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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-08 · Heft 23 (8.7.1906) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 23 (8.7.1906)
Date
1906-07-08
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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i \ I: 1\ } > ■. b' 8 I i die Kost wurde zu jeder Mahlzeit von der Tafel des Hausherrn zugeschickt. Lehrer und Lehrerinnen wurden für Daja bestellt, und allwöchentlich einmal, nämlich Sonnabend vormittag, bei dem Nachhausekommen aus dem Gotteshause, machte Herr Kroner seinem permanenten Gaste einen kurzen Besuch, erkundigte sich, ob demselben auch alles gereicht würde, was er verlange, und ob er sich behaglich im Hause fühle. Diese Fragen wurden bloß einfach, der Wahrheit gemäß, bejaht; denn jede Ergießung der Dankbarkeit, zu welcher sich Herr Nürnberger wohlanfangs Hinreißen ließ, wurde mißfällig ausgenommen; und außer an den benannten Tagen war zwischen den beiden Herren das ganze Jahr hindurch kein Zusammenkommen. Als Ausnahme hiervon galten erstens die zwei ersten Abende des Osterfestes, als an welchen Herr Nürnberger an die Tafel des Hausherrn gezogen wurde, und zweitens die Abende der Neujahrstage, an welchen er sich es durchaus nicht nehmen ließ, seinem großmütigen Gönner zu „wünschen", was derselbe stets mit sichtbarem Unwillen aufnahm und nur mit einem barschen: „Ich danke!" erwiderte. Mehrere Jahre flössen also hin, und inzwischen war Daja das geworden, was jedermann, der sie nach ihrer Ankunft in Hamburg sah, mit richtiger Voraussicht von ihr prophezeite: ein Wunder körperlicher Schönheit und Liebenswürdigkeit. Auch ihr Geist hatte sich vorteilhaft ausgebildet, denn bei ihrem Fleiße und guten Willen konnte der empfangene Unterricht nur gedeihlich werden; und dadurch, daß sie bald, von der Frau des Herrn Kroner sowohl, als von seinen Töchtern und Schwiegertöchtern liebgewonnen, zu deren Umgang oft zugelassen wurde, und später sogar in den Salon derselben Zutritt bekam, erhielt sie auch nach und nach jenen feinen Schliff, jene äußern Manierlichkeiten, welche der Franzose mit Politesse d'espiit viel besser ausdrückt als der Deutsche mit „Anstand". Ihre Herzensbildung konnte nur eine edle Richtung nehmen, da sie, von der Natur mit einem reinen, unschuldvollen Herzen begabt, mm das Glück hatte, mit lauter guten, frommen und gottesfürchtigen Menschen umzugehen. Auf solche Weise hielt bei ihr die Bildung des Herzens und des Geistes mit der Zunahme ihrer körperlichen Reize vollkommen gleichen Schritt. Man darf sich sonach gar nicht wundern, daß so viele junge Leute aus der Männerwelt, welche Gelegenheit hatten, die liebenswürdige Jungfrau kennen zu lernen, sich des heißen Wunsches, sie als schätzbares Eigentum zu erwerben, nicht erwehren konnten. Nichts aber war natürlicher, als das Alfred, der jüngste Sohn des Herrn Kroner, den Pfeil, den Amor ihm in das Herz schoß, tiefer eindringen fühlte, da er mehr und öfter als andere Jünglinge Gelegenheit hatte, Daja zu sehen, zu beobachten und zu bewundern. Ebenso natürlich muß es uns erscheinen, daß die Jungfrau nicht gleichgültig blieb gegen die Auszeichnungen und Zuvorkommenheiten eines Jünglings, der, ihr beinahe gleich im Alter, körperlich und geistig wohlgebildet und einer der ersten Familien in der Gemeinde angehörend, das Recht hatte, bei den edelsten Töchtern seines Stammes anznktopfen. Wirklich nistete sich das Gefühl gegenseitiger Zuneigung fest in die zwei jugendlichen Herzen ein; allein noch waren sie sich dieser Gefühle kaum bewußt, und schon waren dieselben den Personen in ihrer Nähe kein Geheimnis. Mit Mißfallen und" Besorgnis wurden sie von den Verwandten des Jünglings bemerkt. Seitdem die Menschen sich mit den ersten Schritten von der Natur entfernten, hat sich auch unter ihnen der Begriff von Mesalliance entwickelt; und das, was die Natur so nachsichtsvoll toleriert, ist fast in allen Familien ein Schreckensruf geworden, wenn auch nicht überall von gleich wichtiger Bedeutung. 276 —— So fromm, so gilt und so edelmütig sämtliche Angehörige des Herrn Kroner waren, dachten sie doch nur mit Grauen an die Möglichkeit, die Tochter des blinden Bettlers, der ohne die Mildherzigkeit ihres Vaters vielleicht von Haus zu Haus gehen müßte, um das tägliche Brot zu sammeln, jemals als nahe Verwandte umarmen zu müssen. Aber eben die kleinen Neckereien, bissigen Bemerkungen und Anspielungell von ihrer Seite, unverständiger Weise darauf berechnet, die zwei jungen Herzen einander abwendig zil machen, wären nur geeignet, dieselben auf die Natur ihrer Gefühle aufmerksam zu machen, deren Wachstum zu befördern und die Liebenden zu zwingen, sich öffentlich einen Zwang anzutun, der jedoch die Umgebung keineswegs zu täuschen vermochte. Die Brüder und die Schwestern Alfreds, samt deren Gattinnen und Gatten, hielterr endlich Beratung untereinander darüber, was zu tun sei, um dem so „zunehmenden Uebel" entgegen zu arbeiten. Es wurde beschlossen, das Familienhaupt auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machell, und ihn zu bewegen, daß er die Entfernung des Blinden und dessen Tochter aus Hanlburg veranlasse, ohne denselben jedoch die ihnen bisher reichlich gewordene Unterstützuilg zu entziehen. Die Mitteilung wllrde auch alsbald gemacht und übte auf Herrn Kroner einen maßlosen Eindruck; er geriet in große Aufregung und brach dann in einen so heftigen Zorn aus, desgleichen man noch niemals an ihm wahrgenommen hatte. Er sprach von zu nehmerlden Maßregeln, von so unbilliger Strenge, daß sie offenbar nicht bloß der Furcht von einer Mißheirat seines Sohnes zugeschrieben werden konnten. Er zeigte eine gänzliche Verleugnung seiner sonst so großmütigen, zur Nachsicht gelleigten Seele. Selbst seine Frau ulld Kinder erschrakell ob seiner ungewöhnlichen Heftigkeit und warfen einander Blicke voll Besorgnis zu. Mit großen Schritten ging er einige Mate auf und ab ini Zimmer, dann blieb er plötzlich stehen. „Verlasset mich," rief er, „und schicket nur den Blinden allsogleich auf mein Zimmer; ich will eine Unterredung ohne Zeugen mit ihm haben." Herr Nürnberger wurde herbeigeführt und mit Herrn Kroner allein gelassen. Wiewohl wir nicht in der Lage sind, über den Inhalt der kaum viertelstündigen Unterredung einen Bericht zu erstatten, so müssen wir doch versichern, daß dieselbe von besonders mysteriöser Wichtigkeit gewesen sein müsse, was sich schon daraus schließen ließ, daß plötzlich aus dem Zimmer, worin die beiden Herren sich allein befanden, ein Jammer- und Hilferuf erscholl, und als die Hausleute in der Nähe herbeieilten, lag Herr Kroner ohnmächtig zürückgelehnt auf dem Sofa, und Herr Nürnberger kniete neben ihm, laut um Hilfe rufend, während er fast krampfhaft die Hand des Ohnmächtigen fest all sein Herz drückte. Die Bemühungerl derer, die, dllrch den Hilferuf aufgeschreckt, herbeigestürzt kamen, wären lange vergebens, Herrn Kroner zum Bewußtsein zu bringen, was erst dem Arzte durch einen Aderlaß gelang, worauf er, auf das Bett gebracht, in einen Schlaf verfiel. Da man vom Anfänge den Blinden als die unmittelbare Ursache von dem besorgniserregenden Zustande des ebenso geliebten wie verehrten Hauspatrons betrachtete, so drangen alle auf dessen sogleiche Entfernung aus dem Zimmer, wie sehr derselbe auch bat, ihn doch hier zu lassen, bis jede Besorgnis um den plötzlich Erkrarlkten gehoben sein werde. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. '1

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