Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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70. Jahrgang. Ko. 23. Berlin, 8. .Juni 1906. BrNsxe zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums" korrkspondkn?m und Aachrichtm. Deutschland. 8. Berlin, 3. Juni. Eine neue Synagoge zu errichten, ist der Wunsch der im Nord westen Berlins wohnenden jüdischen Bevölkerung. Sie hat an den Vorstand der jüdischen Gemeinde deshalb folgende Petition gerichtet: Der Nordwesten Berlins entbehrt in hohem Maße der geistlichen Fürsorge. Es wohnen dort 950 jüdische Steuerzahler, 4009 Seelen, die während des ganzen Jahres, mit Ausnahme von zwei Feiertagen, an denen in Restaurants Gottesdienst abgehalten wird, auf ein kleines Betlokal in der Lesstngstraße angewiesen sind. Die nächste Synagoge ist zu Fuß nicht unter einer Stunde zu erreichen und kommt deshalb für Damen, noch für ältere, schwächliche Personen in Betracht. Alte zur Zeit der Repräsentantenwahlen den Beteiligten gemachten Versprechungen in betreff einer neuen Synagoge sind bisher unerfüllt geblieben. Es dürfte sich also für den Vorstand auch um eine Ehrenpflicht, nicht nur um eine gesetzliche Pflicht handeln, diesen unerträglichen Zuständen baldigst ein Ende zu nwchen. Wir hoffen daher um baldige geneigte Berücksichtigung unserer Bitte, die dahin geht, im Nordwesten Berlins eine Gemeindesynagoge zu bauen. — Der Wunsch unserer im Nordwesten wohnenden Glaubensbrüder hat gewiß seine Berechtigung und wird zweifellos, da in der Tat diese Stadtgegend fast völlig einer ständigen Gebetsstätte ermangelt, baldige Erfüllung finden. Das Versprechen, eine Synagoge dort zu errichten, ist allerdings auch zur Zeit erfolgt, doch nahm mau von diesem Plan vorläufig Abstand, nachdem eine ad hoc aufgenommene Statistik zweifelsfrei erwiesen hatte, daß auf dem Grenzgebiet zwischen Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg für die dort ansässigen Gemeindemitglieder, deren Zahl bei weitem größer ist als im Nordwesten, eine neue Synagoge ein viel dringenderes Bedürfnis ist. Zwei Synagogen zu gleicher Zeit zu bauen, gestattet der Gemeindeetat nicht. Es ist aber mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß unmittelbar nach Fertigstellung der Synagoge in der Fasanenstraße der Bau einer solchen im Nordwesten in Angriff genommen und aufs schnellste gefördert werden wird. Berlin, 2. Juni. Die folgende Preisbewerbung beim Hilfsverein für jüdische Studierende für 1906 wird jetzt bekannt gegeben: a) Medizinische Aufgabe: Historisch-kritische Darstellung der Theorien über die Aetiologie der Krebskraukheit. b) Nationalökonomische Aufgabe: Die Bedeutung der Juden für die Industrie im brandenburgisch-preußischen Staate 1670—1812. Zur Bewerbung zugelassen find jüdische Studierende Berliner Hochschulen von allen Fakultäten, die Reife und Dürftigkeitszeugnis beibringen können. Den Bewerbungsschriften ist in verschlossenem Umschlag, auf dem ein Motto steht, die mit dem Namen des Bewerbers Unterzeichnete Versicherung auf Ehrenwort, daß er selbständig und ohne fremde Hilfe diese Arbeit angefertigt habe, beizulegen. Mit demselben Motto ist die Arbeit zu bezeichnen. Der erste Preis beträgt 300 Mark; es kann daneben oder allein ein zweiter mit 150 Mark zuerkannt werden. Die Bewerbungsschristen sind bis zum 1. Dezember 1906 an den Schriftführer, Prof. Dr. Liebermann, Bendlerstraße 1b, eiuzureichen. 8. Berlin, 7. Juni. Der Vorstand der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek", -Oranienburgerstraße 28, hat, vielfach geäußerten Wünschen des Lesepublikums entsprechend, beschlossen, die Lesezeit wesentlich zu vergrößern. Daß Institut ist geöffnet au Wochentagen von 1—5 Uhr nachmittags, Sonnabend und Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags, ferner an allen Abenden, mit Ausnahme von Freitag, von 7 bis 10 Uhr abends. 8. Berlin, 5. Juni. Der Verein zur Bekleidung armer jüdischer Kinder versendet soeben seinen Jahresbericht, aus dem hervorgeht, daß das verflossene Jahr, das dritte seit seinem Bestehen, ein recht befriedigendes gewesen ist. Während der Verein im Jahre 1904 326 Kinder bekleidete und dafür 2600' Mark ausgab, sind in diesem Jahre 436 Kinder berücksichtigt und dafür 3880 Mark ausgegeben worden. Die Mitgliederzahl hat sich von 800 auf 366 erhöht. Die Anforderungen, die an den Verein gestellt werden, vergrößern sich von Tag zn Tag, und noch viele, die der Unterstützung bedürftig sind, müssen abgewiesen, und nur die Aermsten der Armen können berücksichtigt werden. Es ergeht deshalb die herzliche Bitte an alle Menschenfreunde, sich dem Vereine anzuschließen und ihn durch Beitritt als Mitglied in seinen segensreichen und wohltätigen Bestrebungen zu unterstützen. Der Mindestbeitrag beträgt jährlich 3 Mark. Statuten und Jahresberichte werden auf Wunsch durch die Geschäftsstelle Siegbert Würzburg, W. 30. Eisenacherstraße 8 (Amt 6 a 12 670) verschickt. ^2 Berlin, 3. Juni. Im 39. Lebensjahre ist am 1. d. M. hier an einem Herzschlage der Privatdozent für orientalische Philologie an der Universität, Dr. Georg Hut h, gestorben. Der Heimgegangene war der Sohn des noch in guter Erinnerung stehenden Rektors Huth, der die Erziehungsanstalt der Dina Zaduck-Nauen-Cohnschen Stiftung jahrelang leitete. Georg Huth. der zu Krotoschin am 25. Februar 1867 geboren wurde, hatte sich früh innerhalb seines Studienkreises eine besondere Spezialität auserkoren: die zentralastatischen Sprachen. Im Jahre 1897 unternahm er mit Unterstützung der Petersburger Akademie eine Reise durch Sibirien zum Studium des Tungusischen. 1902 ging er mit der Expedition des Museums für Völkerkunde nach Turkestan, um die dortigen Dialekte ^der Schriftsprache zu studieren. Eine Reihe von gelehrten Werken, die in Fachkreisen Anerkennung gefunden haben, war das Resultat dieser Forschungen und Reisen, auf welchen Huth stets auch mit besonderem Interesse die Verhältnisse der Juden in den betreffenden Ländern erforschte. In den letzten Jahren hat der eifrige, von Glück leider wenig begünstigte Gelehrte über diese Forschungen in sehr vielen Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland anregende Vorträge gehalten. Sein erstes Werk war „Die Zeit des Kalidasa" (Berlin 1889), sein wichtigstes: „Geschichte des Buddhismus in der Mongolei" (Straßburg 1892—1896), Ferner gab er „Die Inschriften von „Tsaghan Naising"-(Leipzig 1894) und „Die Tungusische Volksliteratur und ihre ethnologische Ausbeute" (Petersburg 1901) heraus. Ehre seinem Andenken! n. Stettin, 2. Juni. Der „Israelitische Frauenverein", der feit Jahren schon seine Vereinsarbeit bedeutend erweitert hat, entfaltet seit dem Herbst 1904 eine rege Tätigkeit in der Fürsorge für die beruflich arbeitenden jungen Mädchen. Gleich den Töchtern der Vereinsmitglieder nahm er sie gegen einen kleinen Vereinsbeitrag (monatlich 20 Pfennig) als außerordentliche Vereinsmitglieder auf. Dadurch ist eine Annäherung geschaffen, die den sozialen Bestrebungen sehr zustatten kommt. In einem eigens gemieteten Vereinsziunner, das auch eine Bibliothek enthält, können die jungen Mädchen manches Erholungsstündchen nach des Tages Arbeit verbringen, sowie Rat und Auskunft von den allabendlich dort anwesenden Vorstandsmitgliedern erhalten. Die Lehrkurse in Französisch, Englisch und Deutsch, sowie in den kaufmännischen Fächern — sonne kleinere gesellschaftliche Veranstaltungen mit deklamatorischen und gesanglichen Vorführungen — werden int Vereinszimmer abgehalten. Vorteilhafte Vergünstigungen gewährt der Verein den jungen Mädchen dadurch, daß billige Theater- und Badebillets ihnen verabfolgt werden. Besonders förderlich erweist sich die unentgeltliche Stellenvermittlung. Wohltuend wirkte das im vorigen Jahre in Misdroy eröffnete Sommerheim, welches von 12 jungen Mädchen für einen geringen Pensionspreis als Erholungsstätte während der ifjneu bewilligten Urlaubszeit aufgesucht wurde. — Für diesen Sommer ist bereits eine Villa mit Veranden und großem Garten, dicht am Walde gelegen, in Misdroy gemietet, die einer größeren Anzahl Erholungsbedürftigen Platz bietet. Der Pensionspreis. 3 Mark pro Tag für Einzelzimmer, wird entsprechend herabgesetzt, wenn mehrere das Zimmer teilen. Im Herbste dieses Jahres soll auch in Stettin für