Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228714--62674-3289839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
274 Aus fern Memoiren von Q. tz Weih. Von Dr. S. Fried mann in Lublinitz. II. eiß gehörte zu den Kindern, welche die Normalschule nicht besuchten. Mit acht Jahren absolvierte er die drei Chederstusen, und etwa fünf Jahre lang, also bis zu seiner Bar Mizwah, lernte er in der Tüchlerschen Schule und hatte daneben Privatunterricht im Deutschen. Sodann nahmen ihm die Eltern einen ausgezeichneten Hauslehrer, den Gelehrten Wolf Mühlrad, dessen Großvater Jizchak von dem Verfasser des Buches Lekemen Rokeach besonders scharfsinnig mit dem Worte gerühmt worden war: „Wie ein Mühlrad entwurzelt er Berge und zermalt sie." Doch ist dieser Lehrer zu weit vorgegangen, viel weiter noch als sein junger Schüler vertragen konnte. Er wollte ihn mit allen Poskinr vertraut machen — wohl weil er sie selbst gründlich studieren mußte, um das erstrebte Rabbinatsdiplom erlangen zu können. Deshalbbat Weiß seine Eltern dringend, eine der drei benachbarten Jeschiboth aufsuchen zu dürfen, in Eibenschütz, Boskowitz oder Trebitfch. Aber es existierte auch eine Jeschibah in Eroßmeseritsch, seiner Vaterstadt, und da die Eltern ihr einziges, noch junges Söhnchen nicht schon in die Fremde lassen wollten, überredeten sie ihn, noch zn Hause zu bleiben und die Schule des scharfsinnigen und frommen R. Josef Feilbogen zu besuchen. Doch auch hier hielt er nicht lange aus wegen der damals üblichen Gewohnheit, mit lautem Geschrei und mit Händeklatschen zu unterrichten, — eine Gewohnheit, die den jungen Schüler eher verwirrte als förderte, und wegen der verkehrten pilpulistischen Methode, in der sich Feilbogen grenzenlos zugut tat. So sahen sich die Eltern genötigt, ihn in die Fremde zu schicken, und zwar nach Trebifch, wo seit wenigen Monaten der erst dreißigjährige Chajim Josef Pollak Rabbiner war. Pollak hatte fast acht Jahre bei R. Mosche Sofer in Preßburg gelernt und schon hier auch selbst mehrere Schüler ausgebildet, namentlich den nachmals berühmten, ungeduldigen und unselbständigen I. L. Dukes. Nach seiner Rückkehr aus Preßburg gewann ihn der in Triesch angesehene Note Oesterreicher zu seinem Schwiegersohn und nahm ihn in sein Haus, wo Pollak eine kleine Jeschibah einrichtete und auch allsabbatlich vor der Gemeinde predigte, die kundig, fleißig und wohlhabend war, so daß viele Mitglieder den Jüngern der Jeschibah den Unterhalt gewährten. Ueberhaupt war diese Gemeinde recht lernbegierig und >var stets darauf bedacht, möglichst tüchtige Männer an die Spitze deS Rabbinats zn setzen. Die letzten Rabbiner der Gemeinde waren Levi Mattersdorf und Elasar Pilz, der Verfasser des Ledernen Rokeaok. Hier sammelten sich allmählich Jünger aus Mähren, Böhmen und Ungarn, unter ihnen nun auch der junge Weiß' der erst in ihm den zusagenden, geeigneten und ihn erquickenden Lehrer fand für die Uebung und den Gebrauch der hebräischen Sprache, sowie für die einfach-klare Methode der talmudischen Studien, für die Wertschätzung von Maimonides^ „Jad“, in deren vier Teilen er zuhause war, und für die Stärkung der Gedächtniskraft, da er imstande war, eine ganze talmudische Abhandlung nebst einem Kommentar nach einmaliger Durchsicht Wort für Wort auswendig vorzutragen. Bei einem solchen Lehrer fühlte sich der junge Schüler wohl, der auch Gelegenheit hatte, manches Manuskript von seiner Hand zu sehen — in Prosa und Poesie, auf biblischem, talmudischem und sonst wissenschaftlichem Gebiete — besonders auch ein Manuskript über Jirmejäh, eine sprachliche und sachliche Erklärung dieses Prophetenbuches, welche sich auf die jüdischen Grammatiker stützte und nicht auf eine vielfach nur irreführende Vergleichung des Hebräischen mit dem allerdings verwandten Arabisch. Pollak verstand nicht nur das Hebräische, sondern er verstand auch in schönem, reinen Hebräisch zu denken und zu schreiben, was nicht jedermanns Sache ist, selbst vieler neuerer jüdischer und christlicher Gelehrten nicht. Einerder bedeutendsten Kenner des Hebräischen in der Neuzeit beispielsweise war zweifellos Professor Franz Delitzsch, welcher sogar den Versuch gewagt hat, die „griechischen" Evangelien ins Hebräische zu übertragen. Und wieviel Schnitzer sind in diesen „hebräischen" Evangelien zu finden (vgl. Matth. 1. 20. 4, 9. 5, 33. 6, 2. 8, 8 u. a. m.)! Und auch unter den Juden wird die Zahl derer immer geringer, welche in klassischem Hebräisch zu schreiben vermögen und Moses Mendelssohn, Herz Wessely, den Measphim nachgehen. In dem Hause seines Lehrers Pollak, zu dem er sich schon früher hingezogen fühlte,' als er ihn einmal in Triesch gelegentlich eines Besuches bei dessen auch ihm etwas verwandten Schwiegervater gesehen und gehört hatte, blieb der junge Weiß zwei Jahre. Von Trebitsch lenkte dieser sodann seine Schritte nach Eisenstadt in Ungarn, ivoselbst er einen liebevollen Onkel, den angesehenen und frommen Michael Weiß hatte, und ein Landsmann aus dem mährischen Ung- Brod eine Jeschibah leitete, nämlich der gelehrte Rabbi Jsak Moses Perls. Perls hatte zu den nicht wenigen Gelehrter: jener Tage gehört, welche eigentlich gar kein Rabbinat erstrebten, sondern nach der Verheiratung ihre Existenz auf dem Wege praktischer Beschäftigung suchten. Doch auch er fand sie nicht, er verlor sein Vermögen, und rrur gezwungen sah er sich nach einem Rabbinat um, nachdem er von dein mährischen LandeSrabbiner Mordechai Baneth in Nikolsburg das Diplom erlangt hatte. Ein geringfügiger Umstand erzürnte und trieb ihn, die ©emetnbe zu verlassen. Es bestand hier nämlich eine alte Verordnung (Cherem), nach welcher das Kartenspiel nur an Chanukah, Purim und in der Wohnung einer Wöchnerin, solange diese nicht wieder in der Synagoge war, erlaubt wurde. Wie alljährlich, so ließ Perls auch im Jahre 1841 diese alte Verordnung in der Synagoge bekannt machen, doch der erste Vorsteher, dem sie nicht zusagte, ließ dagegeu den Gemeindediener in den Straßen ausrufen, daß das Kartenspiel immer erlaubt sei. Kein Wunder, daß der Rabbiner über die Frechheit des ersten Vorstehers empört war. Aber wenn der erste Vorsteher gesündigt —. was konnte die ganze Gemeinde dafür, daß sie deshalb ihren verehrten Rabbiner verlieren sollte? Indessen keinerlei Bitten brachten Perls von seinem schnell gefaßten Entschlusie ab. Er kam nach Bonyhad, einer zanksüchtigen -Gemeinde, wo er viel Leid und Verdruß hatte, namentlich auch wegen der mannigfachen Reformbestrebungen in derselben. Dazu kam körperliches Unbehagen und Uebelbefinden, so daß er, alt und betagt, sich nach langen Kämpfen entschloß, nach seiner Geburtsstadt Ungarisch- Brod heimzukehren. Zu diesem Perls, als er bereits acht Jahre in Eisenstadt war, kam der fünfzehnjährige Weiß. Und wie sehr erfreut war er, in seinem neuen Lehrer einen Mann zu finden, welcher von der Mehrzahl der ungarischen Rabbiner darin abwich, daß er auch andere als gerade ausschließlich talmudische Wisienschast enipfahl, obgleich er selbst keine andere Wissenschaft kannte und pflegte; einen Mann, welcher so tolerant dachte, daß er den