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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-07-08 · Heft 23 (8.7.1906) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 23 (8.7.1906)
Date
1906-07-08
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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SWN -- 276 - i Ausspruch tat: „Der Unwisseude ist eine Null in der menschlichen Gesellschaft, und je zahlreicher die Wissenschaftsgebiete sind, die er sich zu eigen macht, desto mehr Einheiten fügt er zur Null, und desto höher steigt sein Wert;" — einen Mann, welcher selbst eine rechte, schöne und gewandte Uebersetzung des Talmud von Herzen wünschte, damit alle Menschen Einsicht erhielten in den tiefen Gehalt desselben; einen Mann endlich, der ein Herz für die Leidenden hatte. Trotzdem blieb Weiß nur zwei Jahre bei ihm, weil da viele Schüler plötzlich — aus unerklärlichen Gründen — die Jeschibah in Eisenstadt verließen, und weil er selbst keinerlei Gelegenheit hier fand, um sich in den Profanen Wissenschaften weiter zu bilden. Er kehrte darum nach Mähren zurück und begab sich nach Nikolsburg, wo soeben — etwa drei Jahre nach dem Tode des R. Mordechai Baneth — R. Nachum Trebitsch zu dessen Nachfolger ernannt wurde. Hier wählte er aus der zahlreichen Genossenschar einen im Talmudischen Schwächeren, in den anderen Wissenschaften aber Bewanderteren aus, um mit ihm den notwendigen Privatunterricht einzutauschen. Von seinem Lehrer jedoch erwarb Weiß allein die ihn in Zukunft immer mehr treibende Anregung, neben dem babylonischen auch dem jerusalemischen Talmud die Sorgfalt und den Eifer zu widmen. Mit dieser Anregung verließ er nach zwei Jahren auch diese Jeschibah, um nun nach Hause zu seinen Eltern zurückzukehren, für sich allein den Studien obzuliegen, nur aus Büchern und Werken zu lernen und sein eigener Lehrer zu sein. Dieser Entschluß ward in ihm besonders deshalb reif, weil er sich infolge der langjährigen geistigen Anstrengung bei Tag und bei Nacht einen nervösen Kopfschmerz zugezogen hatte und nun für seine Gesundheit ängstlich wurde. Bei seinen guten und fürsorglichen Eltern erholte er sich bald vollständig, so daß er sich wieder dem Studium hingeben konnte, welches er für sich allein und auch itt Gemeinschaft mit lieben Kameraden, die er fand, eifrig trieb. Ihn leitete das Wort: „Viel habe ich von meinen Lehrern gelernt, noch mehr von meinen Kameraden, am meisten aber aus Büchern und Werken." Auch unterhielt er mit einzelnen Koryphäen eine gelehrte Korrespondenz, namentlich mit dem Lemberger Rabbiner I. S. Nathansohn. Weniger Glück hatte er mit seinen schriftstellerischen Arbeiten, denn eine ganze Anzahl von Manuskripten uuttbe ein Raub des Brandes, welcher im Jahre 1854 sein Elternhaus heimsuchte, unter ihnen ein kurzgefaßtes Kompendium zum Schulchan-Aruch O. Ch. und I. D., welches die großen Schattenseiten des ähnlichen Werkes voll Abr. Danziger zu vermeiden suchte. Dagegen konnte er später, als er in Wien wohnte, einen Kommentar zum Siddur liefern, welcher sämtliche Minhagim des ganzen Jahres für Synagoge und Haus enthielt, unter dein markanten Titel Orach le-Zaddik. Dieser Siddur wurde von Schloßberg im Jahre 1861 herausgegeben und erlebte im Laufe eines halben Jahres drei Auflagen von je 1000 Exemplaren, so daß Schloßberg noch einen ähnlichen Siddur mit sesardischem Ritus für die polnischen Chassidim herausgab. Nach Schloßbergs Tode wurde — aus unbekannten Gründen — der Siddur nicht wieder gedruckt; die Tafeln mit dem Satz sollen vernichtet worden sein. Auf die Werke, welche Weiß die Stelle der Lehrer vertraten in der Zeit, da er keinen persönlichen Lehrer mehr hatte, kommen wir vielleicht ein andermal zurück. Sir lkhrr. Eine Geschichte uns alter Zeit. Von Ludwig Man heim er. II. ine kurze Pause trat ein. während welcher Herr Kroner sich von seinem Sitze erhob, einmal durch das Zimmer aus und ab ging, dann vor dem Blinden stehen blieb und sprach: „Ich werde Ihnen eine Anerbietung machen. Da ich übernlorgen von hier abreise, haben Sie Zeit, mir morgen abeild nlitzuteilen, ob Sie sich für das, was ich Ihnen Vorschläge, entschließen oder nicht. Sie haben nämlich, wie ich merke, die Hoffnung auf die Wiedererlangung Ihres Augenlichts bereits aufgegeben. Zu Ihrem ferneren Lebensunterhalte bleibt Ihnen demnach keine andere Aussicht als die mildtätige Unterstützung wohlwollender Menschenfreunde. Wollen Sie mich nun nach Hamburg, wo ich etabliert bin, begleiten, so erkläre ich mich bereit, für Ihren lebenslänglichen anständigen Unterhalt Sorge zu tragen; zugleich werde ich veranlassen, daß Ihrem einzigen Kinde eine angemessene Erziehung zuteil werde." Bei Anhörung dieses unvermuteten, echt philantropischen Antrages, schlug der höchlich überraschte Nürnberger die Hände ineinander. „Wie habe ich," rief er, „diese überschwengliche Gnade verdient? Sie sind mir ein wahrer Engel des Himmels!" Wäre Herr Nürnberger der Sehkraft nicht beraubt gewesen, würde ihn in diesem Augenblicke ein Blick auf Herrn Kroner in Verwirrung gebracht haben, auf dessen Gesicht kein Zug jenes menschenfreundlichen Wohlwollens oder jener beseligenden inneren Erhebung ersichtlich war, der bei Ausübung wohltätiger Handlungen von unserem gottähnlichen Streben Zeugnis gibt. Gesicht und Sprache hatten keineswegs einen übereinstimmenden edlen Ausdruck; und wer Herrn Kroner in diesem Momente betrachtet hätte, ohne seine Worte zu verstehen, würde ihm eher etwas — Diabolisches zugetraut haben, eine Zumutung, zu welcher seine engelsgleiche Lebens¬ und Handelsweise gewiß niemanden berechtigte. In dem Inneren dieses Mannes müssen ganz absonderliche Dinge vorgegangen sein, über welche uns, als noch nicht Eingeweihten, kein Urteil zusteht. Nach einer Weile sagte Herr Kroner: „Wie immer Sie, Herr Nürnberger, sich entschließen mögen, wollen Sie sich doch ein für allemal merken, daß ich niemals weder einen Dank, noch eine Lobeserhebung aus Ihrem Munde vernehmen will. Gott hat mich mit Reichtum gesegnet, und es ist eben nichts besonders Verdienstliches, wenn ich den Ueberfluß mit dem Hilfsbedürftigen teile. Gehen Sie in Ihr Quartier; morgen sagen Sie mir. Sie seien bereit, und übermorgen begleiten Sie mich nach Hamburg." Daß Herr Nürnberger am nächsten Tage sich bereitwillig für den Antrag des Herrn Kroner erklären werde, daran hat wohl niemand gezweifelt. Die Zusammenreise ging auch vor sich, und nach acht Tagen sehen wir bereits Herrn Nürnberger wohleingerichtet in dem Hause seines Wohltäters. Alsbald wurden ihm und Doja zwei Zimmer eingeräumt und mit dem erforderlichen Ameublement versehen; ein Diener war angewiesen, dem Blinden stets zur Disposition bereit zu sein; für anständige Kleidung und Wäsche wurde gesorgt, und

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