fürsorge dieser unglücklichen Waisen bewilligt werden könnte. Darauf hat nun Herr Sargent schon am 8. Mai ein Antwortschreiben abgesandt, in dem.es unter anderem heißt: „In Erwiderung Ihres Schreibens vom 7. Mai beehre ich mich Ihnen mitzuteilen, daß ich auss herzlichste die Arbeit, die Ihr Komitee unternommen hat, begrüße. Sicherlich werden Sie niemand finden, der Sie kräftiger in der Ausführung Ihres Vorhabens als ich unterstützen wird, in soweit dies mir unter den Gesetzen und Vorschriften, die Einwanderung betreffend, möglich ist. Kinder, die ihrer Eltern beraubt wurden, und die dadurch hiflos in der Welt geblieben sind, fordern meine stärkste Sympathie heraus. Was wir verlangen werden, ist, daß die Kinder, die nach den Vereinigten Staaten durch den Einfluß Ihres Komitees und unter den Bedingungen, die Sie dargelegt haben, kommen, den schützenden Arm Ihrer Vereinigung von dem Augenblick, wo sie Europa verlassen, bis sie ihren Bestimmungsort erreicht, um sich haben sollten. Während alle der Inspektion, die durch das Gesetz vorgeschrieben ist, sich werden fügen müssen, so wird Ihr Vertreter an der Ankunftsstelle durch die Kenntnis der Umstände, die er durch Sie haben wird, und durch die Tatsache, daß diese Kinder streng unter den Bedingungen, die in Ihrem Schreiben mitgeteilt sind, kommen, in der Lage sein, sofortige und richtige Entscheidung in jedem einzelnen Falle herbeizusühren. Es besteht ein ungeheurer Unterschied zwischen dem Herüberbringen von Kindern in dem Geist, der die Handlungsweise Ihres Komitees veranlaßt und dem, der so deutlich durch diejenigen hervortritt, die Kinder zu dem Zweck hinüberzubringen, um Arbeiter aus ihnen zu machen, ohne daß sie die Vorteile des häuslichen Einflusses und der Erziehung gehabt haben .... Das Bureau wird fortfahren, strenge und genaue Untersuchung in allen Fällen anzustellen, wo Kinder ohne ihre Eltern kommen, oder in Fällen, wo sie an Personen adressiert sind, die gesetzlich für ihre Verpflichtungen nicht verantwortlich sind. — Aber in den Fällen, die Sie erwähnen, wo Kinder durch Verfolgungen, die die Eltern betroffen haben, Waisen geworden sind, und wo Ihr Komitee ein Heim für sie gefunden hat. wird die Tatsache, daß Sie sie hierher gebracht haben, meiner Ansicht nach kein Mißverständnis aufkommen lassen." Auf dieses Schreiben hin hat das Newyorker Komitee am 9. seinen Dank für den außerordentlich sympathischen Brief vom 8. allsgesprochen; es fand das Entgegenkommen, wenn auch dabei die strellge Befolglmg des Gesetzes beabsichtigt war, sehr anerkennenswert. Von Sah und Sern. Am 1. d. M. ist hier der königliche Lotterieeinnehmer Leopold Aron im 81. Lebensjahre gestorben. — Professor Dr. Mendel hat dem lleuen Krankenhaus in Pankow 25 000 Mark gestiftet zur Errichtung einer Jnfektionsbaracke und für bedürftige Rekonvaleszenten. — Von dem Hottentottensührer Abrahaln Morris hatte Oberst von Deimling, wie bekannt, kürzlich im Reichstage behauptet, er solle der Sohn eines Rabbiners in der Nähe von Posen sein. Jetzt wird jedoch über die Angelegenheit von unterrichteter Seite geschrieben: „Abraham und sein gleichfalls öfters erwähnter jüngerer Bruder Eduard Morris sind die Söhne eines allen schottischen Händlers Morris und einer Hottentottin! Ein Verwandter der Mutter, Abraham Steher in Warmbad, zog die Knaben auf. Meines Wissens sind sie auch dort getauft und konfirmiert worden." — Der 10. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung sür Deutschland, hatam. 4. und 5. b. M. in Hannover stattgefunden. — Der 5. .Verbandstag des Westdeutschen Tierschutzverbandes, in Altena hat sich trotz des Einspruchs des Rabbiners Dr. David- Bochum gegen das Schächten erklärt und beim Schlachten Schu߬ oder Bolzenapparate verlangt. Dagegen hat der 28. Bezirkstag des Bezirksvereins Brandenburg des Deutschen Fleischerverbandes, der am 14. d. M. in Guben versamnlelt war, einstimmig eine Resolution angenommen, welche sich gegen die Tötung der Schlachttiere durch Schußapparate ausspricht. — Das Turnkränzchen an der Rastenburger königlichen. Herzog Albrechtsschule hat einem jüdischer Schüler, der sich seit 1^2 ZahrM in der Jugendriege des vor zwei Jahren gegründeten Turukränzchens befindet, die Aufnahme als Mitglied in das Kränzchen verweigert, und zwar mit der Begründung, daß jüdische Schüler nicht ausgenommen werden! — Herr Josef ThanHauser in' München wurde zum Kommerzienrat ernannt. Thanhanser steht lange Jahre im Dienste der Wohltätigkeit als bewährter Förderer derartiger Veranstaltungen. — In Wien ist der Großindustrielle und gewesene böhmische Landtagsabgeordnete Josef Jnwald Edler v. Waldtreu gestorben. — In Budapest hat die Jahresversammlung der orthodoxen Landesrepräsentanz beschlossen, die Zentralkommission zu beauftragen, ihr Bestreben zur Befreiung der jüdischen Kinder vom Besuche der nichtjüdischen Schulen am Sabbat fartzusetzen, ferner zur Erwirkung von Erleichterungen der Sonntagsruhe für die Glaubenstreuen alles mögliche aufzubieten. —- In Mailand ist Cav. Arnoldo di Davidi Usigli gestorben. Derselbe war Hauptredaktenr des von Paul Montegazza gegründeten Journals „La nature“, ferner einer der Gründer und Direktor von „L'mäust.rin/. — Die Verhandlung über die Revision des Dreyfus- Prozesses vor dem Kassationshofe in Paris ist definitiv sür den 15. Juni anberaunrt. Die ersten zwei Tage sollen der Prüfung der Geheimakten gewidmet sein. Berichterstatter Moras beantragt die Kassierung des Urteils des Kriegsgerichtes von Rennes und die Verweisung des Kapitäns Dreyfus vor ein neues Kriegsgericht. Generalprokurator Baudouin beantragt gleichsalls die Kassierung des kriegsgerichtlichen Urteils, verlangt aber die sofortige Freisprechung Dreyfus', ohne denselben vor ein neues Kriegsgericht zu verweisen. Der Generalprokurator begründet diesen Antrag damit, daß die Untersuchung die volle Schuldlosigkeit Dreyfus' ergeben hat und daß eine neuerliche Verhandlung in dieser Sache vor einem Kriegsgerichte ohne jeden Nutzell bleiben müßte, nachdem die Militärrichter den Major Walsin-Eszterhazy freigesprochen hatten. — Oberstleutnant Au scher in Brianc-on ist zum Oberst, Eskadronchef Vernarb zunr Oberstleutnant, Kapitän Cerfist zum Bataillonschef ernannt und dem 69. Infanterieregiment überwiesen worden. — Der langjährige Kassierer des rumänischen Hofes, Major Broeiner, wurde zum Oberstleutnant befördert. Brociner, der den türkisch - rumänischen Feldzug als Sergeant mit Auszeichnung mitmachte, wurde bei der Erstürmung von Grivitza schwer verwundet und auf dem Schlachtfelde selbst zum Leutnant befördert. Er ist der erste und einzige Jude, der einen solchen Rallg in der rumänischen Armee je bekleidet hat. In Petersburg ist am 22. v. M. der bekannte Arzt Staatsrat Dr. Isaak Dembo, der Versasser eines bekannten Werkes über das Schächten, das 1894 bei der Agitation gegen das Schächten in Deutschland von großer Bedeutung gewesen ist, im 60. Lebensjahre gestorben. Er war lange Jahre hindurch Arzt am Alerandrowski- Hospital. Dembo stammte aus Kowno; er war ein glaubenstreuer Jude, der für alle Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen die wärmste Teilnahme hegte. Ehre seinem Andenken! — Die beim Pogrom demolierte Synagoge in Kielv wird wieder hergestellt. Die Kosten betragen 30 000 Rubel. — An der Universität in Moskau sind mit einemnlal zwölf jüdische Privatdozenten ernannt worden, nachdem seit Jahrzehnten kein einziger diese Stellung erreichen konnte. Schade nur, daß die Universität geschlossen ist! — In Trojanow wurden zur Zeit der Pogrome 10 jüdische junge Männer von den Bauern ermordet. Das Gericht verurteilte 13 Angeklagte zu je 3 Jahren, 11 zu je 8 Monaten, 1 zu 6 Monaten Gefängnis, 31 wurden freigesprochen. Die Ersatzansprüche der Familien der Ermordeten wurden anerkannt. Die Summe wird festgesetzt werden. — Sieben Anstifter des Pogroms in B oh ns law wurden zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt.