Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
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- 273 - zweck, den er im Auge hat, den er aber erst durch eine langjährige Tätigkeit, durch unausgesetztes Erregen religiöser Stimmungen mittelst seiner Predigten zu erreichen hofft. Sehr treffend bemerkt nun Wöhlgemuth an dieser Stelle : „Es ist eine Beobachtung, die sich jedem aufdrängt, daß das Gefühl sich nur allzu schnell und leicht abstumpft. Es leidet durch die Wiederholung, es verliert an Lebhaftigkeit und Heftigkeit." (S. 17). Aus diesem Grunde sollten die Predigten, d. h. die eigentlichen Predigten, die Predigten im engeren Sinne, nicht all jedem Sabbat, überhaupt nicht gar zu häufig gehalten werden. Statt ihrer sollte lnan den „S chrifte rklärungen" eine größere Rolle im sabbatlichen Gottesdienste zu weisen. Das würde für beide Teile nur von Segen sein, für die Rabbiner und für die Gemeindell. Der Rabbiner könnte danr: seine ganze Gestaltungskraft „für die Zeiten auffparen, in denen er eine Predigt hält. Und in den Gemeinden würden die Schrifterklärungen eine Fülle bedeutsamen Wissens verbreiten, sie würden, wenn auch allwöchentlich gegeben, nie als Last empfunden werden, während die Kraft und Wirksamkeit der Predigt, ihre Bedeutung für das Innenleben der Zuhörer, durch seltenere Darbietungen nur sich steigern müßte." (S. 18.) Allein der Prediger wird nur dann religiöse Stimmungen wecken können, wenn er selb er .von religiösen Gefühlen durchdrungen ist. An dieser Stelle nun läßt sich Wöhlgemuth von seinem Parteistandpllnkte zu einer Behallptung Hinreißen, die im Interesse der Wahrheit nicht unwidersprochen bleiben darf. Er zitiert zunächst einen Ausspruch des Propheten Micha über die Prediger seiner Zeit: „Wenn einer dem Winde nachjagt und Lügnerisches vorbringt, das ist ein Prediger für dies Volk." Auch heute, meint Wöhlgemuth, sei oft Anlaß zu diesem Tadelwort. Allch heute gehen viele Prediger „den: Winde nach. Ein verwesender Hauch sind die Worte ihres Mundes. Die Größe Israels und seine Herrlichkeit, die Mission und die Nächstenliebe und ab und zu ein paar Scheiterhaufen des Mittelalters, das wird iuuner und immer wieder vorgeführt. Phrase reiht sich an Phrase, öde Leere gähnt uns an. Nein, mit diesem Hauche sind die toten Gebeine nicht zu beleben." (S. 23). Wie erfreulich es nun auch ist, daß wir in Wohlgemuths Schrift einmal eine Programmarbeit vor uns haben, die volkstümlich und allgemeinverständlich gehalten ist, so mußte der Verfasser anderseits sich doch sagen, daß die Arbeit auch von Fachleuten werde gelesen und geprüft werden. Und hat er sich das gesagt, dann ist es geradezu unbegreiflich, wie er aus dem zitierten Prophetensatze gerade diejenigen Worte auslassen konnte, die uns das richtige Verständnis des Satzes erschließen. Unverkürzt lautet nämlich der Satz folgendermaßen : „Wenn einer dem Winde nachjagt und Lügnerisches vorbringt: Ich will dir predigen von Wein und Rauschtrank — das ist ein Prediger für das Volk." Der Sinn des Propheteuwortes ist über jedweden Zweifel erhaben. Micha geißelt im zweiten Kapitel seines Buches die Ungerechtigkeiten und Gewalttaten der herrschenden Klassen, er klagt darüber, daß man den wahren Propheten, die das Volk zur Sittlichkeit und Tugend emporheben wollen, den Mund verbietet und fährt dann bitter fort: „Ja, wenn man ein Loblied singen würde auf ihre Genußsucht und ihren leichtsinnigen Lebenswandel, das möchten sie schon gern anhören." Das ist der wirkliche Sinn des Prophetensatzes. Was aber macht Wöhlgemuth daraus? Seine Darstellung erweckt den Anschein, als bekämpfe Micha Männer, die nicht müde werden, dem Volke „die Größe Israels und seine Herrlichkeit, die Mission und die Nächstenliebe" zu predigen. Das heißt denn doch, die | Tatsachen auf den Kopf fteüen.1) Wenn Wöhlgemuth meint, das; die unermüdliche Behandlung dieser Themata "Phrasen-! Hastigkeit und Inhaltsleere im Gefolge habe, so beweisen die Prophetenbücher selbst das strikte Gegenteil. Den Prophetenbüchern wird er wohl Phrasenhaftigkeit und öde Leere nicht zun: Vorwurf machen; und bilden „die Größe Israels und seine Herrlichkeit, die Mission und die Nächstenliebe" nicht das unerschöpfliche Thema der prophetischen Prediger? Wöhlgemuth freilich glaubt dies bestreiten zu sollen. „Vor allem aber, es sind gar nicht die Forderungen der Sittlichkeit, die allein oder auch nur im wesentlichen den Inhalt der prophetischen Reden charakterisieren. Biel wichtiger ist ihnen und im Mittelpunkt der prophetischen Wirksamkeit steht der Gedanke, daß es einen Gott gibt, der jeder: Schritt des einzelnen und der Völker lenkt, daß der Gehorsam gegen ihn allein das Glück und den Bestand der Völker verbürgt, daß ein Weltreich nichts gegen den winzigen jüdischen Staat vermag, wenn dieser Ernst macht mit seinen: Vertrauen auf Gott und feiner Rückkehr zu Gottes Gebot." (S. 89.) Hier werden von dem Verfasser die Forderungen der Sittlichkeit und der Gedanke an den göttlichen Schicksalslenker gewaltsam auseinander gezerrt; der Glaube an Gott und der Gehorsam gegen ihn sollen den Propheten „viel wichtiger" sein als das Sittengesetz. Als ob bei den Propheten diese beiden Begriffe überhaupt von einander losgelöst werden könnten, als ob bei ihnen der Gottesgedanke, das Fundament, denkbar wäre ohne die Ethik, die sich auf diesem Fundament aufbaut, als ob der Gottesgedauke ein bloß theoretischer Gedanke bleiben sollte, und nicht vielmehr ein solcher, der Taten zeugt. Taten edelster Sittlichkeit! Welchen Zweck aber hat der Verfasser in: Auge bei seiner: Bemühungen, den Nachweis zu erbringen, daß die Propheten sich das Sitteugesetz nicht zum Hauptziel erkoren haben? Seine Absicht ist unschwer zu erkennen: er will das Zeremonialgesetz retten, darum behauptet er: Die Propheten betonen vor allen Dingen den Gehorsam gegen Gott; dieser Gehorsau: aber betätigt sich in der Befolgung des Zeremonialgesetzes nicht minder, als in der Befolgung des' Sittengesetzes. Die Bedeutung der Zeremonialgesetze als äußere Zeichen des Abhängigkeitsgefühls von Gott und des Gehorsams gegen seinen Willen soll hier keineswegs herabgemindert werden; aber sollte die Rettung derselben denn gar nicht anders möglich sein, als durch Verkleinerung der Bedeutung des Sitt engesetz es, das denn doch für jeden Unbefangenen, der die pro phetischen Schriften nicht durch die trübe Parteibrille liest, das unerschöpfliche, immer wiederkehrende Thema der Propheten ist? Un: diesen Preis wird wohl kaum jemand das Zeremonialgesetz gerettet wissen wollen, oder um mit des Verfassers eigenen Worten zu reden, „mit diesem Hauch sind die toten Gebeine nicht zu beleben." l) Angesichts derartiger Vergewaltigungen von Schriftsteller: möchten wir an den Verfasser die bekannte Frage des Jose ben Durmaskis (Sifrö zu Deuteronomium 1,1) richten: „Warum entstellst dll uns den Wortsiun der Schriftverse V Der Grundsatz „daß man Abweichungen von: Wortsinn zu homiletischen Zwecken unbeanstandet lassen soll", kann dem Verfasser nicht als Entschuldigung dienen. Denn ganz abgesehen davon, daß die im obigen Grundsätze verkündete Freiheit nicht mißbraucht werden darf (siehe darüber Wohlgeinuths eigene Worte auf S. 104), haben wir es hier doch nicht mit einer Predigt zu tun, sondern mit einer wissenschaftlichen Abhandlung.