Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.7.1906)
- Date
- 1906-07-08
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Lritrssr?u einer jüdilchen homiietik.^ Von Rabbiner Dr. I. Norden in Myslowitz. I. Unter obigem Titel hat Herr Dr. I. Wohlgemuth, Dozent am Berliner Rabbinerseminar, eine Arbeit veröffentlicht. die mit Rücksicht auf das behandelte Thema und die dabei berührten allgemeinen Gesichtspunkte geeignet ist, auch in anderen als bloß Fachkreisen Interesse zu erwecken. Schon der Umstand, daß eine Programmarbeit des orthodoxen Rabbinerseminars sich mit der Homiletik befaßt, ist an und für sich recht bemerkenswert. Vor etwa hundert Jahren, als die moderne jüdische Predigt ihren Einzug in die Synagogen zu halten begann, lehnte sich die Orthodoxie mit aller Macht gegen die „Neuerung" auf; und heute schreibt der Dozent eines orthodoxen Rabbinerseminars eine Abhandlung von über 100 Seiten über Zweck, Form und Inhalt — der jüdischen Predigt. Die Orthodoxie hat eben auch ihre Entwicklung: sie sträubt sich anfangs gegen Neueinrichtungen; allmählich aber muß sie selbst die Ungefährlichkeit oder oft gar Nützlichkeit derselben zugeben. So war es bei der Einführung der modernen Predigt, so bei dem Aufkommen der Amtstracht, so bei der Einführung des geordneten Chorgesangs, und vielleicht wird uns eine nicht allzu ferne Zukunft die gleiche Entwicklung bei der Orgelsrage zeigen. Gegen die Predigt hatten die Orthodoxen einzuwenden, sie sei eine unjüdische, eine zwecklose und endlich eine verderbliche Einrichtung. Bevor sich Wohlgemuth an die Widerlegung dieser Angriffe macht, unterzieht er sich der Mühe, „ein Wort zu ihrer Rechtfertigung, zürn mindesten ihrer Erklärung" zu sprechen. Dabei entschlüpft ihm folgende Bemerkung: „Wir aber, die in den Millionen unserer im Osten wohuenden Brüder die wahren Juden sehen, die wir nur von den Glaubensgerwssen unter uns die Rettung und Erhaltung unserer Religion erwarten, die ihr Tagewerk mit Gott beginnen und schließen, die jeden Schritt nach religiösen Satzungen bemessen. deren ganzes Leben eine Predigt ist, wir dürfen nicht anerkennen, daß Leben und Tod auf der Zunge ist, usw." (S. 3). Hält Wohlgemuth wirklich die „Millionen unserer im Osten wohnenden Brüder" für „die wahren Juden"? Gibt er sich wirklich der Täuschung hin, daß die große Menge der russischen, galizischen und rumänischen Juden ihr Tagewerk mit Gott beginnen und schließen? Glaubt er allen Ernstes, daß ihr „ganzes Leben eine Predigt ist"? Daß es unter den angeführten Millionen zahlreiche untadelige Charaktere gibt, die uns Juden des Westens als leuchtende Vorbilder dienen können, soll keinen Augenblick bezweifelt werden. Allein ist es Wohlgemuth unbekannt, welche Begriffsverwirrung bei manchen osteuropäischen Juden auf dem Gebiete des Sittengesetzes herrscht. Sind ihm (wenn er aus eigener Erfahrung nichts darüber weiß) die Werke von Karl Emil Franzos mit ihren naturgetreuen Charakterschilderungen böhmische Dörfer? Wie kann er da in den verhängnisvollen Fehler der Verallgemeinerung verfallen und ohne jede Einschränkung die „Millionen unserer im Osten wohnenden Brüder" als „die wahren Juden" den Juden Westeuropas gegenüberstellen? Nunmehr geht Wohlgemuth an die Widerlegung der gegen die Predigt gerichteten drei Allgriffe. Daß die Predigt nicht unjüdisch sein kann, ergibt sich daraus, daß in der Vergangenheit fast immer und überall Vorträge in der Landesh Dr. I. Wohlgemuth: Beiträge zu einer jüdischen Homiletik Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Rabbinerseminars zu Berlin. spräche gehalten worden sind. Dem Einwand, daß in der ersten Zeit der modernen Predigt eine Nachahmung der Einrichtung der Kirche nicht zu verkennen sei. begegnet er mit der Frage: „Wird etwas unjüdisch, weil es eine gewisse Zeit in ein nichtjüdisches Gewand gekleidet war?" (S. 4). Mit gleichem Geschick weiß der Verfasser den zweiten Angriff zu parieren, die Predigt sei zwecklos. Wenn er indessen bei der Widerlegung des dritten Angriffs, die Predigt sei verderblich, dem Gegner mit dem Zugeständnis entgegenkommt, „daß die Achtung vor dem Rabbiner tief gesunken ist, seitdem er sich zum Prediger „erhoben" hat", so ist dies eine Entstellung der geschichtlichen Wahrheit. Als die Predigt eingeführt wurde, war das Ansehen des Rabbinerstandes bereits tief gesunken. Warum aber war es gesunken? Weil die Rabbiner der damaligen Zeit sich in den Kämpfen und Wirren ihrer Tage nicht zurechtzufinden wußten. „Sie hatten nicht das geringste Verständnis für die neue Richtung, welche die Zeit und mit ihr die Judenheit eingeschlagen hatte, und so auch kein Bewußtsein von der Bedeutung der Sache, die sie vertraten. Sie kannten den Feind nicht, den sie angriffen, oder verachteten ihn zu sehr, als daß sie ihn hätten gefährden können. Trat eine ernste Frage, eine bedrohliche Lage ein, so waren sie ratlos, holten die alten, rostig gewordenen Waffen herbei und schadeten ihrer Sache nur noch mehr, weil sie ihre. Blößen zeigten. Diese Unbeholfenheit gab ihnen das Gefühl der Schwäche und Abgelebtheit." (Grätz im 11. Bande seiner „Geschichte der Juden" S. 419 f.) Und bezeichnenderweise fährt Grätz einige Zeilen weiter fort: „Ganz besonders mangelte das unentbehrliche Mittel, das eindringende Wort, wodurch man auf die öffentliche Meinung einwirken, sie lenken und ihre Torheit und phrasenhafte Leerheit klar machen kann." Hier wird also gerade das Fehlen der Predigt als eine der Ursachen bezeichnet, weshalb das Ansehen der Rabbiner in jenen Zeiten schwerer Konflikte immer mehr sank. Verderblich wird die Einrichtung der Predigt nur dann wirken — und das gibt Wohlgemuth schließlich selbst zu — wenn der Rabbiner nur Prediger ist, wenn er „sich nicht anders betätigt als im Reden" (S. 6). Wenn er dagegen seinen Pflichten als Lehrer und Jngendbildner, sowie als Berater der Gemeinde in allen religiösen und gemeinnützigen Angelegenheiten, mit Eifer nachkonunt, dann wird es ihm auch in seiner Eigenschaft als Kanzelredner an der gebührenden Achtung nicht fehlen. Der Verfasser geht nunmehr zur Darlegung des Zweckes der Predigt über. Was ist der Zweck der Predigt? Diese Frage wird nur dann richtig beantwortet werden können, wenn wir auf die Geschichte der jüdischen Predigt eingehen. Was wollten die ersten Prediger, die Propheten? Sie wandten sich an das religiöse Gefühl ihrer Zuhörer, um den Willen derselben zu beeinflussen. Bei einer Durchmusterung der gesamten Predigtliteratur ergibt sich nun, das; alle Arten der Predigt, wenn sie auch im einzelnen oft nicht die geringste Aehnlichkeit untereinander aufweisen, der Midrasch der Alten und die Predigt der hellenischen Juden, die Deraschah der deutschpolnischen Periode und die moderne Predigt, daß alle diese verschiedenen Arten unter einen Begriff gebracht werden können, daß man ein Moment heraussinden kann, das sie alle eben als Predigt charakterisiert: „Sie suchen den Willen zu bestimmen, indem sie das religiöse Gefühl erregen" (S. II). Bestimmung des Willens durch Erregung des religiösen Gefühls, das ist somit der Zweck der Predigt. Das heißt natürlich nicht, der Prediger habe die Aufgabe, im Einzelfalle durch eine bestimmte Predigt den Willen der Zuhörer zum Gehorsam zu zwingen; die Bestimmung des Willens ist vielmehr der End-